Hospet, der 18.01.2008

Urlaub in Goa
Euch allen noch ein frohes, neues Jahr 2008!
Wenige Stunden später hatte sich die Landschaft komplett verändert. Ich saß auf den Trittstufen und machte begeistert Fotos von dschungelbewachsenen Tälern und beeindruckenden Wasserfällen. Immer wieder schluckten Tunnel das Tageslicht und verstärkten die Geräusche, insbesondere die Jubelschreie der Trittbrettfahrer, die nach dem indischen Echo riefen.
Die Endstation kam schneller als erwartet. Die Hitze von Goas Hauptbahnhof in Madgaon und das Gewicht der Rucksäcke verlangten einiges ab, aber Taxifahrer Shiva verschaffte Abhilfe. Er stopfte unser Gepäck in den Kofferraum, kurbelte die Fenster herunter und fuhr uns zügig nach Assagao, zur Villa „Astoria“. Das völlig überteuerte Feriendomizil hatten unsere drei befreundeten Don-Bosco-Volontärinnen in Baroda als Treffpunkt und Nachtquartier vorgeschlagen und für Martin und mich bereits gebucht. Das Anwesen war im portugiesischen Kolonialstil erbaut und mit indischem Farbgeschmack angemalt worden. Auch wenn es ganz hübsch aussah, so konnten wir nicht umhin festzustellen, dass wir in einer Seniorenresidenz gelandet waren und die „unmittelbare Strandnähe“ etwa 15 Kilometer betrug. Etwas mürrisch bezogen Martin und ich erst einmal Quartier, während sich Laura und Thea in Anjunas direkter Strandnähe eine andere und preiswertere Übernachtungsmöglichkeit suchten.
Am nächsten Tag erreichten auch Franzi, Anna und Anne aus Baroda und Hannah aus Tamil Nadu die Villa Kunterbunt in Assagao. Wir hatten uns zuletzt auf den Vorbereitungsseminaren gesehen und so war die Wiedersehensfreude am anderen Ende der Welt groß. Wir fuhren zum Anjuna Beach, fanden erst nur Fels und Stein vor, wurden aber schließlich mit kostspieliger Hilfe zum Sandstrand gefahren. Das Meer war warm und lud zum Baden ein, der Sand war fast weiß und der Strandabschnitt nicht allzu voll. Kokospalmen, Ferienhäuser, Restaurants, Bars und Souvenirläden säumten die Uferpromenade. Wir legten uns auf die Liegen und genossen die Sonne, während Kinder, Inder und glitzernde Zigeunerfrauen an uns vorbeiliefen und Halsketten, Tücher, Sonnenbrillen, Obst, Eis, Trommeln und gebrannte Filme (mindestens 3 Filme auf einer „Original DVD“) zu verkaufen versuchten. Wer wollte, konnte sich auch massieren lassen oder gar die Ohren ausgeputzt bekommen. Wir lehnten beides dankend ab.
Als die Sonne im Meer versunken war, fuhren wir mit dem Taxi zur Villa „Astoria“ zurück. Da der dicke Wirt die bereits getätigte Anzahlung von 21.000 Rupien nicht mehr herausrückte, war es uns finanziell unmöglich, die Unterkunft zu wechseln. Wir mussten bleiben, machten aber das Beste daraus und verbrachten einen geselligen Abend mit Kellner Kleeten, der uns auf seiner Gitarre zu „Let It Be“, „Yesterday“ und „Country Roads“ begleitete. Das gemeinsame, mehrstimmig gesungene „Halleluja“ klang so schön und katholisch, dass Kleeten vorschlug, uns am nächsten Morgen in seine Kirche mitzunehmen. Wir stimmten zu.
Die Nacht war nicht sehr lang, sodass wir am nächsten Morgen etwas unausgeschlafen in Kleetens Jeep einstiegen und zu einer kleinen, weißen Kapelle fuhren. Die Pfarrgemeinde hatte sich im modernen Anbau versammelt und wartete eifrig auf das sich anbahnende Ereignis. Wir setzten uns in den großen Stuhlkreis und bekamen wie die Kinder eine rote Nikolausmütze auf den Kopf gesetzt. Das Programm sah zuerst ein Gebet vor, danach folgten zwei Weihnachtslieder in der goanischen Sprache. Alles ganz nett, doch der eigentliche Schwerpunkt der Veranstaltung stand noch bevor und dieser sprengte wirklich jede Erwartung. Es waren Spiele für jede Altersgruppe organisiert. Die kleinen Kinder machten den Auftakt im Bananenwettessen, dann schmatzten die Jugendlichen mit ihren Apfelsinen um die Wette. Für die deutschen Gäste gab es Wassermelone. Wir mussten uns in einiger Entfernung aufstellen und beim Startbefehl zur uns zugeordneten Person rennen, die das Melonenstück in der Hand hielt. Mein saftiges Stück wurde von einer alten, indischen Oma gehalten, die mich redselig anspornte, während ich meinen aufgesperrten Mund hastig in das rote Fruchtfleisch rammte. „Eat my dear boy, it’s good for health.“ („Iss mein lieber Junge, ist gut für die Gesundheit!“) Ihr Ansporn und ihr Gesicht erreichten das Gegenteil und der Wille zu Gewinnen wich einem herzhaften Lachkrampf. Ich konnte nicht mehr und beinahe hätte ich der Oma die Wassermelone ins Gesicht geprustet. „Du musst so viel essen, bis das Weiße zu sehen ist.“ ... Ich bekam den letzten Platz und die Oma war enttäuscht. Ich tröstete sie mit den Worten: „Ich bin eben kein guter Esser. Sorry.“ Die nächsten Spiele waren ähnlich lustig. Wir hatten alle Strohhalme im Mund und mussten einen Ring zur nächsten Person befördern, ohne die Hände zu benutzen. Dann konnte man im Stuhlwalzer gegen den Weihnachtsmann antreten oder die strengen Frisuren der Omas mit bunten Trinkröhrchen bestecken. (Ich wäre beim Melonenspiel sicher gestorben, hätte meine indische Oma schon zu diesem Zeitpunkt Trinkhalme im Haar gehabt!) Zum Schluss gab es noch, direkt nach unserem kurzen, eingeschobenen Halleluja-Auftritt, die Preise für die Erstplatzierten. Ich bekam als Trostpreis ein grünes Sandförmchen geschenkt. Dankend verabschiedeten wir uns von der Spaßgesellschaft.
Am Silvestertag fuhren wir nach dem Frühstück mit dem Bus nach Old Goa, der einstigen Hauptstadt der portugiesischen Kolonie. Wir besichtigten die Kathedrale St. Francis of Assisi und suchten vergeblich nach den malerischen, engen Gassen, wie sie im Reiseführer beschrieben sind. Etwas enttäuscht fuhren wir mit dem Bus nach Anjuna zurück. Während der Fahrt testete ich gleich mein in Old Goa gekauftes Reiseschachspiel mit einem weiteren Fahrgast. Mein indischer Gegner brachte eine völlig abstruse Elefantenzugregel ins Spiel ein, die mich fast den Sieg kostete. Trotzdem setzte ich ihn auch nach indischer Gültigkeit Schachmatt. ;-)
Silvester feierten wir am Strand von Anjuna. Etwa dreihundert Menschen, Inder und mindestens genauso viele Touristen, hatten aus dem Strand eine Tanzfläche gemacht. Die Musik kam vom DJ in der Lilliput-Bar. Allerdings brauchte man erst ein paar Schlücke von Goas süßem Portwein, um die Musik als Musik zu akzeptieren. (Techno und House sind einfach nicht mein Geschmack! Aber darauf baut eben Goas Partyszene, wie auch die in Bangalore.) Um 0 Uhr indischer Zeitrechnung wurde sich dann gegenseitig ein „Happy New Year“ gewünscht. Wir umarmten uns mit verschwitzten Indern, tanzten barfuß über den weichen Sand und beobachteten das grandiose Feuerwerk, dass das nachtschwarze Meer in allen Farben erleuchtete und bunte Funken auf uns herabregnen ließ.
Wir verbrachten noch die nächsten beiden Tage des neuen Jahres am Strand, um entspannt die Weiterreise nach Kerala antreten zu können. Schließlich wartete eine sechzehnstündige Zugfahrt auf Thea, Laura, Martin und mich, die uns entlang der Westküste Indiens ins südliche Kochi führen würde. Und so hieß es am Abend des 2. Januars Abschied nehmen, von unseren Volontärskolleginnen und vom relaxten Leben in Goa...
So jetzt mach ich erstmal eine Schreibpause. Die Erlebnisse in Kerala beschreibe ich im nächsten Blog-Eintrag. Fortsetzung folgt.
Euer Benedikt
