Sonntag, 6. April 2008

Musik-Clip "Warum ist diese Welt so grausam?"

Ein Lied über die Grausamkeiten dieser Welt - gesungen von einigen indischen Kindern aus unserem Projekt. Der Song ist auf Kannada, ich habe aber deutsche Untertitel hinzugefügt: http://www.youtube.com/watch?v=aYaA6JRTv3I



Frontsänger: Jamie & Veeresh
Chorleitung: Father Henry
Tonaufnahme und -bearbeitung: Martin Altmann
Regie, Kamera & Schnitt: Benedikt Winkler

Donnerstag, 3. April 2008

Aufruf zur Spenden-Aktion


Namaskara alle miteinander!

Ich möchte eine Spendenaktion für das „Snehalaya“, dem „Haus des Lachens“ starten. Wer die letzten Blog-Einträge gelesen hat, weiß schon worum es geht. Es handelt sich hier um das Tochterprojekt von Don Bosco, welches vor wenigen Wochen neu aufgemacht hat. Es liegt direkt bei den Abbaugebieten der Eisenerzfelder, ungefähr drei Kilometer außerhalb von Hospet. Ziemlich spontan sind etwa 50 Kinder unseres Projektes dorthin umgezogen und werden nun durch Bruder Tony und Lehrerin Jothy betreut und unterrichtet.
Die Jungen und Mädchen im Alter von 6 bis 13 Jahren kommen aus ärmlichen Verhältnissen und meist sogar direkt von der Arbeit in den umliegenden Erzminen. Ziel des Projekts ist es, den Kindern Bildung zu vermitteln und gegen die Kinderarbeit zu wirken.
Wir haben unsere lieb gewonnenen Kids gleich am nächsten Sonntag besucht, Bonbons verteilt und uns das neue Projekt angeschaut. Leider mussten wir feststellen, dass es dort noch an vielem fehlt. Bis jetzt steht da nur ein einziges Haus in der recht trostlosen Steppe und ist nicht zu vergleichen mit der „Oase“, in der wir leben.

Ich möchte sehr gerne Spenden für das Snehalaya sammeln und kenne auch konkrete Maßnahmen, die finanziert werden sollten:


1. Mehrere LKW-Ladungen mit Erde
. So ernüchternd es auch klingen mag, in erster Linie wird Erde gebraucht! Der Boden um das Snehalaya ist steinig und unfruchtbar. Kaum eine Pflanze kann auf dem harten Grund gedeihen und die Kinder verletzen sich häufig beim Fußballspiel. Mehrere LKW-Ladungen mit guter Roterde kosten inklusive Antransport 740 Euro.
2. Den Bau einer Palmenhütte
, die als Unterrichtsraum genutzt werden kann. Die älteren Jungs aus unserem Projekt können die Hütte bauen. Bezahlt werden muss lediglich das Material, welches ca. 500 Euro kostet.
3. Ein Spielplatz für die Kinder
, bestehend aus Rutsche, Schaukel, Wippe und Karussell. Die Kosten hierfür belaufen sich auf etwa 1050 Euro.

Bei meiner Entsendeorganisation Don Bosco Mission in Bonn habe ich das neue Snehalaya zu Spendenzwecken registrieren lassen und die Projektnummer „INK08-073“ zugeteilt bekommen. Hier die Bankverbindungen des Spendenkontos:

Kontoinhaber: Don Bosco Mission
Kontonummer: 222 744 700
bei der Dresdner Bank Köln, BLZ: 370 800 40
Im Verwendungszweck unbedingt die Projektnummer: „INK08-073“ angeben!

Spendenquittungen kann man bei der Projektreferentin Frau Margret Vogt bekommen.
(Don Bosco Mission, Sträßchensweg 3, 53113 Bonn;
Telefon: 0 228 53 965 22, Fax: 0 228 53 965 65, E-Mail: vogt@donboscomission.de)

Ich garantiere, dass die eingehenden Spendengelder vollständig und nur dem Snehalaya in Hospet und den Kindern dort zugute kommen. Über den Verlauf und den Ausgang der Spendenaktion werde ich demnächst und nach meiner Rückkehr berichten.

Sprecht das bitte mal rum, spendet vielleicht selbst ein paar Euros oder überredet andere Leute, etwas zu spenden. Wäre echt super und is’ auch für’n guten Zweck ;-)

Habt vielen Dank und liebe Grüße.
Euer Benedikt

1237 Stufen bis zur Erleuchtung

Hospet, der 03.04.2008

Thailand

Sawasdee khaaab!
Und weiter geht’s mit der ziemlich ausführlichen Fortsetzung vom Thailand-Bericht...

Ich befand mich also auf der Fähre nach Krabi und hatte damit gerechnet, für die nächsten Tage auf mich allein gestellt zu sein. Es kam anders. Gerade wollte ich in Krabi an Land gehen, als mir ein bekanntes Gesicht unter den Passagieren entgegengrinste. Es war Sheila, die junge, redselige Kanadierin mit den tausend Sommersprossen um die Nase. Sie hatte die letzten Tage in der Nachbarhütte mit uns im Ao Poh Resort gewohnt und war wenige Stunden früher als wir zur Weiterreise aufgebrochen. Sie stellte mich einem Türken namens Ufo-K vor, den sie auf der Fähre kennengelernt hatte. Zu dritt betraten wir thailändisches Festland und suchten vergeblich einen Taxifahrer, der uns im richtigen Preis-Leistungs-Verhältnis zu irgendeinem „Railay Beach“ fahren sollte. Schnell wurde klar, dass sich zu dritt ein Taxi nicht lohnen würde, also versuchten wir Mitfahrgäste zu gewinnen. Wir fanden zwei Frauen aus Polen und sogar einen halbwegs ehrlichen Fahrer. Während der internationalen Taxifahrt stellten wir uns einander vor. Sheila hatte für ein halbes Jahr in Australien als Kellnerin gejobbt, Ufo-K war die bekannte Partykanone aus Ankara („Kummst du Party in Ankara, jeder kennt misch!“) und die zwei Polinnen machten gerade eine Südostasienreise, waren schon in Vietnam gewesen und trugen passenderweise je einen dieser kegelförmigen Reisstrohhüte auf dem Kopf. Der Taxifahrer fuhr uns zu einer verheißungsvollen Uferstelle. Um letztendlich zum Railay Beach zu gelangen, mussten wir nämlich umsteigen. Das Longtail-Boot wartete bereits auf uns, steckte allerdings noch im Uferschlamm fest. Wir wateten durch das knietiefe, braune Wasser und drückten mit vereinten Kräften gegen den schmalen Holzbug, während unsere Füße im morastigen Untergrund versanken. Als das Boot schließlich auf dem trüben Wasser trieb, kletterten wir hinein. Nachdem wir eine Weile an spektakulären Felsen vorbeigetuckert waren, stoppte der Bootsmann den Motor an einem ziemlich dreckigen Kiesstrand. Die Ostseite des Railay Beaches sah so aus, als hätte Stunden zuvor ein weiterer Tsunami die Uferlandschaft komplett verwüstet. Nur ein paar resistente Mangroven hatten überlebt und versperrten mit ihren dicken Wurzeln die Sicht auf die offene See. Ein paar Rucksack-Traveller wuselten enttäuscht herum und klagten darüber hinaus, dass es in der Gegend nur überteuerte Hotels und Luxus-Ferienanlagen gäbe. Auch wir schlossen uns schnell dieser Meinung an. Doch anstatt in Übellaunigkeit zu verfallen, suchten wir lieber einen Weg zur Westseite der Landzunge. Zehn Minuten Fußmarsch und wir fanden uns an einem langen Postkartenstrand wieder. Allerdings waren hier die Hotels und Resorts nicht preiswerter. Die beiden Polinnen hatten genug von der Herbergssuche, verabschiedeten sich von uns und buchten die nächstbeste Gelegenheit zum astronomischen Höchstpreis. Wir fragten die Badegäste am Strand um Rat, die uns die Nachbarbucht Ao Ton Sai empfahlen. Einfach ein Taxiboot nehmen oder um die Klippe und über die Felsen laufen. Nein zum Ersten, Ja zum Zweiten, weil Option Zwei nichts kostete. Der Weg war ziemlich abenteuerlich. Wir wateten erneut durch Wasser, liefen mit unseren schwer ungeeigneten Flipflops über den rauen, steinigen Grund und kletterten über bizarre Felsen und durch Höhlen, die das Wasser im Wechsel der Gezeiten ausgewaschen hatte. Irgendwann hatten wir die Klippe umlaufen und vor uns erstreckte sich die sichelförmige Bucht von Ao Ton Sai. Tatsächlich fanden wir hier ein paar hundert Meter vom Strand entfernt, von Regenwald und Steilwänden umgeben, eine preiswerte Bungalowanlage. 1000 Baht (21 Euro) kostete das 3-Bett-Bungalow die Nacht. Das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen war inklusive und eine kulinarische Paradieserfahrung für jeden indischen Volontär. Es gab Brot, Brötchen, Toast, dazu Wurst, Käse und Marmelade, die nach richtiger Marmelade schmeckte – mit echten Fruchtstückchen (In Indien ist das mehr eine hellrote, süß schmeckende Geleemasse mit chemischen Aromastoffen)... Dazu Früchte, Saft, Milch, Joghurt, Quark und alle erdenklichen Müslisorten. Und mehrere Thais mit weißen Kochmützen auf dem Kopf brutzelten fleißig Spiegeleier und rollten gemüse- und speckgefüllte Rühreiwürste in der Pfanne... entfalteten einen Duft, dass es einem... (!) Nee, unglaublich.
Nach dem Frühstück verabschiedete sich Ufo-K von uns, weil er nach Bangkok wollte. Sheila und ich nahmen ein Boot zur nächsten Bucht. Ao Nang empfing uns mit einem starken Regenguss und ausgebuchten Unterkünften. Und so ging die Suche wieder von vorne los, nur dass wir diesmal auch von oben nass dabei wurden. In der zweiten Etage über einem kleinen Klamottengeschäft fand sich schließlich ein spartanisches Zimmer für 500 Baht die Nacht. Da es draußen immer noch regnete, spielte ich mit Sheila Karten. Als der Regen aufgehört hatte, erkundeten wir die nähere Umgebung.
Die Strandpromenade von Ao Nang war touristischer als alles bisher gesehene. Wohin man nur sah, erblickte man Restaurants, Souvenirshops, Videotheken und Internetshops. Und in den 7Eleven-Supermärkten konnte man wirklich alles kaufen, was der Tourist aus dem Westen gewöhnt ist. Jeden noch so dummen Schokoriegel gab es importiert. Sheila und ich erkundigten uns in den zahlreichen Reisebüros nach Tagesausflügen. Ich entdeckte eine Hochglanzbroschüre, welche einen Ritt auf einem Elefanten, eine Wanderung durch den Dschungel, ein Bad unterm Wasserfall und die Besichtigung eines buddhistischen Tempels im Khao Phanom Bencha Nationalpark anpries. Klang gut, ich buchte die Tour für den nächsten Tag. Sheila entschied sich stattdessen für eine Bootsfahrt zu vier bekannten Inseln in der Phang Nga Bucht.
Und so standen wir am nächsten Morgen pünktlich um halb Neun Uhr vor dem kleinen Reisebüro und wurden von zwei unterschiedlichen Veranstaltern abgeholt. Ich setzte mich zu einer fünfköpfigen schwedischen Familie in den Laderaum eines Lieferwagens. Während der Fahrt zum Nationalpark erzählte ich von meinem Zivildienst in Indien. Später redeten wir über die makellosen Strände auf Ko Phi Phi, über den Film „The Beach“ und über Pettersson und Findus. Gerade waren wir bei den Auswirkungen der globalen Erwärmung in Schweden, als der Wagen hielt und uns an einer Waldlichtung ausspuckte. Auch andere Touristen hatten sich hier versammelt und saßen wartend um die Holztische eines Rastplatzes. Dann kamen die Elefanten. Eine Karawane von acht ausgewachsenen Tieren, mit je einer Sitzbank auf dem Rücken und einem Thai auf dem Kopf. Über eine Leiter kletterten wir nach oben. Ich teilte mir anfangs eine Bank mit dem schwedischen Elternpaar, doch als unser Elefantenführer erfuhr, dass ich mir in Indien gewisse „Erfahrungen“ beim Reiten auf Elefanten angeeignet hatte, fragte er mich, ob ich nicht lieber gleich auf dem Kopf des Dickhäuters sitzen wolle. Die Bank war eh zu schmal für uns drei und so kletterte ich auf den borstigen Kopf des Elefanten und hielt mich so gut es ging an den zwei Buckeln auf seiner Stirn fest. Und während wir durch den dichten Dschungel schaukelten, klatschten im steten Rhythmus die Ohren des Kolosses gegen meine Beine. Die Karawane folgte die meiste Zeit dem Lauf eines ausgetrockneten Bachbetts. Später ging es dann auch durch Wasser und die Elefanten nutzten die Chance, ein bisschen rumzuspritzen. Nach einer Stunde erreichten wir wieder den Rastplatz bei der Waldlichtung. Während der Fütterung mit Bananen kam der Ausflugsveranstalter zu mir und fragte mich höflich, ob ich die Tagestour in eine Halbtagestour ändern lassen möchte – ich wäre der Einzige der gesamten Touristengruppe, der das volle Dschungelprogramm gebucht hatte. Keine Dschungelexpedition und kein Wasserfall wäre die bittere Konsequenz. Doch die Vorstellung, allein unterm Wasserfall zu baden, während mein privater, thailändischer Dschungelguide die ganze Zeit am Ufer steht und auf mich wartet, war auch irgendwie zu blöd. Ich willigte der Planänderung zu und bekam Geld zurück.
Ein Programmpunkt stand allerdings noch aus und diesen sah auch die Halbtagestour vor: Die Besichtigung des buddhistischen Tigerhöhlen-Tempels. Unser Reiseleiter stellte uns gleich nach Erreichen des Tempelareals vor eine Entscheidung, die ich komplett unterschätzte. Ich verstand nur „toller Aussichtspunkt auf einem Felsen, auf dessen Spitze ein Goldener Buddha sitzt. „Wer sich zutraut, die Treppe mit den 1237 Stufen hochzusteigen, sollte jetzt damit beginnen.“ Die ersten fünfhundert Stufen waren kein Problem, man musste nur vor diebischen Affenbanden auf der Hut sein, die am Geländer herumturnten und auf Fotoapparate, Handtaschen und Sonnenbrillen aus waren. Die letzten Stufen erwiesen sich jedoch als echte körperliche Kraftanstrengung. Viele ältere Touristen hatten bereits kehrtgemacht, ein paar zähe buddhistische Pilger kraxelten unbeirrt weiter.
Schweißnass und keuchend erreichte ich irgendwann den Aussichtspunkt. Verschnaufen konnte man bei einer Tasse mit kühlem Wasser aus dem Trinkwasserspender und bei einem grandiosen Ausblick auf die umliegenden Nachbarfelsen. Und auf der Dachterrasse saß er dann, zwischen zwei fünfköpfigen Schlangen und von mehreren bunten Kriegern bewacht: Der Goldene Buddha. Er war etwa sieben Meter groß, hatte unnormal lange Ohrläppchen, gekräuseltes Haar und trug eine spitz zulaufende Krone. Seine Hände hatte er auf den Schoß gelegt, die Handflächen zum Himmel geöffnet. Die goldene Statue zeigte den „Erleuchteten“ in seiner berühmten Pose, in der Meditationshaltung.
Viel wusste ich nicht über diesen Buddha. Meine inzwischen pensionierte Religionslehrerin hatte mal etwas darüber erwähnt (ich vermute zwischen der Herr-der-Ringe-Trilogie und The Day After Tomorrow
J), aber dieses Wissen hatte sich leider sehr früh aus meinem Gedächtnis verabschiedet. In dem Thailand-Reiseführer, den Gunther in Ao Poh vergessen hatte, fand ich glücklicherweise einen kurzen Abschnitt zum Buddhismus. Hier mal eine kurze Nachhilfeeinheit für alle, die sich ihrer Religionsstunden auch so wenig erinnern können: Alles begann angeblich vor 2500 Jahren, als ein reicher Prinz mit dem Namen Siddharta Gautama beschloss, seinen Luxusleben hinter sich zu lassen und im Dschungel fasten und meditieren zu gehen. Er war der Meinung, dass das ganze Leben voller Leid sei. Geburt, Liebe, Begehren, Altern und natürlich der Tod seien alles Leiden. Selbst das Glück wäre leidvoll, weil es vergänglich ist. Durch die Meditation könne man allerdings zu Frieden und Erleuchtung finden. Wer meditiert und sich von sämtlichen Begierden und Sehnsüchten trennt, kontrolliert sein inneres Bewusstsein und kann so aus dem Kreislauf des Leidens entfliehen. Zu guter Letzt durchwandert man dann noch den Achtfachen Pfad und bekennt sich Vier Edler Wahrheiten, danach kehrt man als „Erleuchteter“ ins Nirwana ein, in den Zustand wunschlosen Glückes. Das hat Gautama geschafft, angeblich unter einem Feigenbaum im heutigen Bodghaya, einer Stadt im Norden Indiens. Ja, ich habe auch gestaunt: In Indien hat die Lehre dieses Buddhas ihren Anfang genommen, bis sie dann weiter nach China, Japan und in die Länder Südostasiens geschwappt ist.
Ich machte mich auf den Rückweg und die Treppe mit den vielen Stufen ließ mich auch beim Abstieg spüren, was Buddha mit „Leid“ meinte. Unterwegs traf ich dann noch drei übergewichtige Touristen, die nach Atem rangen und der Ohnmacht sichtlich nahe standen. Ich empfahl ihnen, eine längere Pause zu machen und dann umzukehren. Am Fuße der Treppe stand ein weiblicher Mönch, eine Buddha-Nonne quasi. Sie war älter, hatte eine Glatze und trug eine orangefarbene Robe. Sie schenkte mir ein rostrotes Armband, dass sie mir um das Handgelenk band. „Das bringt Glück“, sagte sie. Ich hatte noch etwas Zeit, bis der Lieferwagen wieder zurückfahren würde und so betrat ich noch schnell den eigentlichen Tigerhöhlen-Tempel. Vorher natürlich Schuhe ausziehen. In die Höhlenwand war eine Stufe eingehauen, die mit lauter Buddhafiguren voll gestellt war, hunderte goldener und bronzener Statuen. Buddha lachend, Buddha ausdruckslos, Buddha abgemagert, Buddha fett, Buddha schlafend, Buddha rechte Hand oben, Buddha Hände faltend, Buddha hier, Buddha da. Der Höhlentempel sah aus wie ein Antiquitätengeschäft für buddhistische Pilger, nur dass die Figuren unverkäuflich waren. Ich betrat eine kleine Nebenhöhle, die von zwei steinernen Tigern bewacht wurde und in der es stark nach Räucherstäbchen roch. Ich war allein. Plötzlich brach mein nervtötender indischer Handy-Klingelton die Stille der geweihten Stätte. Es war Martin: „Phuket ist die Hölle. Sei froh, dass du nicht hier bist. Total Assi-Touri und überall die dicken Sextouristen mit ihren Thaifrauen im Arm. Lea und ich werden schon morgen nach Bangkok vorfahren. Wir treffen uns dann in Bangkok.“ Der Lieferwagen fuhr mich nach Ao Nang zurück. Sheilas Inseltour endete planmäßig, sodass ich noch einige Stunden auf sie warten musste. Ich entschied mich, am nächsten Tag mit dem Nachtbus nach Bangkok zu fahren.
Der Abschied von Sheila und von der Bucht von Phang Nga war gekommen. Ich sagte Bye, Bye und kletterte auf den Anhänger eines Lastwagens, der mich zum Busbahnhof brachte. Während der Fahrt machte ich Bekanntschaft mit einem jungen Arzt aus dem Sudan, der gerade mit seiner frisch vermählten Frau die Flitterwochen in Südostasien verbrachte. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch. Mohamed erzählte mir, dass er sich als Chirurg weiterbilden möchte. Gerne würde er eine eigene Klinik in seiner Heimat gründen, aber die sudanesische Regierung bremst solche Vorhaben gewaltig.

Um 6 Uhr morgens kam ich in Bangkok an. Martin hatte mir per Handy mitgeteilt, dass er einen eintägigen Zwischenstopp in Hua Hin eingelegt hatte und erst am Nachmittag in Bangkok ankommen würde. Er hatte mich gebeten, eine günstige Unterkunft in der Nähe einer gewissen „Kaoschan Road“ zu suchen. Als ich aus dem Bus ausstieg, umlagerten mich gleich mehrere Taxifahrer und fragten mich eindringlich, wo ich denn hin wolle. „Ka-Oh-Schan-Road“. Glücklicherweise befand ich mich ganz in der Nähe, denn das Taxi zur Khaosan Road kostete nur 60 Baht. Es war 6:15 und das Stadtviertel, in das mich das Taxi fuhr, präsentierte sich wie ausgestorben. Da stand ich nun, früh morgens, allein mit meinem schweren Rucksack in dieser Millionenmetropole. Ich klopfte an vielen verschlossenen Gästehäusertüren und fragte an mehreren Hotel-Rezeptionen nach einem preiswerten Zimmer und erhielt überall müde Absagen. Alles wäre voll oder viel zu teuer. Ich latschte weiter und immer der Nase nach. Dies hatte zur Folge, dass ich zu einem Markt stieß, den ein ziemlich markanter Fischgeruch umgab. Überall köchelte und dampfte es. Die Stände wurden gerade aufgebaut. Ein paar buddhistische Mönche liefen herum und baten mit ihren Bettelschalen um milde Gaben. Die meisten Verkäufer gaben bereitwillig und die Mönche bedankten sich mit dem stillen Wai-Gruß. Ich wusste nicht in welcher Straße ich gerade war, hatte natürlich auch keinen Stadtplan und so fragte ich ein paar frustriert und müde dreinblickende Traveller, die auf der Bordsteinkante saßen. „Nähe Khaosan Road. Aber alles voll. Wir sollen alle um zehn Uhr wiederkommen.“ Ich ging weiter, schlenderte ziellos durch die verwaisten Straßen, bis plötzlich eine Tür hinter mir aufging. Eine kleine, hutzelige Thai-Oma kam aus ihrem Türspalt gehumpelt. „I have loom for you. I charge you 200 Baaaaht.“ („Ich habe ein Zimmer für dich, ich veranschlage 200 Ba(aaa)ht.“ – Knapp 4 Euro) Auch wenn ich mich in dem Moment an das Märchen von Hänsel und Gretel erinnert fühlte, folgte ich der Alten ins Haus. Das Angebot war auch einfach zu verlockend. Sie führte mich einen langen Korridor entlang, über einen kleinen Hinterhof und eine Treppe hinauf. In Zimmer Nummer 6 standen drei Betten und ein Frisiertisch. Die Dusche befand sich am Ende des Flures. Die Oma versicherte mir, dass sie die anderen Betten nicht vermieten würde. Ich hätte das Zimmer für mich allein, dürfte aber natürlich Freunde unterbringen, die dann aber draufzahlen müssten. Ich konnte mein Glück kaum fassen! Was für ein Schnäppchen, so früh am Morgen und noch dazu kakerlakenfrei! Dankbar und froh nahm ich das Zimmer und legte mich ins dritte Bett, rechts außen.
Ich erwachte am frühen Nachmittag und verließ das „Wally House“. Als ich auf die Straße trat, konnte ich meinen Augen nicht trauen. Die zuvor menschenleere Straße hatte sich binnen weniger Stunden in eine souvenirüberfrachtete Touristenmeile verwandelt, in der man alles, aber auch wirklich alles, kaufen konnte - vom Ganesha-Kühlschrankmagneten bis zur gefakten Rolexuhr. Überall reihte sich ein Ramschgeschäft an das nächste. Fastfoodketten leuchteten mir entgegen, große Neon-Reklame sprang mir fast ins Gesicht. „Wie heißt die Straße?“ fragte ich einen Passanten. „Khaosan Road“ erhielt ich prompt als Antwort. Perfekt! Martin traf ich wenige Stunde später „in der Bar mit dem roten Neon-Tintenfisch.“ Lea hatte sich in Hua Hin von Martin getrennt und war allein in den Norden Thailands zu irgendwelchen Bergvölkern weitergereist. Doch Martin blieb nicht lange ohne Damenbegleitung. Er hatte sich mit Alina, einer Freundin aus Deutschland, die gerade auf Weltreise war, in Bangkok verabredet. Und so saßen wir am späten Nachmittag zu dritt beim roten Tintenfisch und tranken einen Kaffee.
Die nächsten Tage schauten wir uns Bangkok an, besichtigen den „Liegenden Buddha“ aus purem Gold im Wat Pho, besuchten den reich verzierten Königspalast mit dem Smaragd-Buddha, den Amulettmarkt und das MBK, einen riesigen Shopping-Komplex, der den westlichen in nichts nachstand, vielleicht sogar übertraf. Überall konnte man gefälschte Markensachen kaufen: D&G Gürtel, O’Neill Hosen, Diesel- und Gucci-Taschen und Levis Jeans für weniger als 10 Euro. Selbst Kameras und Ipods gab es zu verrückt niedrigen Preisen. Martin überlegte sich sogar ernsthaft einen neuen Laptop für 400 Euro zu kaufen, ließ es dann aber doch sein.
Die Abende verbrachten wir meist in Restaurants oder Cocktailbars und machten auch ein bisschen Party in einigen Clubs und Diskos in der Nähe der Khaosan Road. Einmal gingen wir auch ins Kino. Der Film „27 Dresses“ riss mich nicht vom Sessel, allerdings die Kinowerbung. Es handelte sich um insgesamt drei Werbefolgen für ein und dieselbe thailändische Unfallversicherung. Die Handlung war immer ähnlich: Eltern bangen um das Leben ihres verunglückten Kindes, welches im Sterben liegt. Die Geschichte teilt sich und läuft parallel weiter. In der ersten Version, in der die Eltern die Versicherung abgeschlossen haben, wird ihr Kind per Helikopter ins beste Krankenhaus der Stadt geflogen, operiert und gerettet. In der zweiten Version stirbt das Kind qualvoll. Plötzlich erscheint es leuchtend im weißen Nachthemd und schaut seinen trauernden Eltern vorwurfsvoll in die nassen Augen: „Papa, Mama, warum habt ihr mich nicht rechtzeitig versichert?“ ... Die Bilder, die Musik, alles war so heftig und emotional - die mit Abstand herzergreifendste Werbung, die ich je gesehen habe! Dann ging es weiter mit dem obligatorischen Kurzfilm zu Ehren des Königs. Alle Kinobesucher standen auf, während die Hymne gespielt und das bisherige Leben des Monarchen in Bildern auf die Leinwand gestrahlt wurde. Mit „We love our King“ und einem pompösen Schlussakkord des Orchesters endete der Huldigungsstreifen und der eigentliche Spielfilm lief an. An dieser Stelle sei noch gesagt, dass die Thais ihren König vergöttern! Überall im ganzen Land stehen übergroße, blumengeschmückte Bilderrahmen in der Landschaft, die das ruhmreiche Leben des Staatsoberhauptes zeigen.
Am letzten Tag in Bangkok traf ich auf der Khaosan Road einen stämmigen Sikh-Inder mit Vollbart und Turban. Er sagte mir, ich hätte glückliche Augen und ... er hätte drei gute Nachrichten für mich. „Na, dann schieß mal los.“ Natürlich wollte der Wahrsager Geld für seine hellseherischen Dienste. „Vielleicht komme ich nachher noch mal vorbei.“ Später erzählte ich Alinah von meiner Begegnung und sie wollte unbedingt zu ihm. Ich führte sie zu der Stelle und tatsächlich: In einer schmalen Gasse, in einer Häusernische fanden wir den Sikh mit zwei indischen Kollegen auf kleinen, blauen Plastikhockern sitzend. Alinah setzte sich zu einem Inder. Auch ich war neugierig und nahm auf dem nächsten Hocker Platz. Der Sikh mit dem Namen Yogi fragte mich, wo ich denn herkomme. „Auch aus Indien“, sagte ich grinsend. Der Inder runzelte die Stirn. „Überrascht?“, fragte ich. „Ich dachte, als Wahrsager würde Sie das nicht überraschen.“ Dann fuhr er fort, las in meiner rechten Hand, fragte mich nach Tieren und Früchten und kritzelte Dinge auf ein Stück Papier. Vieles, was er über mich sagte, war richtig, manches machte mich sogar nachdenklich, anderes war aber auch einfach falsch. Dann deutete er meine Zukunft. Der Inder sagte viel, auch überwiegend Positives, nannte mir sogar den Namen meiner zukünftigen Ehefrau, das Hochzeitsjahr und wie alt ich werden würde. Ich war skeptisch, trotzdem kann ich nicht leugnen, eine Gänsehaut gehabt zu haben, als der Sikh sprach. Ob Yogi Recht behalten wird, wird sich zeigen, manches sogar schon in wenigen Monaten. Ich habe alle Prophezeiungen notiert und werde deren Richtigkeit prüfen. Auch Martin hatte später eine Sitzung beim Sikh, wurde aber schnell wieder entlassen. Er wäre dem Zettel-Trick von Meister Yogi beinahe auf die Schliche gekommen, nannte Martin als Grund.
Am Abend packten Martin und ich unsere Sachen, verließen das „Wally House“ und verabschiedeten uns bei Alina. Dann fuhren wir mit dem klimatisierten Taxi mit 120 km/h zum Flughafen, während die beeindruckende Skyline von Bangkok ein letztes Mal an uns vorbeizog.
Im Wartebereich am Flughafen sahen wir wieder vertraute Menschen, indische Menschen: Dunkelhaarige Männer mit Schnurrbart und Frauen in bunten Saris. Sofort wurden wir wieder in Gespräche rund um Ganesha, Bollywood und Cricket verwickelt und wir gaben auch gerne ein paar Kostproben unseres Kannada-Wortschatzes zum Besten.

Dann erhob sich der Flieger in den Nachthimmel und brachte uns zurück nach Indien. Am Flughafenausgang in Bangalore wurden wir wie gewohnt von einem indischen Begrüßungskomitee empfangen. „Benedikt & Martin, BREADS“ stand auf dem mitgebrachten Pappschild. Die beiden Brote wurden ins BREADS-Büro gefahren, wo Oberfather George-Mathew in der gestreiften Schlaf-Wickelhose auf sie wartete und ihnen ihr Zimmer zuwies.
Zwei Tage verbrachten wir noch in Bangalore und konnten uns wieder langsam an die indischen Verhältnisse eingewöhnen. Erstaunlicherweise war das gar nicht so einfach, alles war wieder dreckig, laut und der Straßenverkehr chaotisch wie eh und je. Und das Buchen eines Busses nach Hospet dauerte eine ätzende dreiviertel Stunde. (Vergleich Thailand: Das Buchen der Busfahrt nach Bangkok dauerte eine Minute!) Der Inder im Reisebüro quatschte in aller Seelenruhe mit seinem Kollegen, kaute am Telefonhörer, schlief beim Telefonat fast ein und suchte eine geschlagene Viertelstunde nach einem Briefumschlag für unser Busticket.
Wir verdauten unseren Frust gerade bei McDonalds als uns ein junger Inder auf Deutsch ansprach. Sudeeh war Ingenieur bei Bosch und hatte ein halbes Jahr in der Nähe von Stuttgart gearbeitet und Tanksysteme bei Autos programmiert. Er und seine Frau luden uns zum Mittagessen ein. Die Wohnung lag in einem anderen Stadtteil von Bangalore und wir brauchten eine Stunde mit der Rikscha. Die indische Familie begrüßte uns sehr herzlich und wir nahmen auf dem Boden Platz. Dann reichte uns Sudeehs Frau einen Teller aus gepressten Bananenblättern. Wir aßen Reis mit Spinat-Sambar und Mango-Prickles, tranken dazu Wasser, Cola, Apfelsaft und Buttermilch. Dann hatten wir noch ein nettes Gespräch, bei dem wir ziemlich objektiv die deutsche und die indische Kultur verglichen. Bevor wir gingen, machten wir noch ein Gruppenfoto vor der hinduistischen Altarnische und der Gastgeber reichte uns sogar ein Abschiedsgeschenk: Indische Süßigkeiten und ein Hemd...

Um 22:30 Uhr ging es „nach Hause“, mit dem Sleeper-Bus ins vertraute Hospet zurück. Keine Odyssee, keine Wackeltour, keine Kopfschmerzen. Die Rikschafahrer in Hospet kannten uns noch und wussten schon, wohin sie uns zu fahren hatten. Doan Bos-co. 20 Rupien - wie immer. Im Makkalla Mane brach ein Jubelsturm aus. Achtzig lachende, indische Kinder sprangen vor Freude in die Luft, umarmten und küssten uns – ihre Onkel waren endlich zurück. „Nale periksche. Kalibeku, kalibeku!“, rief ich laut. („Morgen Test. Lernen, lernen!“) „A tai ta?“ (Alles klar?) – „A tai to!“

Es grüßt euch alle aus dem beschaulichen Hospet
Euer Benedikt

P.S. Großes Lob an alle, die diesen unverschämt langen Blog-Eintrag bis zum Ende durchgelesen haben.