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| Happy X-Mas |
„Christa tschäjanti habada schobaschegalu“ – Fröhliche Weihnachten an euch alle.
Vorletzten Samstag, am 15. Dezember, wurde zu den „Christmas Carols“ aufgerufen. Die Hostel Boys und die Brothers sowie ein paar Nonnen aus dem Nachbarkonvent warteten bereits am Tor, als wir uns um halb fünf Uhr zu der wartenden Gruppe dazustellten – in der vermeintlichen Annahme, wir würden nur ein paar Weihnachtslieder singen. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, auf was wir uns da eingelassen hatten.
Father Varghese und Father Joy kamen mit zwei silbernen Serviertellern zu uns gelaufen, auf denen sie zwei Plastik-Jesuskinder mit rosaroter Haut und orangefarbenem Haar zur Schau trugen. Eine Nonne legte liebevoll ein paar knallrote Blüten um die beiden Figuren. Martin und ich mussten erstmal schlucken, denn der Anblick war so ungeheuerlich kitschig, dass es in den Augen richtig weh tat. Und der Schmerz wurde stärker, als plötzlich zwei maskierte Gestalten mit roten Mänteln und Mützen zu uns herüberliefen, einen aufgeklebten Wattebart trugen und einen von Glittergirlanden umwickelten Bambusstab in der Hand hielten. Die beiden Weihnachtsmänner waren zwei verkleidete Jungen aus dem Projekt, wie sich schnell herausstellte. Die Weihnachtsgesellschaft wurde von einem älteren Herrn mit stoppeligem Vollbart in zwei Gruppen geteilt. Dann ging es los, mit Gruppe Varghese, und ein gelber Bus wartete bereits an der Jambunatha Road. Bruder Vinod stimmte ein „Merry Christmas“ an und wir stiegen zusammen mit Weihnachtsmann, Plastik-„Baby Jesus“ und den singenden und trommelnden Hostel Boys in den Kleinbus ein.
Die Fahrt dauerte keine zwei Minuten, dann waren wir schon am Ziel: Beim Nonnenkonvent der Fatima-Schwestern. Es wurde ein kannadisches Lied gesungen, aus dem Matthäus-Evangelium vorgelesen und ein weiteres Mal „Merry Christmas“ angestimmt. Zum Schluss besprenkelte Father Varghese die Räume mit Weihwasser und ein Mädchen im weißen Kleid bekam einen Schein in die Spendendose gesteckt. Bevor wir das Ordenshaus verließen, gab es noch Kekse für jeden.
Dann fuhr uns der gelbe Bus zur nächsten Adresse: Zu einem etwas einsam stehenden Haus auf kargem Ödland. Nikolaus klopfte an die Tür, eine Frau machte auf, wir zogen die Schuhe aus und ruckzuck standen wir mit der ganzen Weihnachtsmeute im Wohnzimmer der Inderin. Wie unschwer zu erkennen war, befanden wir uns in einem christlichen Haus, denn von der Wand lächelten uns unzählige Jesus-Portraits entgegen. Neben dem kleinen Bett waren Regalbretter in die Mauer eingelassen, auf denen grüne und blaue Marienstatuen verehrt wurden. Auch Blumensträuße, Kruzifixe, Rosenkränze und blinkende Lichterketten waren Bestandteile dieses Hausaltares. Wieder die gleiche Prozedur: Gesang, Lesung, Gesang, Weihwassersegnung der Räume und zum Schluss reichte auch diese Frau ein paar Kekse herum, nachdem sie der quietschbunten Jesuspuppe auf die Stirn geküsst hatte.
Der nächste christliche Haushalt war eine kleine Wohnung im zweiten Stock und wir mussten eine schmale Treppe an der Hausmauer hinaufklettern. Diesmal hieß uns eine indische Familie willkommen. Auch sie besaßen diese geweihte Regalnische, nur mit dem Unterschied, dass dort neben Maria und Jesus auch ein dicker Hartgummi-Dinosaurier aufgestellt worden war.
Die nächste christliche Familie war weniger reich und sie wohnte in einer kleinen Wellblechhütte. Wir mussten erst über mehrere Pfützen und Abwasserrinnen springen, bis wir das Haus erreichten. Straßenkinder liefen uns hinterher und freuten sich über den seltsamen Besuch. Dabei waren sie sich nicht sicher, ob sie den Weihnachtsmann oder die beiden Weißen spannender finden sollten. Die Hütte bestand nur aus einem winzigen Raum, in den wir uns mühsam hineinquetschten und dort unser Programm vortrugen. Am Ende gab es keine Kekse und niemand schien es den Leuten übel zu nehmen.
Die nächste Behausung befand sich am Rand einer Landstraße und war noch kleiner. So klein, dass wir draußen vor dem Brett singen mussten, das als Haustür diente. Die armen Besitzer waren überglücklich über den vorweihnachtlichen Besuch und die eine Oma küsste Father Varghese sogar die Füße vor Dankbarkeit.
Wir fuhren von Haus zu Haus und die Stunden verstrichen, während sich unsere Spendendose mit Geld und unsere Mägen mit allerhand indischem Süßkram füllten. Als es dann langsam dunkel wurde und selbst das elektrische Licht ausfiel, hatten wir richtig Probleme, den Boden unter unseren Füßen zu sehen und bei den Türschwellen die eigenen Sandalen wiederzufinden. (Ich hatte für eine halbe Stunde einen falschen Latsch am Fuß, bis ich ihn beim übernächsten Haus wieder umtauschte!)
Die Stimmung bei den Busfahrten schwoll weiter an. „Jetzt kommen die reichen Häuser!“, meinte der zwölfjährige Messdiener Jacob, der grinsend auf meinem Schoß saß. „Und da gibt es die besten Süßigkeiten.“ Die Einfamilienhäuser umgab ein großes Grundstück, die geräumigen Wohnzimmer waren komfortabel eingerichtet. Ledercouch und Plasma-Fernseher waren die unverzichtbaren Statussymbole. Die Häusersegnung dauerte hier um einiges länger, weil Father Varghese mit seiner Weihwassersprenkelflasche in jeden der vielen Räume gehen musste. Und als er wieder zurückkam gab es eine ordentliche Spende in die Sammeldose sowie Fanta, Cola, Kaffee, Kuchen, süße Bällchen und Kekse für uns. Die Jungs zögerten erst und täuschten Bescheidenheit vor, doch als die Hausbesitzer wegsahen, wurden die Teller erbarmungslos leer geplündert. Mit prallgefüllten Taschen und vollgestopften Plastiktüten ging es zur nächsten Villa. Nach dem dreißigsten Haus, um 22.30 Uhr und nach insgesamt sechs Stunden Laufen, Singen und Essen war die vorweihnachtliche Plündertour vorbei.
Der 20. Dezember war der Hauptfeiertag. Die Hostel Boys hatten früh Weihnachtsferien und so musste Christi Geburt um vier Tage vorverlegt werden. Alle waren in emsiger Vorbereitung: Das Makkalla Mane wurde mit Girlanden geschmückt, in der Technical School entstand ein buntes Miniatur-Bethlehem und auf dem Basketballplatz wurden Bühnen, Beschallung und Beleuchtung installiert. Martin und ich waren mit dem Bau von vier Engelsflügeln beauftragt worden, die beim Krippenspiel zum Einsatz kommen sollten. So hatten wir Styropor und Watte besorgt und uns gleich an die Arbeit gemacht.
Als wir zum Mittagessen gingen, warteten die Brüder auf uns. Bruder Cyril ergriff etwas verlegen das Wort und richtete es an mich: „Benedikt, du musst etwas für uns tun und du darfst nicht Nein sagen.“ -Ja?- „Wir brauchen dich als Weihnachtsmann für heute Abend!“ Wer mich gut kennt, weiß, dass ich solche Angebote selten ablehne. Ich willigte sofort ein und die Brüder erklärten mir erleichtert, dass ich auf der Bühne ruhig Deutsch reden solle. Ich könne sagen was ich will, jemand gibt vor meine Worte zu übersetzen. Das klang wirklich verlockend, eine Rede zu halten, bei der es völlig gleichgültig ist, was man sagt. Am Nachmittag bekam ich einen Pappkarton mit meinem Kostüm: Eine ziemlich hässliche Nikolaus-Maske, weiße Gummihandschuhe, den roten Mantel und ein Kissen für den dicken Bauch. Die Handschuhe hielt ich für überflüssig, da ich doch schon weiße Hände hatte, aber Cyril bestand darauf. Dann erklärte er mir den ungefähren Ablauf des Abends.
Als es dunkel wurde, sich der Basketballplatz langsam mit Eltern, Sponsoren, Nonnen und Geistlichen füllte und die Kinder hinter der Bühne auf ihren großen Auftritt warteten, saß ich verkleidet in unserem Zimmer, ebenfalls wartend. Ich hörte die Begrüßungsrede und die laute Musik von draußen. Das Krippenspiel-Musical ging los. Als meine Zeit gekommen war, verließ ich das Zimmer, zog meine Maske über das Gesicht und schlich mich die Treppe hinunter. Plötzlich stolperte ich einem kleinen Inder in die Arme, der sich als mein Dolmetscher vorstellte. Er nahm mein Handgelenk und führte mich zu einem geschmückten Ochsenkarren, auf den ich mich unter einigen Schwierigkeiten draufsetzte. Ich bekam einen bunten Bambusstab in die Hand gedrückt, der mit Luftballons geschmückt worden war und dann wurde ich von den Hostel Boys auf die Bühne geschoben.
Schreiende Kinder, applaudierende Inder, laute Musik, viel Licht. Ich winkte mit meinen weißen Gummihandschuhen den Kindern zu. Martin meinte später, dass ich wie ein König durch die kreischende Menschenmasse gefahren bin. „Hohoho, fröhliche Weihnachten!“ Und niemand verstand mich. Auf der Bühne begrüßte ich alle und der kleine Moderations-Inder neben mir „übersetzte“ meine tiefen und für ihn fremdartigen Laute. „Von drauß’ vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!“ Dann sollte ich Gag-Geschenke verteilen, diese vorher auspacken und überreichen. Ständig hatte ich mit meinem rutschenden Bauch, dem unhandlichen Stab und der stickigen Maske mit den viel zu kleinen Gucklöchern zu kämpfen. Ich überreichte einen Motorradhelm, ein Vögelchen, zwei Kokosnussschalen, einen Jutesack, einen Hut und viele andere Dinge. Jedes Geschenk kommentierte ich und nur Martin, der mit der Videokamera alles aufnahm, verstand mich und fand es total lustig. Als die Veranstaltung vorbei war und ich etwas unbeholfen von der Bühne stolperte, stürzten sich die ganzen Kinder auf mich, hängten sich an meinen Bart und zogen mir an der Mütze. Nach unzähligem Hochheben, Händeschütteln und Umarmen konnte ich irgendwann mein Kostüm wieder ausziehen. Ich war total fertig, mir tat alles weh, aber es hatte trotzdem richtig Spaß gemacht - der indische Weihnachtsmann gewesen zu sein.
Euer Benedikt
unter der Weihnachtspalme.







