Dienstag, 25. Dezember 2007

Der indische Weihnachtsmann

Hospet, der 25.12.2007
Happy X-Mas

„Christa tschäjanti habada schobaschegalu“ – Fröhliche Weihnachten an euch alle.

Wir haben hier in Indien vergebens auf unsere Vorweihnachtsstimmung gewartet, aber bei 25 Grad und Sonnenschein war es auch einfach albern, ein „Gloria in excelsis Deo“ zu singen. Nur ab und zu wurde uns vage bewusst, dass wir uns dem Weihnachtsfeste nähern, beispielsweise als ich mit Bruder Cyril einen Stern aus Bambusholz gebastelt habe oder als Martin von seinem Opa eine einzige Aachener Printhe per Post geschickt bekommen hat. Als der Geruch des Lebkuchens in unsere Nasen stieg und wir die typischen Gewürze auf der Zunge schmeckten, da wurde in uns wieder etwas wachgerufen. Leider verflog dieses Gefühl wieder sehr schnell. Trotzdem war das Weihnachtsfest im Don-Bosco-Projekt in Hospet sehr amüsant, unendlich kitschig und irgendwie auch schön, aber lest selbst.

Vorletzten Samstag, am 15. Dezember, wurde zu den „Christmas Carols“ aufgerufen. Die Hostel Boys und die Brothers sowie ein paar Nonnen aus dem Nachbarkonvent warteten bereits am Tor, als wir uns um halb fünf Uhr zu der wartenden Gruppe dazustellten – in der vermeintlichen Annahme, wir würden nur ein paar Weihnachtslieder singen. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, auf was wir uns da eingelassen hatten.
Father Varghese und Father Joy kamen mit zwei silbernen Serviertellern zu uns gelaufen, auf denen sie zwei Plastik-Jesuskinder mit rosaroter Haut und orangefarbenem Haar zur Schau trugen. Eine Nonne legte liebevoll ein paar knallrote Blüten um die beiden Figuren. Martin und ich mussten erstmal schlucken, denn der Anblick war so ungeheuerlich kitschig, dass es in den Augen richtig weh tat. Und der Schmerz wurde stärker, als plötzlich zwei maskierte Gestalten mit roten Mänteln und Mützen zu uns herüberliefen, einen aufgeklebten Wattebart trugen und einen von Glittergirlanden umwickelten Bambusstab in der Hand hielten. Die beiden Weihnachtsmänner waren zwei verkleidete Jungen aus dem Projekt, wie sich schnell herausstellte. Die Weihnachtsgesellschaft wurde von einem älteren Herrn mit stoppeligem Vollbart in zwei Gruppen geteilt. Dann ging es los, mit Gruppe Varghese, und ein gelber Bus wartete bereits an der Jambunatha Road. Bruder Vinod stimmte ein „Merry Christmas“ an und wir stiegen zusammen mit Weihnachtsmann, Plastik-„Baby Jesus“ und den singenden und trommelnden Hostel Boys in den Kleinbus ein.
Die Fahrt dauerte keine zwei Minuten, dann waren wir schon am Ziel: Beim Nonnenkonvent der Fatima-Schwestern. Es wurde ein kannadisches Lied gesungen, aus dem Matthäus-Evangelium vorgelesen und ein weiteres Mal „Merry Christmas“ angestimmt. Zum Schluss besprenkelte Father Varghese die Räume mit Weihwasser und ein Mädchen im weißen Kleid bekam einen Schein in die Spendendose gesteckt. Bevor wir das Ordenshaus verließen, gab es noch Kekse für jeden.
Dann fuhr uns der gelbe Bus zur nächsten Adresse: Zu einem etwas einsam stehenden Haus auf kargem Ödland. Nikolaus klopfte an die Tür, eine Frau machte auf, wir zogen die Schuhe aus und ruckzuck standen wir mit der ganzen Weihnachtsmeute im Wohnzimmer der Inderin. Wie unschwer zu erkennen war, befanden wir uns in einem christlichen Haus, denn von der Wand lächelten uns unzählige Jesus-Portraits entgegen. Neben dem kleinen Bett waren Regalbretter in die Mauer eingelassen, auf denen grüne und blaue Marienstatuen verehrt wurden. Auch Blumensträuße, Kruzifixe, Rosenkränze und blinkende Lichterketten waren Bestandteile dieses Hausaltares. Wieder die gleiche Prozedur: Gesang, Lesung, Gesang, Weihwassersegnung der Räume und zum Schluss reichte auch diese Frau ein paar Kekse herum, nachdem sie der quietschbunten Jesuspuppe auf die Stirn geküsst hatte.
Der nächste christliche Haushalt war eine kleine Wohnung im zweiten Stock und wir mussten eine schmale Treppe an der Hausmauer hinaufklettern. Diesmal hieß uns eine indische Familie willkommen. Auch sie besaßen diese geweihte Regalnische, nur mit dem Unterschied, dass dort neben Maria und Jesus auch ein dicker Hartgummi-Dinosaurier aufgestellt worden war.
Die nächste christliche Familie war weniger reich und sie wohnte in einer kleinen Wellblechhütte. Wir mussten erst über mehrere Pfützen und Abwasserrinnen springen, bis wir das Haus erreichten. Straßenkinder liefen uns hinterher und freuten sich über den seltsamen Besuch. Dabei waren sie sich nicht sicher, ob sie den Weihnachtsmann oder die beiden Weißen spannender finden sollten. Die Hütte bestand nur aus einem winzigen Raum, in den wir uns mühsam hineinquetschten und dort unser Programm vortrugen. Am Ende gab es keine Kekse und niemand schien es den Leuten übel zu nehmen.
Die nächste Behausung befand sich am Rand einer Landstraße und war noch kleiner. So klein, dass wir draußen vor dem Brett singen mussten, das als Haustür diente. Die armen Besitzer waren überglücklich über den vorweihnachtlichen Besuch und die eine Oma küsste Father Varghese sogar die Füße vor Dankbarkeit.
Wir fuhren von Haus zu Haus und die Stunden verstrichen, während sich unsere Spendendose mit Geld und unsere Mägen mit allerhand indischem Süßkram füllten. Als es dann langsam dunkel wurde und selbst das elektrische Licht ausfiel, hatten wir richtig Probleme, den Boden unter unseren Füßen zu sehen und bei den Türschwellen die eigenen Sandalen wiederzufinden. (Ich hatte für eine halbe Stunde einen falschen Latsch am Fuß, bis ich ihn beim übernächsten Haus wieder umtauschte!)
Die Stimmung bei den Busfahrten schwoll weiter an. „Jetzt kommen die reichen Häuser!“, meinte der zwölfjährige Messdiener Jacob, der grinsend auf meinem Schoß saß. „Und da gibt es die besten Süßigkeiten.“ Die Einfamilienhäuser umgab ein großes Grundstück, die geräumigen Wohnzimmer waren komfortabel eingerichtet. Ledercouch und Plasma-Fernseher waren die unverzichtbaren Statussymbole. Die Häusersegnung dauerte hier um einiges länger, weil Father Varghese mit seiner Weihwassersprenkelflasche in jeden der vielen Räume gehen musste. Und als er wieder zurückkam gab es eine ordentliche Spende in die Sammeldose sowie Fanta, Cola, Kaffee, Kuchen, süße Bällchen und Kekse für uns. Die Jungs zögerten erst und täuschten Bescheidenheit vor, doch als die Hausbesitzer wegsahen, wurden die Teller erbarmungslos leer geplündert. Mit prallgefüllten Taschen und vollgestopften Plastiktüten ging es zur nächsten Villa. Nach dem dreißigsten Haus, um 22.30 Uhr und nach insgesamt sechs Stunden Laufen, Singen und Essen war die vorweihnachtliche Plündertour vorbei.

Der 20. Dezember war der Hauptfeiertag. Die Hostel Boys hatten früh Weihnachtsferien und so musste Christi Geburt um vier Tage vorverlegt werden. Alle waren in emsiger Vorbereitung: Das Makkalla Mane wurde mit Girlanden geschmückt, in der Technical School entstand ein buntes Miniatur-Bethlehem und auf dem Basketballplatz wurden Bühnen, Beschallung und Beleuchtung installiert. Martin und ich waren mit dem Bau von vier Engelsflügeln beauftragt worden, die beim Krippenspiel zum Einsatz kommen sollten. So hatten wir Styropor und Watte besorgt und uns gleich an die Arbeit gemacht.
Als wir zum Mittagessen gingen, warteten die Brüder auf uns. Bruder Cyril ergriff etwas verlegen das Wort und richtete es an mich: „Benedikt, du musst etwas für uns tun und du darfst nicht Nein sagen.“ -Ja?- „Wir brauchen dich als Weihnachtsmann für heute Abend!“ Wer mich gut kennt, weiß, dass ich solche Angebote selten ablehne. Ich willigte sofort ein und die Brüder erklärten mir erleichtert, dass ich auf der Bühne ruhig Deutsch reden solle. Ich könne sagen was ich will, jemand gibt vor meine Worte zu übersetzen. Das klang wirklich verlockend, eine Rede zu halten, bei der es völlig gleichgültig ist, was man sagt. Am Nachmittag bekam ich einen Pappkarton mit meinem Kostüm: Eine ziemlich hässliche Nikolaus-Maske, weiße Gummihandschuhe, den roten Mantel und ein Kissen für den dicken Bauch. Die Handschuhe hielt ich für überflüssig, da ich doch schon weiße Hände hatte, aber Cyril bestand darauf. Dann erklärte er mir den ungefähren Ablauf des Abends.
Als es dunkel wurde, sich der Basketballplatz langsam mit Eltern, Sponsoren, Nonnen und Geistlichen füllte und die Kinder hinter der Bühne auf ihren großen Auftritt warteten, saß ich verkleidet in unserem Zimmer, ebenfalls wartend. Ich hörte die Begrüßungsrede und die laute Musik von draußen. Das Krippenspiel-Musical ging los. Als meine Zeit gekommen war, verließ ich das Zimmer, zog meine Maske über das Gesicht und schlich mich die Treppe hinunter. Plötzlich stolperte ich einem kleinen Inder in die Arme, der sich als mein Dolmetscher vorstellte. Er nahm mein Handgelenk und führte mich zu einem geschmückten Ochsenkarren, auf den ich mich unter einigen Schwierigkeiten draufsetzte. Ich bekam einen bunten Bambusstab in die Hand gedrückt, der mit Luftballons geschmückt worden war und dann wurde ich von den Hostel Boys auf die Bühne geschoben.
Schreiende Kinder, applaudierende Inder, laute Musik, viel Licht. Ich winkte mit meinen weißen Gummihandschuhen den Kindern zu. Martin meinte später, dass ich wie ein König durch die kreischende Menschenmasse gefahren bin. „Hohoho, fröhliche Weihnachten!“ Und niemand verstand mich. Auf der Bühne begrüßte ich alle und der kleine Moderations-Inder neben mir „übersetzte“ meine tiefen und für ihn fremdartigen Laute. „Von drauß’ vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!“ Dann sollte ich Gag-Geschenke verteilen, diese vorher auspacken und überreichen. Ständig hatte ich mit meinem rutschenden Bauch, dem unhandlichen Stab und der stickigen Maske mit den viel zu kleinen Gucklöchern zu kämpfen. Ich überreichte einen Motorradhelm, ein Vögelchen, zwei Kokosnussschalen, einen Jutesack, einen Hut und viele andere Dinge. Jedes Geschenk kommentierte ich und nur Martin, der mit der Videokamera alles aufnahm, verstand mich und fand es total lustig. Als die Veranstaltung vorbei war und ich etwas unbeholfen von der Bühne stolperte, stürzten sich die ganzen Kinder auf mich, hängten sich an meinen Bart und zogen mir an der Mütze. Nach unzähligem Hochheben, Händeschütteln und Umarmen konnte ich irgendwann mein Kostüm wieder ausziehen. Ich war total fertig, mir tat alles weh, aber es hatte trotzdem richtig Spaß gemacht - der indische Weihnachtsmann gewesen zu sein.

Am nächsten Tag kamen Martins Schwester Thea und ihre Freundin Laura zu Besuch. Sie waren von Deutschland nach Goa geflogen und von dort mit dem Zug nach Hospet gefahren. Wir holten sie vom Bahnhof ab und zeigten ihnen das Projekt. Nachdem die Kinder ihre Geschenke bekommen hatten, saßen wir mit den Fathers und Brothers in großer Runde um das weihnachtliche Festmahl: Huhn, Fisch, Reis, Soße, Trauben, Bananen und Gummibärchen aus Deutschland, die Thea und Laura mitgebracht hatten. Nach dem Weihnachtsessen war Bescherung und eine grässliche Weihnachtsmannpuppe mit Saxophon sang Jingle Bells. Father Varghese bedankte sich für die Spendengelder, die wir für die Weihnachtsgeschenke der Kinder organisiert hatten. Dann meinte er weiter, dass sie uns auch eine Kleinigkeit schenken wollten und wir bekamen jeder einen Plastikbeutel überreicht. Als wir auspackten, mussten wir uns wirklich ein Lachen verkneifen. Wir bekamen jeder drei kitschige Elefanten aus Hartgips und eine rosa-orangefarbene Micky-Mouse-Decke geschenkt, die Johnson in Bangalore für uns gekauft hatte. Wir waren über die freundliche Geste sehr gerührt, mussten aber doch einige schauspielerische Kraft aufbringen, um die Geschenke ernst zu nehmen und Dankbarkeit vorzuheucheln.

Weihnachten in Indien war Kitsch ohne Ende und man vermisst das was man gewöhnt ist. Wie gerne hätte ich wie jedes Jahr mit meiner Familie den Baum im Wohnzimmer geschmückt, Plätzchen gebacken und gegessen und deutsche Weihnachtslieder gesungen, während es draußen schön kalt ist. Im nächsten Jahr wieder und dann werde ich es doppelt zu schätzen wissen.


Euer Benedikt
unter der Weihnachtspalme.


P.S. Am Donnerstag fahre ich mit Martin, Thea und Laura für zwei Wochen nach Goa und Kerala. Wir wollen Silvester am Strand von Anjuna feiern, die Backwater-Flussärme von Keralas Küste mit Reisbooten befahren und die Teeplantagen von Munnar besichtigen.

Sonntag, 16. Dezember 2007

Bang Bang Bangalore

Hospet, der 16.12.2007

Bangalore

Einen herzlichen Adventsgruß bei 20 Grad aus Indien.

Bruder Johnson vorletzten Dienstagabend: „In zwei Stunden fahr ich nach Bangalore, wollt ihr mit?“ Natürlich wollten wir ... die Stadt sehen, die wir bei unserer Ankunft nur flüchtig wahrgenommen hatten und die als das Silicon Valley von Indien bekannt war. Außerdem musste ich noch einen großen Rucksack für unsere bevorstehenden Reisen kaufen. Father Varghese hatte nichts gegen unseren spontanen Ausflug einzuwenden und so suchten wir rasch ein paar Klamotten, Reiseklopapier, Zahnbürsten und Handtücher zusammen. Auch Martins Laptop nahmen wir mit. Kurz darauf standen wir mit Johnson und vier Hostel Boys an der Jambunatha Road und warteten auf zwei Rikschas, die uns zum Busbahnhof bringen sollten. Die vier Jungen kamen mit, weil sie in einem Don-Bosco-Projekt in der Nähe von Bangalore einen Lehrgang besuchen durften. Am Busbahnhof von Hospet angekommen, wartete bereits ein recht luxuriöser Bus auf uns, den Johnson ausgesucht hatte. Die Fahrt durch die Nacht, über die relativ ebene, asphaltierte Überlandstraße nach Bangalore war weniger holprig als befürchtet, sodass wir fast schlafen konnten.

Doch bevor es nach Bangalore ging, mussten wir die vier Jungen zu ihrem Projekt bringen. Nach mehreren Stunden zusätzlicher Busfahrt durch zahllose indische Dörfer, holte uns schließlich ein Don-Bosco-Geländewagen von irgendeinem Busbahnhof ab. Dann fuhren wir über eine ziemlich lange, schmale Straße, vorbei an ein paar vereinzelten Siedlungen, zu einem vierkantigen Gebäude, das auf den ersten Blick wie ein Gefängnis aussah. Das Projekt Ajjanahalli liegt zwischen Bangalore und Mysore, mitten in der absoluten Abgeschiedenheit. Dass sich hierher Straßenkinder verirren, schien mir unmöglich. Der Jeep hielt vor dem Eingangstor des quadratischen Rundbaus und zwei Fathers begrüßten uns herzlich. Wir bekamen einen Zimmerschlüssel und durften uns erstmal ausruhen. Nach ein paar Stunden Schlaf lernten wir dann die Brüder und die Volontäre kennen. Eine kam aus Spanien, zwei aus Belgien und die vierte war eine 58jährige Amerikanerin. Kinder sah ich kaum, sie alle wären noch in der Schule im Nachbarort, wurde mir gesagt. Johnson und die Spanierin Maite zeigten uns indes das weitläufige Gelände. Sie führten uns auf einen gewaltigen Felsen, von dem wir eine fantastische Sicht hatten. Als am Nachmittag ein paar mehr Kinder auftauchten, nahmen wir die kleine Gruppe Kinder an die Hand und liefen zu einer Felsennische, in der irgendein krötenähnliches, steinernes Wesen verehrt wurde. Neben der hockenden Skulptur gab es Pigmentfarben zum Selber-Auf-die-Stirn-schmieren. Die Kinder hatten nicht lange gezögert und sich gleich das ganze Gesicht mit blauer, roter und violetter Kreide eingerieben. Als wir genug gehuldigt hatten, nahmen wir die bunten Kinder wieder an die Hand und ließen die Hindu-Kröte in ihrer Felsenhöhle zurück.

Am nächsten Morgen ging es dann mit dem Jeep nach Bangalore. Martin und ich saßen auf der Rückbank im Kofferraum zusammen mit zwei Kindern, die ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Nach drei Stunden steckten wir dann auch im chaotisch-zähen Berufsverkehr der Millionenmetropole fest. Was alles eine Hupe besaß, hupte und trotzdem tat sich nicht viel. Johnson meinte irgendwann, wir sollten zu Fuß weiter und so verabschiedeten wir uns von den restlichen Insassen und stiegen aus. Die Luft war voller Abgase und Staub, die breiten Straßen allerdings weitestgehend müllfrei und asphaltiert. Wir liefen auf dem schmalen Bordstein entlang und betrachteten die eindrucksvollen Gebäude zu beiden Seiten der lärmenden Straße. Fabrikanlagen, Firmengebäude, Hotels und Kaufhäuser waren hier in die Höhe geschossen. Es wäre nicht mehr weit, meinte Johnson. Die MG Road und die Brigade Road, das kommerzielle Herz Bangalores, wären unmittelbar in der Nähe. Wir überquerten eine weitere pulsierende Verkehrsader, nutzten eine kurze Grün-Phase der Ampel aus, rannten über einen Zebrastreifen, bogen um eine letzte Straßenecke und dann sahen wir sie: Die Brigade Road. Überall Werbung, Reklame, Banner. Nokia, Sony, Adidas und Siemens wetteiferten in der Kategorie Aufdringlichkeit. Auch sämtliche Fastfoodketten leuchteten uns einladend entgegen. Die bunten Logos von McDonalds, PizzaHut und Subway waren an den Gebäudefassaden sofort auszumachen. Klar freuten wir uns auf eine knusprige Pizza und einen leckeren, nichtvegetarischen (!) Hamburger, erst recht nach drei Monaten Reis und Soße, aber trotzdem: Wo waren wir denn hier gelandet? Waren wir noch in Indien? Ja, wir mussten. Im Schatten der pompösen Werbebanner waren noch vereinzelt Obstläden und Straßenkiosks zu erkennen. Auch ein kleines indisches Schnellrestaurant hielt sich tapfer in einer schmalen Häusernische, der ständigen Gefahr ausgesetzt, von den zwei benachbarten Geschäftsriesen zerquetscht zu werden. Und auch die kleinen gelben, dreirädrigen Rikschas waren ein Witz gegen die Luxusschlitten der Marken Mercedes, Lexus, Chevrolet, Mitsubishi und Porsche, die an uns vorbeirauschten. Wir liefen weiter und unser Blick fiel auf die Menschen, die uns entgegenkamen. Sie sahen gar nicht mehr indisch aus! Die Frauen trugen fast keine Saris mehr, sondern häufig Jeans und enge Oberteile. Die Männer liefen in feinen Anzügen und mit Aktenkoffer herum. Die High Society von Bangalore flanierte in diesem Stadtteil, zusammen mit den weißen Geschäftsleuten und den nicht viel ärmeren Touristen. Gerade als wir Johnson zu einer Pizza einladen wollten, sah ich einen Bettler am Bordstein entlang kriechen. Er konnte anscheinend nicht laufen und robbte sich mühsam über den sauberen Boden. Alle zwei Meter hielt er inne und streckte seine Hand so hoch er konnte, den wohlhabenden, vorbeieilenden Menschen entgegen. „Nicht jeder ist so reich wie ihr... vergesst das nicht!“ Vielleicht murmelte er genau diesen Satz.
Der PizzaHut in Bangalore hatte Preise, die den deutschen entsprachen. Da wir aber an die indischen Preise gewöhnt waren, mussten wir nicht nur die Pizza verdauen. Nach dem Genuss der ofenfrischen Köstlichkeit verabschiedete sich Johnson von uns, weil er noch im Büro von BREADS vorbeischauen musste und weil er am Abend schon wieder nach Hospet zurückfahren wollte. Da wir es vorzogen, länger in Bangalore zu bleiben, fragten wir ihn nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Das Hauptquartier von BREADS würde gerade renoviert, meinte er, aber eine Unterkunft bekäme man hier überall für 800 Rupien (14 Euro) die Nacht. (Zum Vergleich: Im Touristenort Hampi kostet eine Übernachtung nur maximal 400 Rupien!) Martin hatte aber eine Idee, wie wir vielleicht sehr viel preiswerter unterkommen könnten. Er holte seinen Laptop hervor, schloss sein GPRS-Handy an und nutzte es als Modem, um eine Internetverbindung aufzubauen. Es klappte. Dann loggte er sich ins StudiVZ ein, um einer flüchtigen Internetbekanntschaft der Gruppe „Bang Bang Bangalore“ eine Nachricht zu schicken. Die Internetbekanntschaft hieß Mareike, war Studentin für Medizinische Informatik und wohnte gerade in Bangalore. Die Nachricht war: „Hallo, hier ist Martin. Können Benedikt, ein Freund von mir, und ich heute Nacht bei dir in der WG pennen?“ Wir wussten nicht, ob sie die Mitteilung rechtzeitig lesen und ob sie Ja sagen würde, aber ein Versuch war es wert. Dann verließen wir die Pizzeria, um das Stück westliche Welt weiter zu erkunden.
Es dauerte auch nicht lange, da war ein passender Rucksack für mich gefunden, eine neue Jeans folgte wenige Minuten später, ebenso neue Kontaktlinsen und eine Armbanduhr für Martin; sogar die neue Harry Potter DVD in deutscher Sprache hatten wir gekauft. Wir saßen gerade mit Martins Laptop in einem Straßencafé als die Antwort von Mareike kam: „Ist möglich, lasst mich aber zuvor meine Mitbewohner fragen.“ Am Abend fuhren wir mit der Rikscha zum vereinbarten Treffpunkt und trafen Mareike vor einem gewaltigen Hotelkomplex. Sie führte uns eine kleine Seitenstraße entlang, zu einem mehrstöckigen Haus mit Fahrstuhl. Im vierten Stock war ihre Wohnung. Wir legten unsere Sachen in der WG ab, quatschten kurz mit ihrer ungarischen Mitbewohnerin und luden Mareike in eine Bar ein.
Gegen zwölf Uhr waren wir wieder in ihrer Wohnung. Martin schlief auf dem Sofa und ich rückte mir zwei Sessel zu einem viel zu kurzen Bett zusammen. Als die Sonne aufging und Mareike zu ihrem Praktikumsplatz musste, verließen auch wir die inzwischen internationale Wohngemeinschaft und nahmen eine Rikscha zur Brigade Road. Doch die Brigade Road war wie ausgestorben. Kein Geschäft hatte offen, alles war totenstill. Wir frühstückten indisch, in einer kleinen Imbissbude etwas abseits. Danach besichtigten wir das Don Bosco Mane, ein Projekt für Straßenkinder in Bangalore. Das Projekt besaß nur ein kleines Grundstück und so beschränkte sich die Anwesenheit der paar Kinder eher auf die unterschiedlichen Stockwerke des Hauses.
Am Nachmittag trafen wir Bertram, unseren Architekturstudenten. Er zeigte uns seine Wohnung und das Stück Fußboden, das er uns für die nächste Nacht reserviert hatte. Wir sollten noch eine Nacht bleiben, weil er uns auf eine Party mitnehmen wollte. Martin war für diese Idee schneller zu begeistern als ich, aber letztendlich war es doch ganz nett. Der Eintritt zum Fugu kostete normalerweise 500 Rupien, da wir aber von irgendwem freundlicherweise auf eine Liste gesetzt wurden, brauchten wir nichts zu bezahlen. Die Disco war ziemlich voll. Vorrangig weiße Touristen und Studenten, aber auch reiche Inder tummelten sich auf der nebligen Tanzfläche. Der längliche Raum war in farbiges Licht getaucht, Plasma-Monitore zeigten surreale Lifestyle-Filme, an einer langen Bar wurden Cocktails mit astronomischen Preisen gemixt. Zwar waren Stimmung und Musik gut, trotzdem wäre ich lieber bei meinen hundertfünfzig kleinen Freunden in Hospet gewesen. Gegen halb zwölf Uhr war der DJ auf eine Anordnung der Regierung hin gezwungen, keine Musik mehr zu spielen und das Tanzlokal zu schließen. Die enttäuschten Gäste wurden auf die Straße gesetzt, wo schon die Rikschafahrer im angepassten Preisniveau lauerten.
Am nächsten Morgen erwachten Martin und ich auf einem dünnen Bettvorleger in Bertrams Wohnung, die er sich mit drei Indern teilte. Wir verabschiedeten uns und fuhren zum Busbahnhof. Von dort aus ging es mit dem öffentlichen Bus in einer sechsstündigen Wackeltour durch sämtliche Nester wieder zurück ins gewohnte Hospet. Verspannt, müde und mit Kopfschmerzen fielen wir in unsere Himmelbetten im Don Bosco Projekt.

Erstes Fazit der Reise: War sehr interessant und genussvoll, aber anstrengend und unkomfortabel.


Zweites Fazit der Reise: Bei unserem spontanen Ausflug nach Bangalore haben wir eine ganz neue Seite von Indien kennengelernt. Ein neues, modernes und reiches Indien, das jahrtausendealte Traditionen und Werte plötzlich ablegt und der westlichen Welt nacheifert. Gerade in Bangalore haben wir sehr deutlich gemerkt, wie zwei mächtige Kulturen miteinander kollidieren und es scheint, als hätte die westliche Welt in den Stadtteilen MG Road, Commercial Road und Brigade Road bereits gesiegt. Zwei Bilder haben sich jedenfalls in meinen Kopf eingebrannt: Zum einen der kriechende Bettler zwischen den reichen Fußgängern und zum anderen die dicke Inderin im Sari bei McDonalds, die lustvoll in ihren ChickenBurger beißt...

Liebe Grüße zum dritten Adventssonntag und euch allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest in der Heimat. Schätzt das Gewohnte! ;-)

Euer Benedikt,
der immer noch auf seine Vorweihnachtsstimmung wartet.