
Namaskara, my Lordship!
Heute wurde uns allen eine besondere Ehre zuteil. Ungefähr 30 Bischöfe aus ganz Indien hatten sich für das Mittagessen in unserem Projekt angemeldet. Sie waren einer Einladung des neugewählten Bischofs unserer Diözese Bellary gefolgt und hatten sich gestern zu einem großen Meeting zusammengefunden. Nun wollten die geistlichen Würdenträger noch die Ruinen von Hampi besichtigen und danach zu uns kommen. Jeder war total aus dem Häuschen.
Köchin Auntie hatte sich für dieses Event der Extraklasse ausreichend Verstärkung geholt und die Küche in ein aromatisches Schlachtfeld verwandelt. Überall brutzelte, dampfte und frittierte es, Frauen eilten zwischen Töpfen und Pfannen umher und trugen kiloweise Fisch, Huhn und Lamm herbei. Bruder Johnson und Hausmeister William schälten Mangos und schnipselten Gemüse. Auch die Schwestern vom Nachbarkonvent hatten sich wieder mit eingeklinkt und kümmerten sich in liebevoller Hingabe um die Tischdekoration. Alles musste perfekt sein. Die Serviette im Glas, der Teelöffel auf der Untertasse, das Messer und der Löffel rechts vom Teller. Die Kinder fegten und wischten derweil den Boden, andere entfernten Spinnennetze oder halfen bei der Gestaltung der „Hearty Welcome“ Schautafel. Um 12:30 Uhr war alles bereitet und wir warteten. „Wie redet man Bischöfe eigentlich auf Englisch an?“, fragten wir. „Mit My Lordship“, antwortete Father Henry. Dann klingelte das Handy von Father Varghese. Die Bischöfe würden sich verspäten, voraussichtliches Eintreffen gegen halb Drei. Da viele Bischöfe schon gestern abreisen mussten, kamen anstatt dreißig nur fünf. Dafür würde uns aber ein Kardinal besuchen kommen, Oswald Kardinal Gracias aus Bombay. Kurz vor drei Uhr war es dann endlich soweit. Ein fünfzehnköpfiges Polizeiaufgebot eskortierte mit Mopeds und Jeeps einen großen Reisebus. Die Kinder hatten sich in ihren gelben T-Shirts vor der Muttergottes-Statue versammelt und sangen ein kannadisches Begrüßungsliedchen und auch die Konvent-Sisters klatschten zu einem ihrer Verse. Der Kardinal war sicher fast zwei Meter groß, stellte sich als ein Riese zu den Kids und lächelte für die Fotokameras. Die vier Bischöfe in seinem Schatten folgten ihm ins Esszimmer, wo die Sisters bedienten. Father Henry stellte uns vor: „Das sind unsere beiden Volontäre aus Deutschland.“ – Wir nannten unseren Namen, küssten seinen Ring und vergaßen sämtliches „Lordship“ oder „Eminence“.. „Oh und wo genau kommt ihr her?“, fragte der Kardinal. „Aus Köln“, sagte Martin. „Aus Mühlhausen“, sagte ich, „liegt in der Nähe von Erfurt.“ Sowohl Köln als auch Erfurt kannte er. „Ich spresche auch ein bisschen Deutsch.“ Wir wollten uns gar nicht so lange aufdrängen, doch der Kardinal stellte weitere beherzte Fragen und wir antworteten brav – bis Martin den Spieß umdrehte. „Ich habe auch eine brennende Frage: Welchen Papst haben Sie eigentlich gewählt?“ Die Bischöfe am Tisch lachten, der Kardinal schmunzelte. „Papst Benedikt hat mich erst im November letzten Jahres zum Kardinal ernannt. Beim letzten Konklave war ich noch Bischof und leider nicht wahlberechtigt.“
Nach dem Festessen wurde noch ein Haussegen gesprochen, dann setzte sich der Reisebus mit der Polizeieskorte wieder in Bewegung und verschwand. Ruhe nach dem Sturm. Und Auntie konnte wieder aufatmen, auch wenn sich nun ein Abwaschberg in Himalaya-Größenordnung in ihrer winzigen Küche befand.
Im benachbarten Tochterhaus „Snehalaya“ haben Martin und ich mit den Malerarbeiten begonnen. Der Inder im Farbenladen hatte uns geraten, die betreffende Wand zuallererst Weiß zu grundieren. Schnell waren eine gelbe Plastikplane ausgebreitet und zwei Eisenpodeste aufgestellt. Dürkha, Ramesh und andere Kinder tauchten die Malerrollen in den weißen Farbeimer und reichten sie uns hoch auf die Plattform. Die Arbeitsteilung war klar, alles lief reibungslos, effektiv und schnell, sodass ich am nächsten Sonntag bereits die Früchte malen konnte. Eine gelbe Mango machte den Auftakt. Ich saß in drei Meter Höhe und pinselte, während die eifrigen Kinder unter mir die Mischtellerchen füllten und ganz nebenbei die englischen Farbwörter wiederholten. Als die Sonne unterging und nachdem die hartnäckige Farbe mit Verdünner von den Händen gewaschen war, brachte mich Sunil, der fünfzehnjährige Sohn einer Lehrerin, zum Projekt zurück. Ich saß auf dem Gepäckträger seines rostigen Klapperfahrrads, als wir über die an Schlaglöchern nicht arme Landstraße wackelten, an hupenden Lasterkolonnen vorbeifuhren und uns im Slalom durch mehrere Wasserbüffelherden schlängelten.
Auch in Indien ist mittlerweile das EM-Fieber ausgebrochen. Irgendjemand hatte eine EM-Spieltabelle an das Schwarze Brett in der Refectory gepinnt – nicht nur für uns. Auch die indischen Brothers sind am Fußballgeschehen im entfernten Europa sehr interessiert. Das Auftaktspiel gegen Polen mussten wir allerdings alleine schauen, da es aufgrund der Zeitverschiebung erst nach Mitternacht begann. Wie abgesprochen, hatten wir uns mitten in der Nacht ins Esszimmer der schlafenden Community geschlichen, den Fernseher angeschaltet und schockiert festgestellt, dass wir den entscheidenden Sportsender nicht empfingen. Wir hatten noch eine Chance und wir brauchten die komplette erste Halbzeit, um einen vernünftigen Livestream im Internet ausfindig zu machen. Wir fanden ihn und klebten die restlichen 45 Minuten an einem kleinen verschwommenen und verzerrten Video auf unserem Laptopbildschirm. Der Ball bestand nur aus wenigen Pixel, doch wir sahen genug, um uns über das zweite Podolski-Tor zu freuen. Gegen 2 Uhr war das Spiel vorbei und wir gingen schlafen. Wir hatten Bruder Cyril gebeten, die erste Stunde zu übernehmen, damit wir ausschlafen konnten.
Traurig, aber wahr: Unsere gemeinsamen Tage in Hospet sind gezählt, wir sind jetzt noch zweieinhalb Wochen im Projekt. Am 4.Juli trennen sich in Bangalore unsere Wege. Martin wird nach Deutschland fliegen und ich nach Delhi, um dort meine Familie zu treffen. Wir werden zuerst in Nepal das „Dach der Welt“ bestaunen und danach durch Indien reisen. In Hospet selbst werden wir eine Woche verweilen, bis es dann endgültig Abschied nehmen heißt. Die Vorstellung, all diese großartigen Kinder verlassen zu müssen, tut echt weh. Aber ich freue mich natürlich auch schon auf zu Hause und auf euch!
Bis die Tage!
Euer Benedikt
P.S. Der Scheck mit den Spendengeldern für das Snehalaya ist vor einer Woche endlich in Hospet eingetroffen. Wurde auch langsam Zeit, denn meine Zeit rinnt zusehends davon. Father „Rector“ Varghese hat mir aber sein Don Bosco Ehrenwort gegeben, dass spätestens Ende Juli alles fertig sein wird. Ich hoffe, dass er dieses Versprechen hält, damit ich den Spielplatz und die neue Fußballerde noch fotografieren und dokumentieren kann.
P.P.S. Wir haben wieder eine neue Jacqueline, ein neues Baby-Streifenhörnchen zu Gast in unserem Zimmer. Sie frisst am liebsten Mango und trinkt Milch, gedeiht prächtig, hüpft im Käfig herum und büchst immer mal wieder aus.
