Man öffnet die Augen und alles war nur ein Traum. Ungefähr so fühlt es sich im Moment für mich an, auch wenn ich weiß, dass mein zurückliegendes Jahr in Indien manchmal realer war, als mir lieb war. Ich sitze wieder zu Hause in meinem Zimmer, dass noch genauso aussieht, wie ich es vor elf Monaten verlassen habe. In der Ecke liegt noch mein alter Schulranzen, an der Wand hängen dieselben Poster. Draußen scheint die Sonne, die Luft ist rein, die Straßen sind sauber und nahezu menschenleer. Weder Kühe noch Schweine behindern den spärlichen Verkehr, der fast geräuschlos über die glatten Asphaltstraßen gleitet. Alles ist still, fast unheimlich still. Kein Kindergeschrei, keine Rikschahupen, kein muslimischer Muezzin, der singend zum Gebet ruft. Viele Dinge, die noch vor meiner Ausreise selbstverständlich waren, weiß ich neu zu schätzen, sei es eine warme Dusche, ein Abend ohne Stromausfälle oder ein knuspriges Vollkornbrot.
Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, bin ich sehr dankbar, dass ich in Indien als weißer Fremder aus dem reichen Westen eigentlich nie Angst zu haben brauchte. Ich bin oft, auch nachts, an Slumsiedlungen vorbeigelaufen, ohne beklaut oder gar angegriffen zu werden. Der Grund dafür ist die Volksfrömmigkeit der Inder. Jeder Hindu glaubt an das Karma, das alle guten und schlechten Taten erfasst und darüber entscheidet, ob er im nächsten Leben als Wurm oder als reicher Geschäftsmann wiedergeboren wird. Der Arme erduldet sein Schicksal, weil er weiß, dass er im vorherigen Leben ein reicher Gauner gewesen ist und er hat Angst, dass es ihm im nächsten Leben noch schlechter gehen könnte. Der Reiche hat nach hinduistischer Auffassung seinen Wohlstand durch sein gutes Vorleben verdient. Das Karma und der feste Glaube an die Wiedergeburt hält das Volk zusammen. Superreiche leben in friedlicher Koexistenz mit den Superarmen. Wolkenkratzer neben Wellblechhütte. Ohne die Religion wäre in Indien schon längst ein Bürgerkrieg oder gar die Anarchie ausgebrochen. Eine Milliarde Menschen, jeder gegen jeden. Der Glaube hält die Bevölkerung ruhig. Die Armen werden zwar ihr Lebensumfeld nie verlassen und streben auch nicht nach einem „besseren“ Leben, doch bedeutet reicher auch besser? Die Kinder, mit denen ich das Jahr zu tun hatte, waren bitterarm, unwissend, kamen gerade von der Arbeit in den Erzminen und doch haben sie gestrahlt wie die Morgensonne. Sie waren glücklicher und zufriedener, als ein Kind des Westens, dass zu Weihnachten einen eigenen Fernseher geschenkt bekommt. Jetzt wo ich wieder in Deutschland bin, fällt mir stark auf, dass hierzulande nicht wenig Menschen niedergeschlagen oder verstimmt aussehen. In Indien habe ich die Leute häufiger lachen sehen, Pessimismus war dort kaum jemandem anzusehen.
Man kann über die bonbonfarbenen Götter des Hinduismus schmunzeln, den Glauben an die Wiedergeburt belächeln, sich über die Vor- und Nachteile des Karmas streiten, doch habe ich einen großen Respekt vor der Lebensphilosophie des Hinduismus, denn die Menschen fühlen sich durch sie sehr viel besser, als man vermuten würde.
