Dienstag, 25. Dezember 2007

Der indische Weihnachtsmann

Hospet, der 25.12.2007
Happy X-Mas

„Christa tschäjanti habada schobaschegalu“ – Fröhliche Weihnachten an euch alle.

Wir haben hier in Indien vergebens auf unsere Vorweihnachtsstimmung gewartet, aber bei 25 Grad und Sonnenschein war es auch einfach albern, ein „Gloria in excelsis Deo“ zu singen. Nur ab und zu wurde uns vage bewusst, dass wir uns dem Weihnachtsfeste nähern, beispielsweise als ich mit Bruder Cyril einen Stern aus Bambusholz gebastelt habe oder als Martin von seinem Opa eine einzige Aachener Printhe per Post geschickt bekommen hat. Als der Geruch des Lebkuchens in unsere Nasen stieg und wir die typischen Gewürze auf der Zunge schmeckten, da wurde in uns wieder etwas wachgerufen. Leider verflog dieses Gefühl wieder sehr schnell. Trotzdem war das Weihnachtsfest im Don-Bosco-Projekt in Hospet sehr amüsant, unendlich kitschig und irgendwie auch schön, aber lest selbst.

Vorletzten Samstag, am 15. Dezember, wurde zu den „Christmas Carols“ aufgerufen. Die Hostel Boys und die Brothers sowie ein paar Nonnen aus dem Nachbarkonvent warteten bereits am Tor, als wir uns um halb fünf Uhr zu der wartenden Gruppe dazustellten – in der vermeintlichen Annahme, wir würden nur ein paar Weihnachtslieder singen. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, auf was wir uns da eingelassen hatten.
Father Varghese und Father Joy kamen mit zwei silbernen Serviertellern zu uns gelaufen, auf denen sie zwei Plastik-Jesuskinder mit rosaroter Haut und orangefarbenem Haar zur Schau trugen. Eine Nonne legte liebevoll ein paar knallrote Blüten um die beiden Figuren. Martin und ich mussten erstmal schlucken, denn der Anblick war so ungeheuerlich kitschig, dass es in den Augen richtig weh tat. Und der Schmerz wurde stärker, als plötzlich zwei maskierte Gestalten mit roten Mänteln und Mützen zu uns herüberliefen, einen aufgeklebten Wattebart trugen und einen von Glittergirlanden umwickelten Bambusstab in der Hand hielten. Die beiden Weihnachtsmänner waren zwei verkleidete Jungen aus dem Projekt, wie sich schnell herausstellte. Die Weihnachtsgesellschaft wurde von einem älteren Herrn mit stoppeligem Vollbart in zwei Gruppen geteilt. Dann ging es los, mit Gruppe Varghese, und ein gelber Bus wartete bereits an der Jambunatha Road. Bruder Vinod stimmte ein „Merry Christmas“ an und wir stiegen zusammen mit Weihnachtsmann, Plastik-„Baby Jesus“ und den singenden und trommelnden Hostel Boys in den Kleinbus ein.
Die Fahrt dauerte keine zwei Minuten, dann waren wir schon am Ziel: Beim Nonnenkonvent der Fatima-Schwestern. Es wurde ein kannadisches Lied gesungen, aus dem Matthäus-Evangelium vorgelesen und ein weiteres Mal „Merry Christmas“ angestimmt. Zum Schluss besprenkelte Father Varghese die Räume mit Weihwasser und ein Mädchen im weißen Kleid bekam einen Schein in die Spendendose gesteckt. Bevor wir das Ordenshaus verließen, gab es noch Kekse für jeden.
Dann fuhr uns der gelbe Bus zur nächsten Adresse: Zu einem etwas einsam stehenden Haus auf kargem Ödland. Nikolaus klopfte an die Tür, eine Frau machte auf, wir zogen die Schuhe aus und ruckzuck standen wir mit der ganzen Weihnachtsmeute im Wohnzimmer der Inderin. Wie unschwer zu erkennen war, befanden wir uns in einem christlichen Haus, denn von der Wand lächelten uns unzählige Jesus-Portraits entgegen. Neben dem kleinen Bett waren Regalbretter in die Mauer eingelassen, auf denen grüne und blaue Marienstatuen verehrt wurden. Auch Blumensträuße, Kruzifixe, Rosenkränze und blinkende Lichterketten waren Bestandteile dieses Hausaltares. Wieder die gleiche Prozedur: Gesang, Lesung, Gesang, Weihwassersegnung der Räume und zum Schluss reichte auch diese Frau ein paar Kekse herum, nachdem sie der quietschbunten Jesuspuppe auf die Stirn geküsst hatte.
Der nächste christliche Haushalt war eine kleine Wohnung im zweiten Stock und wir mussten eine schmale Treppe an der Hausmauer hinaufklettern. Diesmal hieß uns eine indische Familie willkommen. Auch sie besaßen diese geweihte Regalnische, nur mit dem Unterschied, dass dort neben Maria und Jesus auch ein dicker Hartgummi-Dinosaurier aufgestellt worden war.
Die nächste christliche Familie war weniger reich und sie wohnte in einer kleinen Wellblechhütte. Wir mussten erst über mehrere Pfützen und Abwasserrinnen springen, bis wir das Haus erreichten. Straßenkinder liefen uns hinterher und freuten sich über den seltsamen Besuch. Dabei waren sie sich nicht sicher, ob sie den Weihnachtsmann oder die beiden Weißen spannender finden sollten. Die Hütte bestand nur aus einem winzigen Raum, in den wir uns mühsam hineinquetschten und dort unser Programm vortrugen. Am Ende gab es keine Kekse und niemand schien es den Leuten übel zu nehmen.
Die nächste Behausung befand sich am Rand einer Landstraße und war noch kleiner. So klein, dass wir draußen vor dem Brett singen mussten, das als Haustür diente. Die armen Besitzer waren überglücklich über den vorweihnachtlichen Besuch und die eine Oma küsste Father Varghese sogar die Füße vor Dankbarkeit.
Wir fuhren von Haus zu Haus und die Stunden verstrichen, während sich unsere Spendendose mit Geld und unsere Mägen mit allerhand indischem Süßkram füllten. Als es dann langsam dunkel wurde und selbst das elektrische Licht ausfiel, hatten wir richtig Probleme, den Boden unter unseren Füßen zu sehen und bei den Türschwellen die eigenen Sandalen wiederzufinden. (Ich hatte für eine halbe Stunde einen falschen Latsch am Fuß, bis ich ihn beim übernächsten Haus wieder umtauschte!)
Die Stimmung bei den Busfahrten schwoll weiter an. „Jetzt kommen die reichen Häuser!“, meinte der zwölfjährige Messdiener Jacob, der grinsend auf meinem Schoß saß. „Und da gibt es die besten Süßigkeiten.“ Die Einfamilienhäuser umgab ein großes Grundstück, die geräumigen Wohnzimmer waren komfortabel eingerichtet. Ledercouch und Plasma-Fernseher waren die unverzichtbaren Statussymbole. Die Häusersegnung dauerte hier um einiges länger, weil Father Varghese mit seiner Weihwassersprenkelflasche in jeden der vielen Räume gehen musste. Und als er wieder zurückkam gab es eine ordentliche Spende in die Sammeldose sowie Fanta, Cola, Kaffee, Kuchen, süße Bällchen und Kekse für uns. Die Jungs zögerten erst und täuschten Bescheidenheit vor, doch als die Hausbesitzer wegsahen, wurden die Teller erbarmungslos leer geplündert. Mit prallgefüllten Taschen und vollgestopften Plastiktüten ging es zur nächsten Villa. Nach dem dreißigsten Haus, um 22.30 Uhr und nach insgesamt sechs Stunden Laufen, Singen und Essen war die vorweihnachtliche Plündertour vorbei.

Der 20. Dezember war der Hauptfeiertag. Die Hostel Boys hatten früh Weihnachtsferien und so musste Christi Geburt um vier Tage vorverlegt werden. Alle waren in emsiger Vorbereitung: Das Makkalla Mane wurde mit Girlanden geschmückt, in der Technical School entstand ein buntes Miniatur-Bethlehem und auf dem Basketballplatz wurden Bühnen, Beschallung und Beleuchtung installiert. Martin und ich waren mit dem Bau von vier Engelsflügeln beauftragt worden, die beim Krippenspiel zum Einsatz kommen sollten. So hatten wir Styropor und Watte besorgt und uns gleich an die Arbeit gemacht.
Als wir zum Mittagessen gingen, warteten die Brüder auf uns. Bruder Cyril ergriff etwas verlegen das Wort und richtete es an mich: „Benedikt, du musst etwas für uns tun und du darfst nicht Nein sagen.“ -Ja?- „Wir brauchen dich als Weihnachtsmann für heute Abend!“ Wer mich gut kennt, weiß, dass ich solche Angebote selten ablehne. Ich willigte sofort ein und die Brüder erklärten mir erleichtert, dass ich auf der Bühne ruhig Deutsch reden solle. Ich könne sagen was ich will, jemand gibt vor meine Worte zu übersetzen. Das klang wirklich verlockend, eine Rede zu halten, bei der es völlig gleichgültig ist, was man sagt. Am Nachmittag bekam ich einen Pappkarton mit meinem Kostüm: Eine ziemlich hässliche Nikolaus-Maske, weiße Gummihandschuhe, den roten Mantel und ein Kissen für den dicken Bauch. Die Handschuhe hielt ich für überflüssig, da ich doch schon weiße Hände hatte, aber Cyril bestand darauf. Dann erklärte er mir den ungefähren Ablauf des Abends.
Als es dunkel wurde, sich der Basketballplatz langsam mit Eltern, Sponsoren, Nonnen und Geistlichen füllte und die Kinder hinter der Bühne auf ihren großen Auftritt warteten, saß ich verkleidet in unserem Zimmer, ebenfalls wartend. Ich hörte die Begrüßungsrede und die laute Musik von draußen. Das Krippenspiel-Musical ging los. Als meine Zeit gekommen war, verließ ich das Zimmer, zog meine Maske über das Gesicht und schlich mich die Treppe hinunter. Plötzlich stolperte ich einem kleinen Inder in die Arme, der sich als mein Dolmetscher vorstellte. Er nahm mein Handgelenk und führte mich zu einem geschmückten Ochsenkarren, auf den ich mich unter einigen Schwierigkeiten draufsetzte. Ich bekam einen bunten Bambusstab in die Hand gedrückt, der mit Luftballons geschmückt worden war und dann wurde ich von den Hostel Boys auf die Bühne geschoben.
Schreiende Kinder, applaudierende Inder, laute Musik, viel Licht. Ich winkte mit meinen weißen Gummihandschuhen den Kindern zu. Martin meinte später, dass ich wie ein König durch die kreischende Menschenmasse gefahren bin. „Hohoho, fröhliche Weihnachten!“ Und niemand verstand mich. Auf der Bühne begrüßte ich alle und der kleine Moderations-Inder neben mir „übersetzte“ meine tiefen und für ihn fremdartigen Laute. „Von drauß’ vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!“ Dann sollte ich Gag-Geschenke verteilen, diese vorher auspacken und überreichen. Ständig hatte ich mit meinem rutschenden Bauch, dem unhandlichen Stab und der stickigen Maske mit den viel zu kleinen Gucklöchern zu kämpfen. Ich überreichte einen Motorradhelm, ein Vögelchen, zwei Kokosnussschalen, einen Jutesack, einen Hut und viele andere Dinge. Jedes Geschenk kommentierte ich und nur Martin, der mit der Videokamera alles aufnahm, verstand mich und fand es total lustig. Als die Veranstaltung vorbei war und ich etwas unbeholfen von der Bühne stolperte, stürzten sich die ganzen Kinder auf mich, hängten sich an meinen Bart und zogen mir an der Mütze. Nach unzähligem Hochheben, Händeschütteln und Umarmen konnte ich irgendwann mein Kostüm wieder ausziehen. Ich war total fertig, mir tat alles weh, aber es hatte trotzdem richtig Spaß gemacht - der indische Weihnachtsmann gewesen zu sein.

Am nächsten Tag kamen Martins Schwester Thea und ihre Freundin Laura zu Besuch. Sie waren von Deutschland nach Goa geflogen und von dort mit dem Zug nach Hospet gefahren. Wir holten sie vom Bahnhof ab und zeigten ihnen das Projekt. Nachdem die Kinder ihre Geschenke bekommen hatten, saßen wir mit den Fathers und Brothers in großer Runde um das weihnachtliche Festmahl: Huhn, Fisch, Reis, Soße, Trauben, Bananen und Gummibärchen aus Deutschland, die Thea und Laura mitgebracht hatten. Nach dem Weihnachtsessen war Bescherung und eine grässliche Weihnachtsmannpuppe mit Saxophon sang Jingle Bells. Father Varghese bedankte sich für die Spendengelder, die wir für die Weihnachtsgeschenke der Kinder organisiert hatten. Dann meinte er weiter, dass sie uns auch eine Kleinigkeit schenken wollten und wir bekamen jeder einen Plastikbeutel überreicht. Als wir auspackten, mussten wir uns wirklich ein Lachen verkneifen. Wir bekamen jeder drei kitschige Elefanten aus Hartgips und eine rosa-orangefarbene Micky-Mouse-Decke geschenkt, die Johnson in Bangalore für uns gekauft hatte. Wir waren über die freundliche Geste sehr gerührt, mussten aber doch einige schauspielerische Kraft aufbringen, um die Geschenke ernst zu nehmen und Dankbarkeit vorzuheucheln.

Weihnachten in Indien war Kitsch ohne Ende und man vermisst das was man gewöhnt ist. Wie gerne hätte ich wie jedes Jahr mit meiner Familie den Baum im Wohnzimmer geschmückt, Plätzchen gebacken und gegessen und deutsche Weihnachtslieder gesungen, während es draußen schön kalt ist. Im nächsten Jahr wieder und dann werde ich es doppelt zu schätzen wissen.


Euer Benedikt
unter der Weihnachtspalme.


P.S. Am Donnerstag fahre ich mit Martin, Thea und Laura für zwei Wochen nach Goa und Kerala. Wir wollen Silvester am Strand von Anjuna feiern, die Backwater-Flussärme von Keralas Küste mit Reisbooten befahren und die Teeplantagen von Munnar besichtigen.

Sonntag, 16. Dezember 2007

Bang Bang Bangalore

Hospet, der 16.12.2007

Bangalore

Einen herzlichen Adventsgruß bei 20 Grad aus Indien.

Bruder Johnson vorletzten Dienstagabend: „In zwei Stunden fahr ich nach Bangalore, wollt ihr mit?“ Natürlich wollten wir ... die Stadt sehen, die wir bei unserer Ankunft nur flüchtig wahrgenommen hatten und die als das Silicon Valley von Indien bekannt war. Außerdem musste ich noch einen großen Rucksack für unsere bevorstehenden Reisen kaufen. Father Varghese hatte nichts gegen unseren spontanen Ausflug einzuwenden und so suchten wir rasch ein paar Klamotten, Reiseklopapier, Zahnbürsten und Handtücher zusammen. Auch Martins Laptop nahmen wir mit. Kurz darauf standen wir mit Johnson und vier Hostel Boys an der Jambunatha Road und warteten auf zwei Rikschas, die uns zum Busbahnhof bringen sollten. Die vier Jungen kamen mit, weil sie in einem Don-Bosco-Projekt in der Nähe von Bangalore einen Lehrgang besuchen durften. Am Busbahnhof von Hospet angekommen, wartete bereits ein recht luxuriöser Bus auf uns, den Johnson ausgesucht hatte. Die Fahrt durch die Nacht, über die relativ ebene, asphaltierte Überlandstraße nach Bangalore war weniger holprig als befürchtet, sodass wir fast schlafen konnten.

Doch bevor es nach Bangalore ging, mussten wir die vier Jungen zu ihrem Projekt bringen. Nach mehreren Stunden zusätzlicher Busfahrt durch zahllose indische Dörfer, holte uns schließlich ein Don-Bosco-Geländewagen von irgendeinem Busbahnhof ab. Dann fuhren wir über eine ziemlich lange, schmale Straße, vorbei an ein paar vereinzelten Siedlungen, zu einem vierkantigen Gebäude, das auf den ersten Blick wie ein Gefängnis aussah. Das Projekt Ajjanahalli liegt zwischen Bangalore und Mysore, mitten in der absoluten Abgeschiedenheit. Dass sich hierher Straßenkinder verirren, schien mir unmöglich. Der Jeep hielt vor dem Eingangstor des quadratischen Rundbaus und zwei Fathers begrüßten uns herzlich. Wir bekamen einen Zimmerschlüssel und durften uns erstmal ausruhen. Nach ein paar Stunden Schlaf lernten wir dann die Brüder und die Volontäre kennen. Eine kam aus Spanien, zwei aus Belgien und die vierte war eine 58jährige Amerikanerin. Kinder sah ich kaum, sie alle wären noch in der Schule im Nachbarort, wurde mir gesagt. Johnson und die Spanierin Maite zeigten uns indes das weitläufige Gelände. Sie führten uns auf einen gewaltigen Felsen, von dem wir eine fantastische Sicht hatten. Als am Nachmittag ein paar mehr Kinder auftauchten, nahmen wir die kleine Gruppe Kinder an die Hand und liefen zu einer Felsennische, in der irgendein krötenähnliches, steinernes Wesen verehrt wurde. Neben der hockenden Skulptur gab es Pigmentfarben zum Selber-Auf-die-Stirn-schmieren. Die Kinder hatten nicht lange gezögert und sich gleich das ganze Gesicht mit blauer, roter und violetter Kreide eingerieben. Als wir genug gehuldigt hatten, nahmen wir die bunten Kinder wieder an die Hand und ließen die Hindu-Kröte in ihrer Felsenhöhle zurück.

Am nächsten Morgen ging es dann mit dem Jeep nach Bangalore. Martin und ich saßen auf der Rückbank im Kofferraum zusammen mit zwei Kindern, die ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Nach drei Stunden steckten wir dann auch im chaotisch-zähen Berufsverkehr der Millionenmetropole fest. Was alles eine Hupe besaß, hupte und trotzdem tat sich nicht viel. Johnson meinte irgendwann, wir sollten zu Fuß weiter und so verabschiedeten wir uns von den restlichen Insassen und stiegen aus. Die Luft war voller Abgase und Staub, die breiten Straßen allerdings weitestgehend müllfrei und asphaltiert. Wir liefen auf dem schmalen Bordstein entlang und betrachteten die eindrucksvollen Gebäude zu beiden Seiten der lärmenden Straße. Fabrikanlagen, Firmengebäude, Hotels und Kaufhäuser waren hier in die Höhe geschossen. Es wäre nicht mehr weit, meinte Johnson. Die MG Road und die Brigade Road, das kommerzielle Herz Bangalores, wären unmittelbar in der Nähe. Wir überquerten eine weitere pulsierende Verkehrsader, nutzten eine kurze Grün-Phase der Ampel aus, rannten über einen Zebrastreifen, bogen um eine letzte Straßenecke und dann sahen wir sie: Die Brigade Road. Überall Werbung, Reklame, Banner. Nokia, Sony, Adidas und Siemens wetteiferten in der Kategorie Aufdringlichkeit. Auch sämtliche Fastfoodketten leuchteten uns einladend entgegen. Die bunten Logos von McDonalds, PizzaHut und Subway waren an den Gebäudefassaden sofort auszumachen. Klar freuten wir uns auf eine knusprige Pizza und einen leckeren, nichtvegetarischen (!) Hamburger, erst recht nach drei Monaten Reis und Soße, aber trotzdem: Wo waren wir denn hier gelandet? Waren wir noch in Indien? Ja, wir mussten. Im Schatten der pompösen Werbebanner waren noch vereinzelt Obstläden und Straßenkiosks zu erkennen. Auch ein kleines indisches Schnellrestaurant hielt sich tapfer in einer schmalen Häusernische, der ständigen Gefahr ausgesetzt, von den zwei benachbarten Geschäftsriesen zerquetscht zu werden. Und auch die kleinen gelben, dreirädrigen Rikschas waren ein Witz gegen die Luxusschlitten der Marken Mercedes, Lexus, Chevrolet, Mitsubishi und Porsche, die an uns vorbeirauschten. Wir liefen weiter und unser Blick fiel auf die Menschen, die uns entgegenkamen. Sie sahen gar nicht mehr indisch aus! Die Frauen trugen fast keine Saris mehr, sondern häufig Jeans und enge Oberteile. Die Männer liefen in feinen Anzügen und mit Aktenkoffer herum. Die High Society von Bangalore flanierte in diesem Stadtteil, zusammen mit den weißen Geschäftsleuten und den nicht viel ärmeren Touristen. Gerade als wir Johnson zu einer Pizza einladen wollten, sah ich einen Bettler am Bordstein entlang kriechen. Er konnte anscheinend nicht laufen und robbte sich mühsam über den sauberen Boden. Alle zwei Meter hielt er inne und streckte seine Hand so hoch er konnte, den wohlhabenden, vorbeieilenden Menschen entgegen. „Nicht jeder ist so reich wie ihr... vergesst das nicht!“ Vielleicht murmelte er genau diesen Satz.
Der PizzaHut in Bangalore hatte Preise, die den deutschen entsprachen. Da wir aber an die indischen Preise gewöhnt waren, mussten wir nicht nur die Pizza verdauen. Nach dem Genuss der ofenfrischen Köstlichkeit verabschiedete sich Johnson von uns, weil er noch im Büro von BREADS vorbeischauen musste und weil er am Abend schon wieder nach Hospet zurückfahren wollte. Da wir es vorzogen, länger in Bangalore zu bleiben, fragten wir ihn nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Das Hauptquartier von BREADS würde gerade renoviert, meinte er, aber eine Unterkunft bekäme man hier überall für 800 Rupien (14 Euro) die Nacht. (Zum Vergleich: Im Touristenort Hampi kostet eine Übernachtung nur maximal 400 Rupien!) Martin hatte aber eine Idee, wie wir vielleicht sehr viel preiswerter unterkommen könnten. Er holte seinen Laptop hervor, schloss sein GPRS-Handy an und nutzte es als Modem, um eine Internetverbindung aufzubauen. Es klappte. Dann loggte er sich ins StudiVZ ein, um einer flüchtigen Internetbekanntschaft der Gruppe „Bang Bang Bangalore“ eine Nachricht zu schicken. Die Internetbekanntschaft hieß Mareike, war Studentin für Medizinische Informatik und wohnte gerade in Bangalore. Die Nachricht war: „Hallo, hier ist Martin. Können Benedikt, ein Freund von mir, und ich heute Nacht bei dir in der WG pennen?“ Wir wussten nicht, ob sie die Mitteilung rechtzeitig lesen und ob sie Ja sagen würde, aber ein Versuch war es wert. Dann verließen wir die Pizzeria, um das Stück westliche Welt weiter zu erkunden.
Es dauerte auch nicht lange, da war ein passender Rucksack für mich gefunden, eine neue Jeans folgte wenige Minuten später, ebenso neue Kontaktlinsen und eine Armbanduhr für Martin; sogar die neue Harry Potter DVD in deutscher Sprache hatten wir gekauft. Wir saßen gerade mit Martins Laptop in einem Straßencafé als die Antwort von Mareike kam: „Ist möglich, lasst mich aber zuvor meine Mitbewohner fragen.“ Am Abend fuhren wir mit der Rikscha zum vereinbarten Treffpunkt und trafen Mareike vor einem gewaltigen Hotelkomplex. Sie führte uns eine kleine Seitenstraße entlang, zu einem mehrstöckigen Haus mit Fahrstuhl. Im vierten Stock war ihre Wohnung. Wir legten unsere Sachen in der WG ab, quatschten kurz mit ihrer ungarischen Mitbewohnerin und luden Mareike in eine Bar ein.
Gegen zwölf Uhr waren wir wieder in ihrer Wohnung. Martin schlief auf dem Sofa und ich rückte mir zwei Sessel zu einem viel zu kurzen Bett zusammen. Als die Sonne aufging und Mareike zu ihrem Praktikumsplatz musste, verließen auch wir die inzwischen internationale Wohngemeinschaft und nahmen eine Rikscha zur Brigade Road. Doch die Brigade Road war wie ausgestorben. Kein Geschäft hatte offen, alles war totenstill. Wir frühstückten indisch, in einer kleinen Imbissbude etwas abseits. Danach besichtigten wir das Don Bosco Mane, ein Projekt für Straßenkinder in Bangalore. Das Projekt besaß nur ein kleines Grundstück und so beschränkte sich die Anwesenheit der paar Kinder eher auf die unterschiedlichen Stockwerke des Hauses.
Am Nachmittag trafen wir Bertram, unseren Architekturstudenten. Er zeigte uns seine Wohnung und das Stück Fußboden, das er uns für die nächste Nacht reserviert hatte. Wir sollten noch eine Nacht bleiben, weil er uns auf eine Party mitnehmen wollte. Martin war für diese Idee schneller zu begeistern als ich, aber letztendlich war es doch ganz nett. Der Eintritt zum Fugu kostete normalerweise 500 Rupien, da wir aber von irgendwem freundlicherweise auf eine Liste gesetzt wurden, brauchten wir nichts zu bezahlen. Die Disco war ziemlich voll. Vorrangig weiße Touristen und Studenten, aber auch reiche Inder tummelten sich auf der nebligen Tanzfläche. Der längliche Raum war in farbiges Licht getaucht, Plasma-Monitore zeigten surreale Lifestyle-Filme, an einer langen Bar wurden Cocktails mit astronomischen Preisen gemixt. Zwar waren Stimmung und Musik gut, trotzdem wäre ich lieber bei meinen hundertfünfzig kleinen Freunden in Hospet gewesen. Gegen halb zwölf Uhr war der DJ auf eine Anordnung der Regierung hin gezwungen, keine Musik mehr zu spielen und das Tanzlokal zu schließen. Die enttäuschten Gäste wurden auf die Straße gesetzt, wo schon die Rikschafahrer im angepassten Preisniveau lauerten.
Am nächsten Morgen erwachten Martin und ich auf einem dünnen Bettvorleger in Bertrams Wohnung, die er sich mit drei Indern teilte. Wir verabschiedeten uns und fuhren zum Busbahnhof. Von dort aus ging es mit dem öffentlichen Bus in einer sechsstündigen Wackeltour durch sämtliche Nester wieder zurück ins gewohnte Hospet. Verspannt, müde und mit Kopfschmerzen fielen wir in unsere Himmelbetten im Don Bosco Projekt.

Erstes Fazit der Reise: War sehr interessant und genussvoll, aber anstrengend und unkomfortabel.


Zweites Fazit der Reise: Bei unserem spontanen Ausflug nach Bangalore haben wir eine ganz neue Seite von Indien kennengelernt. Ein neues, modernes und reiches Indien, das jahrtausendealte Traditionen und Werte plötzlich ablegt und der westlichen Welt nacheifert. Gerade in Bangalore haben wir sehr deutlich gemerkt, wie zwei mächtige Kulturen miteinander kollidieren und es scheint, als hätte die westliche Welt in den Stadtteilen MG Road, Commercial Road und Brigade Road bereits gesiegt. Zwei Bilder haben sich jedenfalls in meinen Kopf eingebrannt: Zum einen der kriechende Bettler zwischen den reichen Fußgängern und zum anderen die dicke Inderin im Sari bei McDonalds, die lustvoll in ihren ChickenBurger beißt...

Liebe Grüße zum dritten Adventssonntag und euch allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest in der Heimat. Schätzt das Gewohnte! ;-)

Euer Benedikt,
der immer noch auf seine Vorweihnachtsstimmung wartet.

Donnerstag, 29. November 2007

Der 10-Rupien-Streit

Bangalore, der 29.11.2007

Hallo an euch daheim,

wo soll ich anfangen? Vielleicht bei dem Rikschafahrer, der uns letzten Sonntag zur Kirche gefahren hat. Wir waren spät dran, die Messe begann jeden Augenblick und wir mussten noch ein motorisiertes Dreirad zur Sacred-Heart-Church organisieren. Das war schnell gefunden, allerdings konnte der Fahrer kein Englisch, sodass wir ihm mit gefalteten Händen und einem Kreuzzeichen unser gewünschtes Ziel begreiflich machten. Ippatho Rupi, sagte ich und er willigte ein, zwanzig Rupien, der übliche Preis. Bega! Schnell! Wir wackelten durch die Straßen von Hospet und hielten nach etwa fünf Minuten vor einer übertrieben bunten, christlichen Kirche, vor der protestantischen. Nein, das ist die falsche! Glücklicherweise kannten wir den weiteren Weg und konnten den erstaunten Rikschafahrer zur katholischen Kirche dirigieren. Das Problem war nur, dass dieser sich mit den abgemachten zwanzig Rupien nicht zufrieden geben wollte. Er verlangte dreißig, schließlich sei er weiter gefahren. Martin ließ sich nicht erweichen, zwanzig Rupien waren ausgemacht und zwanzig Rupien bezahlten wir immer für diese Strecke. „Entweder du nimmst jetzt deine zwanzig Rupien oder du kriegst gar nichts!“, war Martins klare Ansage. Und dann tat der Fahrer etwas, mit dem wir nicht gerechnet hatten: Er fuhr doch tatsächlich davon, ohne abzukassieren. Normalerweise trachten die Rikschafahrer nach jedem Rupie. Während wir kurz darauf in der Kirche saßen, begleitete uns ein mulmiges Gefühl, das die ganze kommende Woche anhielt.

Am Mittwoch hieß es, würden wir köstlich speisen. Irgendeine ranghohe Nonne vom Nachbarkonvent hatte Namenstag und sie würde ein leckeres Mittagessen spendieren. Die Brüder warteten bereits im Esszimmer und halfen unserer Köchin beim Auftischen des Buffets, als wir zur Feierrunde dazustießen. Auch einige Schwestern waren mitgekommen. Father Varghese beglückwünschte Schwester Cecilia zuerst und stimmte ein „Happy Fees Day“ an. Nach den Ehrungen stürzten sich alle – und wir natürlich auch – auf Hühnchen, Fisch, Chabathi und Reis. Bruder Johnson goss uns allen reichlich Apfelsaft ein. Und als Nachspeise gab es Eis aus dem Pappkarton. Wahlweise Vanille, Erdbeere oder Pistazie, letzteres schmeckte nach Seife. Trotzdem haben wir alle Sorten probiert und sie ohne Magenverstimmungen überlebt. Das erste Eis in Indien.

In Hampi haben wir letzte Woche den selbstgefälligen Amerikaner Lloyd kennengelernt, der uns von seinen sensationellen Erfolgen auf dem Aktienmarkt erzählte. Er wäre sehr reich, meinte der korpulente, kumpelhafte Typ mit der Wollmütze auf dem Kopf. Als Beweis spendierte er uns allen einen teuren Drink – am Ende ging er dann doch ohne zu bezahlen, sodass wir das übernehmen mussten. Zwei Tage später waren wir in Hospet unterwegs, um ein Stativ für meinen Camcorder zu kaufen. Und plötzlich stand er wieder vor uns, mit seinem rundlichen, breit grinsenden Gesicht und in Begleitung von Nilesh. Das erste, was ich zu Lloyd sagte, war „Hey, du musst noch unsere Drinks bezahlen.“ Er zückte sofort sein mit Geldscheinen überquellendes Portmonee und gab uns, was er uns schuldete. Dann setzte er seine Erfolgsstorys vom Samstagabend fort, wie und wo er Unsummen investiert hätte und wie man in den USA schnell Geld verdient, ohne den Finger krumm zu machen. Wir wussten nicht, ob wir ihm glauben sollten, selbst dann nicht als Lloyd einem Bettler tausend Rupien schenkte oder als er Nilesh innerhalb von zwanzig Sekunden eine neue Sonnenbrille kaufte. Lloyd erwähnte nebenbei, dass er auch Filmproduzent wäre. „Ahh, das trifft sich. Du hast nicht zufällig ne Million für eine Dokumentation über eine indische Don-Bosco-Einrichtung übrig?“, fragten wir. „Einen Camcorder haben wir schon, aber kein Stativ.“ – „Hey my friends, no problem, ein Stativ kann ich euch geben.“, sagte er.
Später, als Lloyd mit seinem Motorrad nach Hampi gedüst war, sagte uns Nilesh, dass er Lloyds Geschichten glauben würde. Er versicherte uns, dass er einen Blick in seinen Koffer werfen konnte und dass dieser randvoll mit Bargeld sei, sogar Gold würde der Aktien-Ami durch Indien tragen. Und dann zeigte uns Nilesh eine Kopie irgendeines wichtigen Versicherungspapiers, wahrscheinlich das seiner Lebensversicherung. Nilesh deutete auf eine fettgedruckte Summe von 7 500 000 000 US-Dollar. Ein milliardenschwerer Amerikaner mit Bommelmütze in Hospet? Egal, das Stativ haben wir jedenfalls bekommen!

Am Freitag kam uns die BREADS-Sekretärin Raji aus Bangalore besuchen, angeblich mit zwei Australierinnen im Gepäck. Wie sich aber am Bahnhof schnell herausstellte, kamen die beiden Projektreisenden nicht aus Australien, sondern aus Österreich. So konnten wir mal wieder Deutsch reden und unserem Besuch das Projekt vorstellen. Später hatten wir dann noch ein Evaluationsgespräch mit Raji, bei dem wir ihr unser Herz ausschütten konnten.

Und dann war schon wieder Sonntag, Ruhetag und die Kids hatten TV-Time. Da wir uns nur ungern eine Überdosis Bollywoodfilme verabreichen wollten, fragten wir, ob wir das neue Don-Bosco-Projekt bei den Minen besichtigen könnten. Der Bischof von Bellary hatte unseren Fathers vor einiger Zeit ein zweites Grundstück für ein weiteres Projekt geschenkt. Es liegt direkt neben den Abbaugebieten und befindet sich zurzeit noch im Aufbau, allerdings dauert es nicht mehr lange, bis es die ersten Kinder aufnehmen kann.
Bruder Vinod erklärte sich wieder bereit, uns zu begleiten und so warteten wir an der Jambunatha Road auf eine Rikscha. Sie kam auch irgendwann angetuckert und wir wollten gerade mit dem obligatorischen Feilschen beginnen, als wir den Fahrer wiedererkannten. Der von letzte Woche, der Typ, der unser Geld vor der Kirche abgelehnt hatte! Bruder Vinod beruhigte die Fronten. Dreiste 70 Rupien wollte er, wir stiegen trotzdem ein und fuhren auch eine Weile. Der Ort, an dem unser Rikschafahrer schließlich hielt, hätte man als Provokation auffassen können. Die lebensfeindliche Steppe ließ kein Don-Bosco-Projekt in unmittelbarer Nähe vermuten. Doch wir irrten, Vinod zeigte uns einen grasbewachsenen Hügel, der von einer Mauer umschlossen war. Hier ist es. Dem Rikschafahrer wollten wir die siebzig Rupien geben, doch er konnte unseren Hundert-Rupien-Schein nicht wechseln. Wir verzichteten auf das Wechselgeld und machten ihm darüber hinaus ein Friedensangebot. Er war einverstanden, wir schüttelten die Hände und er verriet uns seinen Namen. Dann fuhr er zurück nach Hospet. Vinod führte uns durch ein Tor und wir liefen zu einem neugebauten Haus, dem „Snehalaya“. Der Innenraum des Gebäudes sah genauso kahl aus, wie die Vegetation draußen. Das Büro und der Saal standen leer und die Duschen und die Toiletten waren noch ungewöhnlich sauber, unbenutzt eben. So richtig konnten wir es uns noch nicht vorstellen, dass hier in Kürze Leben einkehren würde. Auf jeden Fall wird es noch viel Zeit, Mühe und Arbeit kosten, bis auch dieses Projekt als eine Oase bezeichnet werden kann.

Liebe Grüße heute mal aus Bangalore, da sind wir nämlich gerade.
Euer Benedikt

Sonntag, 18. November 2007

Silvester im November

Hospet, der 18.11.2007

Diwali - Fest des Lichtes

Frohes Neues,

ihr wundert euch sicher, was das soll, aber ich habe hier vergangene Woche quasi Silvester gefeiert – das wirkt nach. Die Inder sind nur am Feiern, soviel steht schon mal fest. Ständig gibt es irgendeinen (fadenscheinigen?) Anlass, ein Fest jagt das Nächste. Letzte Woche war nämlich Diwali, das Fest des Lichtes. Die Hindus feiern an diesem Neumondabend im November die Erneuerung des Lebens. An diesem Tag werden alte Lampen weggeworfen und neue gekauft und angezündet. Die Öllämpchen sollen den umherirrenden toten Seelen den Weg ins Land der Seligkeit weisen, nachdem die Verstorbenen an diesem Abend ihre alten Häuser aufsuchen. Um die Geister nicht im Dunkeln tappen zu lassen, halfen wir mit, die kleinen Lampen mit Dochten zu versehen und sie mit Petroleum zu füllen. Auf dem Boden des Makkalla Mane war mit Kreide der Umriss der Indienkarte gezeichnet worden, das Landesinnere war mit gelben Blüten ausgefüllt. Auf die Grenze stellten wir dann die Lämpchen, ebenso auf Fenstersimse und Treppenstufen. Dann warteten wir mit den Kindern auf die Dämmerung. Gegen sieben Uhr war es dann endlich soweit. Die Öllämpchen wurden entzündet und die Lichter bildeten Ketten, ganze Wege. Im „Haus der Kinder“ saßen alle um die leuchtende Indienkarte herum und schauten wie gebannt auf die flackernden Flammen. Die Brüder brachen die Stille mit einem Lied, Cyril sang, Vinod spielte auf einer Handorgel und Thomas trommelte. Es wurde gebetet und gesungen. Danach entzündete Father Joy einen ölgefüllten Kelch und Bruder Johnson hielt eine feurige Predigt, von der wir wieder nichts verstanden.
Nach den eher schlichten und andachtsvollen Feierlichkeiten begann der spektakuläre Teil des Abends. Es hieß, wir sollten zum Basketballplatz gehen, dort würde eine Überraschung auf uns warten. Also stellten wir uns dort mit den Kindern und den Hostel Boys im Kreis auf und jeder bekam eine Wunderkerze und einen Knallfrosch in die Hand gedrückt. Dann ging Father Joy in die Mitte des Kreises und zündete seine armlange Wunderkerze an. Die gleißend helle Magnesiumflamme gab er weiter, bis der ganze Kreis funkelte und blitzte. Dann trat Bruder Johnson in die Mitte und stellte ein kleines Hütchen auf den Boden, das er auch entzündete. Eine Zündschnurlänge später schoss eine riesige Feuerfontäne in den Himmel, die Kinder schrieen und klatschten, staunten und lachten. Johnson tanzte wie Rumpelstilzchen um seinen Lichtgeysir und sprach irgendwelche Beschwörungsformeln. (Wir übersetzten seine lallenden Worte mit: „Ach wie gut das niemand weiß, dass ich Rumpeljohnson heiß.“) Er wollte sicher die Stimmung anheizen, aber diese befand sich schon längst auf dem Maximalwert. Wir tanzten ausgelassen, machten hunderte (!) Fotos und erschraken bei jedem Knallfrosch, während das funkelnde Feuerwerk den Platz und die Gemüter der vor Freude kreischenden Kinder erhellte. Nach dem Spektakel hing eine dicke, weiße Rauchwolke über dem wieder dunklen Basketballplatz. Bettruhe war nun angesagt. Nicht aber für die tausenden Inder auf Hospets Straßen, die es ebenso knallen ließen, Raketen in den Himmel schossen und vor ihren Hütten Poker spielten – bis die Sonne aufging.

Silvester war vorbei, sechs Tage später gab es – wen wundert’s noch – wieder was zu feiern. Children’s Day, der Tag der Kinder. Da man selbst für indische Maßstäbe nicht jeden Geburtstag von allen hundertfünfzig Kindern feiern kann, hat man sich entschlossen, es nur an einem Tag im Jahr – dann aber richtig knallen zu lassen. Und dieser Tag stand unmittelbar vor der Tür. Das Makkalla Mane wurde aufwändig geschmückt, Kreidemuster auf den Vorplatz gemalt und Bilder aufgehängt. Es wurde sich in der Vorbereitung sehr viel Mühe gegeben, schließlich wurden mehrere hundert Kinder erwartet, sieben andere Schulen aus Hospet waren eingeladen.
Der große Tag selbst begann mit einer Demonstration. Nachdem sich jedes der sechshundert Kinder nach unseren Namen, unserem Heimatland und unserem Wohlbefinden erkundigt hatte, bekamen wir alle ein neonfarbenes Schild in die Hand, auf dem „Stoppt die Kinderarbeit!“, „Schickt uns Kinder in die Schule!“ und „Jedes Kind braucht Bildung!“ auf Kannada zu lesen war – natürlich nicht für uns. Die Slogans wurden uns übersetzt. Dann zogen wir in Zweierreihen durch die indischen Straßen und Martin und ich versuchten, die Schlachtrufe möglichst genau nachzuschreien. Nach der Demo startete das große Bühnenprogramm, welches aus einem Gesangswettbewerb zwischen den Schulen bestand. Auch die Gruppentänze und die Reden mancher Schüler wurden von einer Jury bewertet. Das Programm dauerte zweimal drei Stunden und die Kinder bewiesen eine unglaublich große Ausdauer. Zwischendurch gab es eine kurze Mittagspause, in der jedes Kind einen Plastikbeutel mit gekochtem Reis und vier Butterkekse bekam. Nach der zweiten dreistündigen Wettbewerbsphase stand der Sieger endlich fest: Unser Don Bosco Projekt hatte gewonnen. Die Kinder freuten sich über den Sieg und wir freuten uns noch mehr über das Ende der Veranstaltung.

Letzten Montag haben wir unseren Thailand-Flug gebucht. Da wir nicht mehr als 180 Tage am Stück in Indien bleiben dürfen, müssen wir ausreisen, um unser Visum zu verlängern. Andernfalls verbringen wir die restliche Zeit unseres Lebens im Gefängnis. Wir hätten noch die Möglichkeit, der indischen Regierung eine Sonderaufenthaltsgenehmigung abzuringen, aber die Chancen gehen gegen Null, dass die unser Schreiben überhaupt lesen, geschweige denn beantworten. So haben wir uns für Thailand entschieden und verbinden die erforderliche Ausreise mit einem Backpacker-Urlaub im Land des Lächelns. Am 15. Februar 2008 werden wir Indien für drei Wochen verlassen und nach Bangkok fliegen. Doch bevor wir diesen Flug im Reisebüro in Hospet buchen konnten, mussten wir das Bargeld besorgen. Der Kauz vom Reisebüro hatte gemeint, wir müssten bei der Andhra Bank zehn Minuten warten. Aus zehn Minuten wurden schließlich anderthalb Stunden, da der zuständige Bankangestellte die beiden Visaformulare unter einer dreißigzentimeterdicken Papierschicht auf seinem Schreibtisch vermutete. Als dann selbst die komplette Schrankwand vergebens durchwühlt worden war, nahm der Mann ein weißes Blatt Papier zur Hand, riss es in der Mitte durch und schrieb unsere Namen, unsere Visa-Nummern und den Geldbetrag auf die beiden Hälften. Doch unsere aufkeimende Freude, gleich die Scheine ausgezahlt zu bekommen, wurde sofort wieder zerstört. Der Kollege, der den einzigen Zugang zum Tresor hat, war gerade beim Mittagessen. Nach weiteren zwanzig Minuten war er zurück und jeder von uns beiden bekam endlich seine 18.000 Rupien ausgezahlt (320 Euro). Neben uns am Schalter stand ein weiterer Bankkunde, der fassungslos zuschaute, wie unvorstellbare 36.000 Rupien über den Tisch wanderten. Auch die eine alte Oma im grünen Sari, die sich hinter uns auf einer Sitzgruppe niedergelassen hatte, hielt uns sicher für eine Halluzination. Es war nur peinlich. Wir ließen die beiden Geldbündel schnell in unseren Hosentaschen verschwinden und verließen die Bank. Auf dem Weg zurück zum Reisebüro hätten wir gerne Personenschutz gehabt, schließlich befand sich das doppelte Jahreseinkommen eines indischen Lehrers in unseren verdächtig ausbeulenden Taschen. Doch wir hatten wieder einmal Glück und wurden nicht Opfer eines Raubüberfalls.
Irgendwie fühlen wir uns aber auch sehr sicher auf den Straßen von Hospet. Jeder gläubige Hindu besitzt ja sein Karma, das alle gute und schlechten Taten erfasst und nach dem Tod darüber entscheidet, als was er im nächsten Leben wiedergeboren wird. Die einzigen Inder, die wir als kriminell bezeichnen würden, sind die Rikschafahrer. Die versuchen uns wirklich das Geld aus der Tasche zu ziehen. Martin ist sich sicher: „Die Rikschafahrer werden doch alle als Mehlwurm wiedergeboren.“

Neulich hat mir ein Schmuckverkäufer in Hampi gesagt, dass ich angeblich eine Menge gutes Karma angesammelt hätte. Und wenn ich seinen Klunkerring für 160 Rupien kaufen würde, sagte er, werde ich garantiert als reicher Manager, vielleicht sogar als Politiker wiedergeboren.

Klingt verlockend, aber mein jetziges und - so glaube ich - einziges Leben gefällt mir besser.
Es grüßt euch alle wieder ganz herzlich,
euer Benedikt

P.S. Die kalte und trockene Festlandsluft vom Himalaya lässt uns morgens und abends ziemlich frieren. Bei 10 Grad muss ich dann schon mal eine lange Hose anziehen und die Kinder tragen sogar Mützen und Schals. Aber gegen Mittag haben wir dann wieder 25 °C … und das im November! :-)

Mittwoch, 7. November 2007

Volksfest in der Tempelstadt

Hospet, der 07.11.2007

Hampi at night

Ein herzliches Hallo an euch!

Nach dem sehr beliebten Besenabschlagen-Spiel mit den Kindern erfuhren wir letzten Donnerstag beim Kaffeetrinken, dass in zwanzig Minuten die Allerseelenfeier auf dem Friedhof stattfinden würde, zu der wir natürlich auch eingeladen waren. Schnell zogen wir uns entsprechend um und nahmen eine Rikscha zu einer unscheinbaren Gasse. Schnell ließen wir die viel befahrene Hauptstraße hinter uns, folgten einer verheißungsvollen Abwasserrinne und standen plötzlich auf einem Hinterhof. Das quadratische Grundstück war von einer weißen Mauer, Slumhütten und Palmen umgeben. Etwa hundert buntgekleidete Menschen hatten sich auf dem katholischen Friedhof versammelt. Ganze Großfamilien standen oder saßen an den Gräbern ihrer Verstorbenen und beteten. Manche zündeten weißqualmende Räucherduftkerzen an oder schmückten die Gräber mit Blumenkränzen. Bei den Grabsteinen konnte ich große finanzielle Unterschiede erkennen. Es gab teure mit Steinkreuz und billige aus zwei Holzbrettern. Oft waren die aufgeschütteten, länglichen Erdhügel mit einer Art Calcium-Zement versiegelt, weil das wahrscheinlich preiswerter ist als ein Sockel aus Stein. Die beiden Fathers aus unserem Projekt, Varghese und Joy, beteten mit dem Gemeindepfarrer von Hospet den Rosenkranz vor und die hundert Inder stimmten in das Gebet ein. Nach einer anschließenden Litanei, die immer aus denselben kannadischen Worten bestand, begann die eigentliche Messfeier unter freiem Himmel. Als der Schlusssegen gesprochen war, gingen die Leute wieder zu ihren Gräbern. Die Hostel Boys aus unserem Projekt standen um zwei namenlose Kindergräber herum, deren Zementdecke nur halb so groß war. Ich stellte mich hinzu und latschte bedauerlicherweise auf ein drittes Kindergrab, auf ein älteres über das schon Gras gewachsen war. Gras wächst hier auch schnell über eine Sache, von Amal Gratsh redet keiner mehr, dachte ich. Dann kam Father Varghese in unsere Richtung, der gerade mit einer Flasche Weihwasser die Gemeindemitglieder segnete, allerdings ohne Wasser zu verspritzen. Dann lief auf einmal ein kleines Kind zu ihm und sagte, dass er die Flasche doch vorher öffnen müsse… Varghese folgte etwas verlegen dem Ratschlag des Jungen und wir mussten uns mit den Brüdern ein Lachen verkneifen.

In Hampi herrschte in den letzten Tagen der Ausnahmezustand. Es wurde gefeiert, ein riesiger Hokuspokus aus Licht, Musik, Kostümen und bunten Farben – nur einen richtigen Anlass schien es irgendwie nicht zu geben. Jedenfalls hatte die Regierung von Karnataka dieses Volksfest finanziert und überall waren die rot-gelben Flaggen vom Bundesstaat zu sehen. Es gab Bühnenprogramme, politische Reden, Aufmärsche, Paraden und Umzüge. Überall präsentierten sich aufwändig verkleidete Inder als Fakire, als säbelbewaffnete Krieger, als Maharadschas, Könige, Götter und Teufel. Musiker spielten auf Trommeln, Flöten und Trompeten, geschminkte Tempelelefanten bahnten sich ihren Weg durch die bunte Menschenmasse. Auch zahlreiche Verkäufer (noch mehr als es ohnehin schon sind!) hatte das Fest angelockt. Neben Essen und sämtlichen Leckereien konnte man auch wirklich alles (!) kaufen, was schrille Töne von sich gab, kitschig-bunt aussah und wenig wert war. Selbst den Kindern wurden mit dicken Luftballons, lauten Tröten und neonfarbenen Windrädern die einzigen Rupien aus der Tasche gezogen. Martin überlegte ernsthaft sich mitten auf der Straße ein Tattoo stechen zu lassen. Da es aber nur 25 Rupien (halber Euro) kostete, nur zwei Minuten dauern würde und der Schmerz vergleichbar mit Ameisensäure auf der Haut sei, willigte er ein. Er entschied sich für eine Sonne mit dem uralten Sanskrit-Wort für „Heimat“ auf dem Schulterblatt. Dann legte die heiße (hoffentlich desinfizierte) Nadel los und brannte das Motiv in die weiße Haut. Ich machte Fotos und zählte die gaffenden Inder. Ungefähr vierzig waren es, die voller Interesse auf Martins nackten Rücken starrten.
Gegen Mitternacht gingen wir zum Haus unseres befreundeten Massagemanns Nilesh, der für uns ein Nachtquartier - bestehend aus einer Matratze und einem Moskitonetz - bereitgestellt hatte. Am nächsten Morgen weckte uns sein dreijähriger Sohn Ganesh, und Nilesh begrüßte uns kurze Zeit später mit einer Tasse Tee. Danach nahmen wir wieder eine Rikscha zurück ins Projekt.
Zwei Tage später ging es erneut nach Hampi, diesmal aber mit der ganzen Besatzung. Die Hostel Boys hatten Exkursionstag und wir durften auch mit. Und so kam es, dass wir mit fünfzig Jungen, sechs Brüdern, zwei Nonnen und Father Joy in den Bus nach Hampi stiegen. Die Fahrt war lustig (holprig natürlich) und ich hatte sogar einen Sitzplatz. Am Parkplatz der Tempelstadt angekommen, teilten wir uns wieder in kleinere Gruppen auf. Wir erkundeten mit Father Joy das Gelände. Er war erst ein einziges Mal und vor langer Zeit in Hampi gewesen und so zeigten wir ihm die schönsten Orte, auch das einsame und ruhige Flussufer des Tungabadhra. Langsam legte sich die Dämmerung über uns und wir kehrten zurück in die feiernde Lichterstadt und warteten dort auf die Brüder. Wir hatten uns am Haupttempel verabredetet und sie alle ins Mango Tree Restaurant eingeladen. Der Fußmarsch zur Gaststätte war wieder ein Abenteuer, denn wir mussten einen unbeleuchteten Weg durch eine Bananenplantage einschlagen. Wir aßen Tomatensuppe, gefüllte Parota und Chabathi und tranken Cola, Mango Lassis und Bananen-Milchshakes und genossen die nicht vorhandene Aussicht auf den Tungabadhra, es war einfach zu dunkel – aber egal. Father Joy überredeten wir dann noch, die sechsmeterlange Schaukel zu testen, die an einem hohen Ast im Mangobaum befestigt war. Wir gaben ordentlich Schwung!
Als wir wieder auf dem Rückweg zum Parkplatz waren, überraschte uns noch das angekündigte Höhenfeuerwerk. Angeblich kostete der Regierung nur eine Rakete 20.000 Rupien (360 Euro). Als die Unsumme in den Nachthimmel gefeuert war, strömten tausende Inder in Richtung … Parkplatz!
Ich kann mir es nun lebhaft vorstellen, dass in Indien eine Milliarde Menschen wohnen und ich bezeichne es als Wunder, dass alle Hostel Boys, jeder Bruder und jede verirrte Nonne pünktlich am vereinbarten Treffpunkt war. Der Bus nach Hospet war - wie zu erwarten war - gnadenlos überfüllt. Wir quetschten uns mit hundertvierzig, vielleicht sogar hundertfünfzig Indern in einen Bus. (Ich zu Martin: „In Deutschland wären wir jetzt bei Wetten dass…“) Der Fahrschein kostete zehn Rupien und das Geld wurde auch noch im Bus abkassiert. Ein dürrer Mann zwängte sich durch die nahezu kompakte Masse aus Armen, Bäuchen und Beinen und sammelte die vergilbten Scheine ein. Während der Fahrt kam es noch direkt neben meinem rechten Ohr zu einem Streit zwischen zwei indischen Männern. Ich weiß nicht, was der Grund war, jedenfalls signalisierten beide eine große Lust sich zu prügeln. Ich fühlte mich wie der Korken in einer Sektflasche, kurz vor dem Knall. Den wollte ich echt vermeiden und so versuchte ich mit dem einzig passenden Wort, welches mein kläglicher Kannada-Wortschatz in dem Moment rausrückte, den Streit zu schlichten: „Shanti“, was Frieden bedeutete. Andere Inder halfen mit und drückten die beiden Streithähne auseinander. Schweißnass und glücklich kamen Martin und ich in Hospet an, wir besaßen noch alle Gliedmaßen und hatten auch keine Gehirnerschütterung. Gegen Mitternacht waren wir wieder alle vollständig im Projekt und fielen müde in unsere Betten.

Das war wieder Indien von seiner schönsten Seite.
Es grüßt euch der Benedikt unter einer gefühlten Milliarde Menschen.

P.S. Von Father Joy haben wir ein Buch zum Kannadalernen bekommen. Dort stehen die nützlichsten Beispielsätze drin, die man sich vorstellen kann. Einen kann ich schon auswendig und jeder fremde Inder bekommt ihn von mir zu hören: „Hebberallu toru beraligintha cullu, adare adakkintha dappa.“ Frei ins Deutsche übersetzt heißt der Satz: „Der Daumen ist kürzer als der Zeigefinger, dafür aber dicker.“

Mittwoch, 31. Oktober 2007

Jan und Amal

Hospet, der 31.10.2007

Einen lieben Gruß aus Indien.

Wir wollten zwischen den beiden Unterrichtsstunden eigentlich nur eine Waschbürste und ein Stück Seife kaufen. Es war kurz nach elf Uhr, als uns ein wirklich schräger Vogel mitten in Hospet ansprach. Der junge Mann trug ein grünes, weites Hemd mit buntem Zackenmuster und eine für ihn viel zu große, hellrote Stoffhose. Der Hippie hatte strähniges, lockiges Haar und eingefallene Wangen, war hellhäutig und abgemagert. Er stellte sich uns als Jan Alexandrovich vor, gebürtiger Russe und zum fünften Mal in Indien. Der Typ meinte, er müsse dringend zu einer Apotheke um dort Medizin für seinen kranken Hund zu kaufen. Er wäre Tierarzt und wüsste genau, welche Arznei es sein muss. Doch als wir ihm erzählten, dass wir zu unserem Lieblingssaftladen gehen würden, beschloss er lieber mit uns zu kommen. So krank schien der Hund wohl doch nicht gewesen zu sein. Martin und ich bestellten zwei Bananen-Milchshakes und er einen Traubensaft. Er fragte uns, ob wir seinen Drink mit bezahlen können, er wäre momentan knapp bei Kasse. Martin wollte wissen, womit er denn sein Geld verdiene. Mit Stoffen, war die Antwort. Er kauft in Indien Stoffe ein und verkauft sie für teures Geld nach Europa und Amerika. Momentan sei der Absatz aber schlecht. Dann zeigte er uns seinen Talisman, der ihn von weiteren finanziellen Nöten beschützen sollte. Es war irgendeine namhafte, grüne Gottheit, die an seinem Hals baumelte. Wir kamen unweigerlich auf den Glauben zu sprechen. Er sagte uns, dass er jeder Religion angehöre, sein Kopf wäre frei für jeden Gott und er selbst wäre Jesus. Dieser verirrte Spiritualtourist hätte an Merkwürdigkeit nicht übertroffen werden können. Wir saugten hastig an den Strohhalmen unserer Milchshakes, um den garantiert unter Drogen stehenden Hippie so schnell wie möglich loszuwerden. Die nächste Geschichte, die er uns auftischte, war allerdings noch schräger und ausnahmsweise interessant.
Er sagte stolz, dass er sich in Hampi frisch verlobt habe, mit einer Deutschen. Wir wurden hellhörig. Und wie heißt sie? Andrea. Die Glückliche war uns bekannt. Wir hatten sie und ihre Freundin am letzten Samstag in Hampi kennengelernt. Die Mädels kamen aus München und waren auch Volontäre in einem Nonnenkonvent in Kautal, im Norden von Karnataka. Das ist ja ein Zufall, wir konnten es nicht glauben. Jan zeigte uns als Beweis seinen Verlobungsring am Finger. Es war einer dieser korrosionsunbeständigen 20-Rupien-Billigklunklerringe vom Hampi-Basar. „Aber soweit wir wissen, ist Andrea mit Bianca vorgestern abgereist, wann wirst du sie wieder sehen?“ - „Don’t ask me this, mate“ sagte Jan mit schwerer Stimme und zog an seinem Joint.
Wir bezahlten die Getränke und Jan schenkte uns als Dank eine Plastiktüte mit gelbem Popcorn. Für die Kinder, sagte er, da müssten hundertfünfzig drin sein…
Wir wollten den Typen so schnell wie möglich abschütteln, doch er blieb hartnäckig. Er wollte mit uns ins Projekt kommen und mit uns unterrichten. Schließlich sei er auch Englischprofessor und amerikanischer Staatsbürger. Am liebsten hätte er eine Festanstellung im Projekt, als Lohn würden ihm Essen und eine Unterkunft vollkommen ausreichen. Als er dann noch seine kopierten und sicher gefälschten Pässe und Visa auspackte und seine Glaubwürdigkeit damit zu unterstreichen versuchte, platzte uns der Kragen und wir düsten mit einer Rikscha davon.

Der Gottesdienst am Sonntagabend war auch wieder ein Erlebnis der besonderen Art. Father Joy hatte die Messe in der Pfarrkirche für den Tag übernommen und die Hostel Boys, die älteren Jungen aus unserem Projekt, waren auch mitgekommen. Der Altar war rosarot geschmückt, an der Decke hingen Lamettagirlanden in den kitschigsten Farben. Wir setzten uns in das rechte Kirchenschiff, in die provisorischen Bankreihen für die Männer. Die Frauen saßen auf der anderen Seite. Es läutete zum Einzug, eine Frau gab eine Seite im Gesangbuch an und fing sofort an zu singen. Im Buch sind leider nur die Liedtexte abgedruckt, die Melodie wird immer von den zwei lautesten Gottesdienstbesuchern spontan erfunden. Die anderen scheitern dann meistens in dem Versuch, sich der improvisierten Tonfolge anzuschließen. Während der hinglischen Predigt verlor ich leider den Faden und so zog ich es vor, zwei Geckos zu beobachten, die an der Kirchenwand Fangen spielten und auf den Plastikfiguren der Heiligen herumkrabbelten. „The Lord be with you“ – „And also with you“. Zum Friedensgruß wird sich hier nicht die Hand gegeben, es wird sich voreinander mit aneinander gelegten Handflächen verbeugt. Ich hab das natürlich erst falsch gemacht und einem dicken, irritierten Inder meine rechte Hand entgegengestreckt. Während des Kommuniongangs kam es diesmal zu einer unverhofften Ausnahmesituation: Der Strom fiel aus und die restlichen Gottesdienstbesucher mussten sich zu ihrem Sitzplatz zurücktasten. Nur die beiden Altarkerzen warfen ihr warmes Licht in den Raum und das bläuliche Abendlicht schimmerte durch die Fensterscheiben. Die Szenerie erinnerte mich an eine Osternacht von Daheim und ich genoss diesen Hauch europäischer Schlichtheit, denn die ganzen kitschigen Farben waren mit dem Licht verschwunden. Während des Schlussgebets stellte sich ein beherztes Gemeindemitglied mit einer blauen Taschenlampe neben Father Joy und leuchtete ihm ins Messbuch.
Der Auszug verlief im Stillschweigen, es war einfach zu dunkel für Seite 27, C-13. Father Joy meinte später: „Wenigstens das Gloria hätten sie singen können.“
Nach der Messe schlossen wir uns einer kleinen Gruppe Hostel Boys an und wir gingen zu Fuß durch das nächtliche Hospet zurück ins Projekt. Wir wollten den Jungen eine Cola spendieren, doch zu unserem Erstaunen lehnten sie ab. Nach zwanzig Minuten erreichten wir dann das Don Bosco Gelände.
Am Abend riefen Andrea und Bianca aus Kautal an und wir sprachen kurz über unseren Jan „Jesus“ Alexandrovich und über die alberne Verlobung. Doch der Grund ihres Anrufes war ein anderer. Die beiden Volontärinnen fragten uns, was bei uns passiert ist. „Wie was passiert?“ Ein Junge von den Hostel Boys sei bei uns im Projekt gestorben…

- „WAS? Nee, das wüssten wir doch.“

Am nächsten Morgen erkundigten wir uns bei Brother Johnson und dieser erzählte uns, was passiert war. Am Samstagabend, als wir in Hampi waren, kam es tatsächlich zu einem Unfall in der Technical School. Ein uns gut bekannter siebzehnjähriger Schüler bekam durch unvorsichtiges Handeln einen Stromschlag. Er wurde zu einer Privatklinik gebracht, die ihn aber nicht aufnehmen und keine Verantwortung für ihn übernehmen wollte. Auf der Fahrt zum nächstgünstigeren Krankenhaus ist Amal Gratsh dann gestorben. Sein Herz war zu schwach. Die Trauerfeier und die Beerdigung waren am Sonntag und wir haben nichts davon mitbekommen. Die anderen haben sich keinerlei Trauer anmerken lassen und wir haben wie gewohnt unsere Witze gerissen und viel gelacht. Niemand hat uns etwas gesagt. Es war unabsichtlich, wie uns Father Joy am Montagmorgen mit Bedauern mitteilte. Sie dachten alle, wir wüssten davon…

Wir ärgern uns, dass uns nichts gesagt wurde. Doch noch mehr verärgert uns die Reaktion der anderen Hostel Boys, der Brothers und der Fathers. Sie verhalten sich so, als wäre nichts geschehen, als wäre der Todesfall nicht von größerem Interesse. Jetzt fehlt halt einer! Und am Montag gab es schon wieder was zu Feiern: Brother Thomas hatte Geburtstag.

Kuchen für alle!
Euer Benedikt

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Eisenerzminen

Hospet, der 24.10.2007
Eisenerzminen

Ein herzliches Namaskara aus dem Fernen Osten.

Letzten Donnerstag haben wir die berühmt berüchtigten Eisenerzminen um Hospet besichtigt, aus denen ein Großteil der Kinder kommt. Viele wurden von ihren Eltern dorthin zu Arbeit geschickt und sie alle erinnern sich nur ungern an diese Zeit. Wenn man die Kids auf diesen Ort anspricht, verschwindet das Lachen aus ihren Gesichtern. Zusammen mit einer Schülergruppe aus Bangalore, die für zwei Tage im Projekt zu Gast war, starteten wir unsere Exkursion in den späten Morgenstunden. Während des dreiviertelstündigen Fußmarsches unterhielten wir uns mit einer mitgereisten und sehr liberalen Lehrerin über das indische Kastensystem, über alte Traditionen und neue Werte. Und je mehr wir uns den Abbaugebieten näherten, desto rötlicher wurde die Erde, ein Indiz für den eisenhaltigen Boden hier. Die Sonne brannte vom Himmel, manche Mädchen nutzten Regeschirme als Schattenspender. Lange LKW-Kolonnen bretterten an uns vorüber, sodass der rote Staub auf den Landstraßen meterhoch aufwirbelte. Die Gegend wurde immer lebensfeindlicher, je weiter wir liefen: Steppe, rotbraune Erde, karge Sträucher, ein paar Gräser, das war’s. Die Lehrerin schlug vor, dass wir in kleinen Gruppen das weitläufige Terrain erkunden sollten. Mit Gruppe Vier erreichten wir nach einiger Zeit eine kleine Hütte, die aus Palmenblättern mitten in der Einöde errichtet war. Über dem Eingang war ein Schild angebracht, auf dem kannadische Hieroglyphen aufgemalt waren. In der so genannten Tent-School saßen etwa dreißig Jungen und Mädchen auf einer blauen Plane und staunten über den seltsamen Besuch. Doch die Willkommensfreude hielt sich in Grenzen. Auffallend war, dass diese Kinder nicht mal lächelten, sie schauten uns nur misstrauisch an. Die beiden Lehrerinnen, die ziemlich fertig aussahen, berichteten über das Minenprojekt und eine siebzehnjährige Schülerin übersetzte für uns. Wenn die Eltern auf die Arbeitskraft und den Lohn ihrer Kinder verzichten können, dann schicken sie sie in eine der vier Tent-Schools, die auch mit zum Don Bosco Projekt gehören. Dort lernen die Jungen und Mädchen von 10 bis 16 Uhr die Grundlagen, also lesen und schreiben. Der größere Anreiz für die Eltern ist jedoch, dass ihre Kinder dort kostenlos mit Essen versorgt werden. Teilweise werden auch Kleinkinder und Babys von arbeitenden Eltern in die Minenschulen geschickt, damit sie dort satt werden können. Was verdienen die arbeitenden Kinder, habe ich gefragt. Für einen Korb voller Eisenerzsteine, für den ein Kind etwa eine halbe Stunde braucht gibt es 9 Rupien, ungefähr 16 Cent. Eine ganze indische Arbeiterfamilie könne pro Tag ungefähr 400 Rupien verdienen.
Wir verließen die Hütte und standen wieder auf dem rotbraunen Minenfeld, das auch wortwörtlich wie ein Minenfeld aussah. Große, runde Löcher klafften im Boden. Wir gingen zu ein paar Arbeitern und wollten wissen, was deren Aufgabe ist und sie zeigten uns alles. Zuerst werden die Steine abgetragen, dann werden sie gesiebt. Die Brocken, die im Sieb hängen bleiben, werden mit einem Hammer aufgeklopft. Schimmert das Innere silbern, so kommen die Bruchstücke auf einen Haufen. Dieser Haufen wird dann zu Eisenerzpulver zermahlen, welches mit Schiffen nach China exportiert wird. Dort wird in Hochöfen das reine Eisen aus dem Gesteinspulver gewonnen. Die Arbeiter ließen uns auch mal Steine aufklopfen und schenkten uns ein paar der schimmernden Brocken. Dann sah ich zwischen den roten Steinen einen ganz besonders schönen, einen weißen Kristall. Ich wollte ihn auch gerne mitnehmen und so fragte ich einen Arbeiter. Leider fehlte mir in diesem Moment unsere junge Dolmetscherin. Der Mann sprach irgendwas auf Kannada, sicher „Nee, da ist kein Eisen drin…“ und schmiss den Kristall vor meinen entsetzten Augen im hohen Bogen in ein entferntes Gestrüpp.
Wir liefen weiter, vorbei auch an Kinderarbeitern, die in der prallen Sonne in ihren Löchern saßen und hämmerten oder siebten. Manche winkten uns auch zu, andere schauten nur reglos herüber, ich machte Bilder.
Es war mir richtig unangenehm Fotos zu schießen mit einer Kamera, die so viel wert war, wie 1400 Körbe voll mit handverlesenem Erzgestein, aber ich musste den Anblick unbedingt dokumentieren.

Als unsere Trinkflasche leer war und unsere Füße schmerzten, trafen wir auf Brother Vinod, der uns wieder ins vertraute Projekt führte, in die Oase, zu den lachenden Kindern...

Der Ausflug war schockierend und traurig, aber auch sehr wichtig. Wir kennen nun die Hintergründe, aus denen die Kinder zu uns kommen. Endlich beginnen wir die Freude der Kinder zu verstehen: Sie sind einfach froh, nicht länger in dieser staubigen Gluthitze arbeiten zu müssen. Schule und Hausaufgaben sind kein geringeres Übel, sie sind Privilegien, über die sie sehr glücklich sind.

Liebe Grüße an euch und an die vertraute Heimat.
Euer Benedikt

P.S. In Hampi haben wir den zwanzigjährigen Bertram aus Hamburg kennengelernt. Momentan übt er sich im Zeichnen von waagerechten Strichen, als Praktikant in einem Architekturbüro in Bangalore. Er kam uns am nächsten Tag auch im Projekt besuchen und wir stellten ihn allen hundertfünfzig Kindern vor. Er will Weihnachten mit uns feiern und über Silvester mit nach Goa kommen, wo wir die anderen deutschen Don Bosco Volontäre treffen.

P.P.S. Sudoku heißt der neue Hit. Das Spiel zu erklären, hat gedauert… Aber nun haben es alle begriffen und wir rätseln was das Zeug hält. Wenn von euch jemand Spiele, Rätsel oder englische Lieder kennt, die einfach zu spielen, zu lösen oder zu singen sind, die wenig Erklärungen brauchen und Spaß machen, dann schickt sie mir bitte per Mail. Ich würde mich echt freuen, die Kinder erst recht.

P.P.P.S. Weitere Meldungen der letzten Woche in Kurzfassung: Unser projekteigener Kuhhirte wurde vom Ochsen getreten … wir haben ein paar Kindern die Haare geschnitten … ich wurde für 2 Rupien von einem indischen Elefanten „gesegnet“, die Münze verschwand im Nasenloch des Rüssels und steckt womöglich immer noch dort drin…

Sonntag, 14. Oktober 2007

Momentaufnahme von Hospet

Hospet, der 14.10.2007
Hospet - Portrait einer indischen Stadt

Liebe Grüße an euch alle!
„Märchen aus dem Fernen Indien“, Klappe die achte.

Vorhin sind wir wieder mit der Rikscha durch Hospet gefahren und ich hatte einmal mehr das starke Verlangen, jede Winzigkeit dieses chaotischen Lebens und vor allem die Menschen selbst in Wort und Bild festzuhalten. Fotografieren ist schwierig, da man seine Kamera zuallererst vor Straßendieben schützen muss. Man zieht eh schon genug Blicke auf sich, wenn man weiß ist. Dann kommt erschwerend hinzu, dass die Leute teilweise nicht sehr erfreut sind, wenn man sie und ihr Wohnumfeld einfach ablichtet. Ich will die Menschen auch nur ungern um Erlaubnis fragen. Erstens verstehen sie mich eh nicht und sollten sie meine wilden Handbewegungen doch irgendwann richtig interpretieren, würden sie versuchen, sich wirksam in Szene zu setzen und der Moment des Augenblicks wäre dahin. Am liebsten würde ich die Zeit einfach anhalten, Hospet in ein großes Zeitvakuum stecken und in aller Ruhe meine Bilder schießen. Da dies aber nur im Film funktioniert, habe ich mir gedacht, mich mit Worten dem indischen Straßenleben zu nähern und meine Beobachtungen aus dem Gedächtnis heraus aufzuschreiben.

Wenn wir Rikscha fahren, dann wackelt es und wir wackeln mit. Die Radachsen sämtlicher Fahrzeuge haben unter dem gleichen Problem zu leiden: Die Straßen sind kaputt. Schlaglöcher, Pfützen und Huckel müssen aufwändig umfahren werden. Ebenso Kühe, Ochsen und Esel. Wo in Deutschland nach wenigen Minuten im Radio zu hören wäre: „Besondere Vorsicht auf der B247. Es befinden sich Tiere auf der Fahrbahn“, kümmert es hier niemanden. Und wenn ein glotzendes Rind mitten auf der Kreuzung steht und vor sich hinkaut, so wird es umge… nein (!) umfahren; von hupenden Rikschas, von lärmenden Motorrädern, von protzenden Autos, von rostenden Überlandbussen, von stinkenden Lastern mit überladenen Anhängern, von klappernden Fahrrädern, von archaischen Ochsengespannen und von Hand geschobenen Obstkarren. Jeder fährt wie er will. An den Linksverkehr hält sich nur die knappe Mehrheit. Wende- und Überholmänover geben die Adrenalinstöße im indischen Straßenverkehr. Hierbei zählt jeder Millimeter und jede Zehntelsekunde. Kurz bevor es zur Kollision kommt, scheren die Fahrzeuge wieder in ihre eigentliche Spur.
Am staubigen Straßenrand sehen wir Kinder, die im und mit dem Müll spielen. Ein kleiner Junge nutzt den Bordstein als öffentliche Toilette. Inmitten von Dreck, Verpackungen, Papier, Kuhfladen, Essensresten und sonstigem Abfall räkeln sich schwarze, dickbäuchige Schweine müde in der Sonne. Krähen fliegen umher, magere Hunde suchen nach Essbarem. Ein paar Hühner springen über die verdreckten Abwasserkanäle, in der schwarzes, nach Fäkalien riechendes Wasser vor sich hinkeimt.
Der Gestank, der aus den Kloaken wabert, mischt sich mit dem Geruch von Abgasen, Essensdämpfen und Gewürzen. An jeder Straßenecke riecht es ein wenig anders. Die eine riecht mehr nach heißem Frittieröl und Kartoffelchips, die andere mehr nach süßen Früchten, nach überreifen Bananen und Apfelsinen.
Auf der Straße laufen die seltsamsten und skurrilsten Gestalten herum, die man sich vorstellen kann. Da haben wir zuerst die Frauen, die weite bunte Saris in allen Farben, dazu Armreifen, Halsketten und Ohrringe tragen. Muslimische Frauen sind in diese typischen Gewänder aus schwarzem Stoff gehüllt, die bis über den Kopf reichen und nur den Augen einen schmalen Sichtschlitz bieten. Die klassische indische Oma hat ein altes, faltig-braunes Gesicht, einen dicken roten Punkt auf der Stirn und weißes, verfilztes Haar. Der ganze Körper ist voller Schmuck und anderem glitzerndem Klunker: Armreifen, Halsketten, Fußketten, Ringe an Finger und Zehen. Auf der wettergegerbten Haut sieht man häufig Pigmentfarben und Tätowierungen. Die Männer tragen meistens lange Hose und Hemden. Wer Geld hat, besitzt ebenso eine Sonnenbrille, ein Handy und ein Motorrad. Die Greise wickeln sich Stoffbahnen zu Hosen und tragen alte Lumpenhemden. Auf deren Köpfen entdecken wir Turbane, Schals, Wollmützen und Kappen, die wie gehäkelte Klopapierhauben aussehen. Doch erst der Bart gibt dem Opa das gewisse Etwas, das Patriarchalische. Man sieht Vollbärte und Schnurrbärte in allen Formen und Größen, viele haben Ähnlichkeit mit Räuber Hotzenplotz und Osama Bin Laden…
Manche Leute sitzen auf dem Bordstein und unterhalten sich, andere schlafen auf dem staubigen Boden, andere bekommen eine neue Frisur, wieder andere eilen in Handyläden oder Banken. Hungrige Inder genehmigen sich landestypische Spezialitäten in den zahlreichen Restaurants und Imbissbuden. In den kleinen Straßenkiosks warten indessen klebrige Süßigkeiten, Schokoriegel, Zigaretten, Schnupftabak, magische Pilze, Drogen und andere abgepackte Rauschmittelchen auf deren regelmäßige Konsumenten. Aber auch Toast, Gewürze, Zahnbürsten und Zahnpasta sind dort erhältlich. Hinter den Ladentischen sitzen meistens alte Männer mit dicken, massiven Brillen, die reglos aus ihrem Blechhäuschen starren. Vielleicht beobachten sie Frauen, die mit Körben und Reisigbündeln auf dem Kopf waghalsig die Straße überqueren, Fahrradfahrer, die irrsinnige Lasten transportieren oder Kinder, die in sauberen, blauen Uniformen zur Schule laufen.
Im Schatten der Häuserwände sitzen einige Bettler und strecken müde die Hand aus.
Ein paar Meter weiter haben sich einige Straßenverkäufer niedergelassen und verkaufen dort im Schutz ihres Sonnenschirms Obst, Erdnüsse, Kokosnüsse, Tonkrüge, Topflappen, Blütenkränze, Gewürze, Blech, Schrott, Sandalen, Vorhängeschlösser, Zimmerpflanzen und Holzlöffel. Das Geschehen in den verschiedenen Geschäften verlagert sich auf den Bürgersteig. Schneiderinnen sitzen vor ihren bunten Textilgeschäften und nähen Hemden, Hosen und Saris. Schuster polieren die Schuhe ihrer Kunden. Strickverkäufer drehen Hanfseile. Hühnchenschlachter köpfen federlose Vögel und stapeln die toten Tiere auf dem Ladentisch. Zuckerverkäufer pressen mit großen Zahnrädern den süßen Saft aus dem Zuckerrohr.
Jeder versucht hier, irgendwie Geld zu machen. Es gibt dafür keine Regeln und Normen, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Armut macht erfinderisch.

Das Straßenleben in Indien überflutet die Sinne. Die ungeheure Vielfalt an Eindrücken benebelt die Wahrnehmung. Auch wenn es stinkt, und vieles zum Ekeln und Heulen einlädt, die Eindrücke sind unglaublich abwechslungsreich und interessant. Sterile Einkaufspassagen, aufdringliche Leuchtreklame und die gewohnte Hochglanzoptik vermisse ich (noch) nicht, wahrscheinlich befinde ich mich immer noch in der Phase 1 der Kulturschockkurve: Euphorie.
„Bei der Ankunft in dem fremden Land ist alles neu und aufregend, man ist damit beschäftigt, Land und Leute zu entdecken und zu erforschen. Dabei stehen eher die positiven Seiten der unbekannten Kultur im Vordergrund. Der allgemeine Optimismus kann sich bis zur Euphorie steigern, weder die eigene noch die fremde Kultur werden in Frage gestellt.“ Ich bin gespannt, wie es weitergeht…

Es grüßt euch und das herbstliche Deutschland,

Euer Benedikt,
festgesessen in Kulturschockphase 1

P.S. Bruder Vinod stieß vorhin mit einem neuen Haarschnitt zum gemeinschaftlichen Abendessen der Salesianer.
Ich: „Was kostet ein neuer Haarschnitt in Indien?“
Vinod: „Ungefähr 20 Rupien.“ (= 40 cent)

Ich: „In Deutschland bezahlt man mindestens 2000 Rupien für einen …“
Martin: „Also ich weiß genau, warum der nur 20 Rupien gekostet hat.“
(Großes Gelächter)

Dienstag, 9. Oktober 2007

Mein 19. Geburtstag

Hospet, der 09.10.2007

Hallo an euch alle.
Ein großes Danyavada für die vielen Glück- und Segenswünsche zu meinem 19. Geburtstag. Ich habe mich sehr über die ganzen E-Mails, Telefonanrufe, Kurznachrichten, Pinnwandnotizen und über die gesungene Videobotschaft gefreut.

Wie habe ich meinen Geburtstag in Indien gefeiert? Sagen wir, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich bin aufgewacht und mein rechtes Auge war rot und verengt. Die Bindenhautentzündung geistert hier schon eine Weile im Projekt herum und mittlerweile sind über dreißig Kinder und zwei Lehrerinnen infiziert. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch mich die Epidemie befallen würde. Und dann habe ich es doch tatsächlich geschafft, mir in diesem warmen Land eine Erkältung einzufangen. Auf der abendlichen Rikschafahrt von Hampi zurück ins Projekt hat mir der kühle Nachtwind ganz schön zugesetzt und nun huste ich auch noch rum. Martin war am Sonntagmorgen der erste Gratulant und von ihm bekam ich eine Umhängetasche und ein Nutellaglas geschenkt. Beides hatte er am Tag zuvor in Hampi gekauft. Die Schokocreme war wahnsinnig gut und selbst die Namen der Inhaltsstoffe lasen wir in deutscher Sprache auf dem Etikett.
Nach dem Frühstück gingen wir ins Makkalla Mane, wo etwa zweihundert Kinder und Jugendliche auf mich warteten. Father Varghese hielt eine feierliche Rede, von der ich nur die Hälfte verstand. Ich sollte nach vorne kommen, mich auf einen Stuhl setzen und den quadratischen Geburtstagskuchen anschneiden. Währenddessen sangen sich die Kinder die Kehle aus dem Leib, stimmten englische und kannadische Geburtstagsverse an und applaudierten als hätte ich ihnen soeben einen hausaufgabenfreien Monat versprochen. Die Torte, auf der mit violetter Zuckerschrift „Happy Birthday Benedikt“ geschrieben stand, war süß, richtig süß und sie schmeckte hervorragend. Meine einzige Sorge war nur: Wie sollte die Torte für zweihundert hungrige Mäuler reichen? Ich war am Freitag bei Genussmensch Brother Johnson gewesen, der uns schon so manchen außergewöhnlichen Wunsch erfüllt hatte. „Brother“ hatte ich gesagt, „wir brauchen am Sonntag Kuchen für zweihundert Leute und am Montag ein richtig gutes Abendessen!“ Er hatte sofort seinen Kugelschreiber gezückt und mit leuchtenden Augen geantwortet: „No problem.“ Jedenfalls hatte er mir einen Kuchenberg versprochen und so liebevoll das Häufchen Sahne und Zucker vor mir auch zubereitet war, die Menge entsprach nicht mal einem Hügel. Wie sich aber wenige Augenblicke später herausstellte, standen drei weitere Pappkartons voller Kuchen bereit und den verteilte ich dann an die schier endlose Schlange an Kindern. Die Jungen und Mädchen gaben mir alle die Hand, freuten sich innig über ihr Stück, aßen und schmatzten und wollten ihr Stück unbedingt mit uns teilen. In der Luft lag eine ausgelassene Stimmung und die Begeisterung der Kinder war genauso ansteckend wie deren Augenkrankheit.
Nach der Sonntagabendmesse lud ich Martin und Bruder Vinod auf eine Pizza in das nobelste Restaurant der Stadt ein. Das „Temptations“ war allerdings so nobel, dass es gar keine Pizza im erlesenen Angebot hatte. Wir aßen zarte Hühnchenstücke und erlagen der Versuchung eiskaltes Kingfisher-Bier zu trinken. Unser indischer Freund erzählte uns, dass er sonst nur an Weihnachten Alkohol trinken würde. Wir waren die einzigen Besucher in dieser so ungewöhnlich sauberen Hotelgaststätte und wir hielten es dort auch nicht lange aus. Wir würgten die pikanten Hühnchenfilets herunter und verließen den Vier-Sterne-Marmorpalast, ohne dem farbenfrohen Wasserspiel am Ausgang weitere Beachtung zu schenken. Wir öffneten die Tür und standen wieder in der gewohnten, stinkenden Gosse von Hospet.
Den nächsten Tag verbrachte ich vorrangig im Zimmer. Beide Augen waren nun entzündet, zusätzlich plagten mich leichtes Fieber, Kopfschmerzen, Schnupfen und Husten. Ich wollte mich unbedingt schnell auskurieren, um am Abend wieder fit zu sein. Denn wie ich von mehreren Kindern erfahren hatte, würde mich da die eigentliche Geburtstagsfete erwarten. Und so ging ich am Montagabend, gegen 7.45 Uhr gesundheitlich noch etwas angeschlagen und in völliger Unwissenheit ins Makkalla Mane, wo die Kinder und die älteren Jungen auf dem Boden saßen und warteten. Shanta, eine junge Lehrerin, stand am Mikrofon und rief mich auf nach vorne zu treten. Während ich mir meinen Weg durch die Kinder bahnte, drückte Brother Vinod auf die Play-Taste seines CD-Spielers und eine pathetische Hymne untermalte meinen Gang. Es war mir fast unangenehm, soviel Anerkennung und Beifall zu bekommen, nur weil ich Geburtstag hatte. Ich kam mir vor, als würde ich gerade den Oscar in der Kategorie „Bester Selbstdarsteller“ verliehen bekommen. An der Tafel leuchteten mir die mit bunter Kreide geschriebenen Worte „Happy Birthday“ entgegen. Father Varghese hielt eine weitere herzliche Rede und bemühte sich um ein für mich verständliches Englisch. Ich sei nun weit, weit weg von Zuhause und von meiner Familie, sagte er, und ich würde nun den wohl außergewöhnlichsten Geburtstag meines Lebens feiern, den ich in guter Erinnerung behalten werde. Wie Recht er hatte. Das nun folgende Programm übertraf jegliche Erwartungen: Vier Jungen eröffneten die Gala mit einem vierstimmigen Segenslied, danach folgte ein Gruppentanz von mehreren bunt kostümierten Kindern, dann wurde ein Sketch gespielt, der Martin und mich beim Unterrichten zeigte. Nachdem die älteren Jungen ihre akrobatischen und tänzerischen Darbietungen beendet hatten, war mein großer Auftritt gekommen, von dem ich nichts wusste. Ich sollte die fernsehtaugliche Unterhaltungsshow mit einer spontanen Rede krönen und Bruder Toni übersetzte mein Englisch ins Kannadische. Ich weiß nicht mehr, was ich geistreiches von mir gegeben habe, Father Varghese kommentierte meine salbungsvollen Worte jedenfalls mit „kurz und süß“. Als das Programm zu Ende war, gab es Bonbons für jeden, die Martin und ich verteilten. Zehn Minuten später erwartete uns die nächste Überraschung: Das bestellte Abendessen im Kreise der Salesianer. Es gab Huhn, Reis, Salat, Soße, Zwiebeln, Äpfel, Bananen, Chips, Erdnüsse in Karamell und Apfelsaft. Das Festessen war ausgezeichnet und wir aßen bis wir zu platzen drohten…

Das waren hier wirklich zwei seltsame und schöne Tage, in denen ich völlig unverdient zu sehr viel Aufmerksamkeit gekommen bin. Es war ein wirklich ausgesprochen außergewöhnlicher Geburtstag und ich danke den ganzen Kindern und den Salesianern hier, die sich so für mich ins Zeug gelegt haben. Es wäre wirklich nicht nötig gewesen, aber das scheint hier so üblich zu sein … Feiern in dieser Größenordnung.

Euer Benedikt

P.S. Die visuelle Ausgabe dieses Eintrags gibt es auf
http://www.youtube.com/watch?v=HMKnVQ9Ec8s zu sehen. Schaut mal rein und erlebt die Freude der Kinder in Bild und Ton!


P.P.S. Zu unserem moskitofressenden Zimmergecko hat sich nun ein weiteres Haustier dazugesellt. Von Bruder Toni haben wir ein kleines, fiependes Babystreifenhörnchen bekommen, das aus dem Nest gefallen war. Nun füttern wir Jacqueline mit lauwarmer Kuhmilch und Bananenstückchen und lassen das Tier auf unserer Schulter herumturnen.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Tagesablauf im Projekt

Hospet, der 02.10.2007

Viele liebe Grüße aus der mir gar nicht mehr so fremden Parallelwelt Indien!
Das ist jetzt Eintrag Nummer ähh.. sechs (?!) und mir ist aufgefallen, dass ich noch gar nicht meinen Tagesablauf hier im Projekt beschrieben habe. Das hole ich hiermit nach.

ALSO… Mein Tag beginnt um 7 Uhr mit dem lebensbejahenden Klingelton von Martins Handy, manchmal weckt uns aber auch die Schulglocke. Dann folgt das Duschen mit dem Eimer. Wir wissen jetzt auch, wie das effektiv geht: Man entleert den Wassereimer einfach über dem Kopf und überflutet das ganze Bad. Die Entscheidung zwischen Warm- oder Kaltwasser wird einem abgenommen. Mittlerweile kann ich beim Duschen die Außentemperatur vorhersagen. Um 7.30 Uhr starten die Kinder mit der Morgenarbeit: Fegen, Umgraben und Unkraut jäten. Um 8.00 Uhr trinke ich Frühstück. Die erwähnten braunen Dinosauriereier gibt es nämlich auch im flüssigen Aggregatzustand. Ich mochte es kaum glauben, aber mit Milch und Zucker ist dieses warme Ragi-Getränk einfach köstlich und ich trinke das jeden Morgen. Nach dem Frühstück spielen Martin und ich Lehrplankommission, indem wir die Unterrichtsinhalte des Tages festlegen. Um 9.30 Uhr stehen wir stramm zur indischen Nationalhymne. Anschließend gehen wir mit der vierten Klasse zurück in die Schule und suchen einen leeren Klassenraum, meistens auch Kreide, Schwamm und die Hausaufgaben einiger Kinder. Nach den 45 Minuten Englischunterricht haben wir Freizeit bis 12.15 Uhr. Manchmal nehmen wir eine Rikscha und lassen uns in die Stadt fahren, um Kleinigkeiten zu besorgen. Nach der Englischstunde für die 3. Klasse essen wir Mittag um ein Uhr. Was essen wir? Natürlich Reis. Ist der eigene Teller aufgewaschen, haben wir wieder Freizeit, können ein Mittagsschläfchen halten oder Rundmails schreiben (wie jetzt gerade). Um 15 Uhr startet unser halbstündiges Kreativangebot, dass aus Singen oder Zeichnen besteht. Ist die letzte Strophe gesungen und das letzte Tier gemalt, beginnt die Nachmittagsarbeit. Meistens schnitze ich mit den Kindern Besenborsten aus Palmenzweigen, indem wir mit einem Stück Metallmaßband die Blattachse heraustrennen. Um 16.15 Uhr können wir uns bei Kaffee und Keksen für das herannahende Fußballspiel stärken. Anpfiff ist um halb fünf Uhr. Beim Spielen muss man auf zwei wesentliche Dinge achten: Erstens sollte man keines der hundertfünfzig Kinder umrennen und zweitens sollte man nicht über einen frischen Kuhfladen laufen. Die Fußballwiese ist nämlich auch Weidefläche und laufend übersät mit den Sakralbauten der Rinder. Dementsprechend bietet sich eine Dusche nach dem Spiel an. Von 18 bis 20 Uhr haben die Kinder ihre TV-Time. Alle Bollywoodfilme und sämtliche indische Fernsehsendungen kennen eigentlich nur zwei Themen: Liebe und Gewalt. Hektische Kamerafahrten um Liebespaare, dazwischen berauschende Tänze und schnulziger Gesang, ebenso Kunstblut und einfach choreographierte, brutale Kampfszenen. Wir haben die Brothers gefragt, warum sie den Kindern diese blutigen Metzeleien zeigen. „Das ist Indien, das ist Film“, war die Antwort. Um 20 Uhr gibt es Abendbrot, also Reis, Soße, Chabati und Babybananen. Haben wir aufgegessen, geht es sofort mit der „Recreation Time“ im Makkalla Mane weiter. Mit dem Nachtgebet wird der Tag beendet. Die Kinder sitzen im Schneidersitz in Reihen auf dem Boden und ein Bruder hält die berühmte Gute-Nacht-Ansprache. Um 21.45 Uhr können auch wir ins Bett gehen, meistens wird es aber später.

Letzten Samstag waren wir wieder in unserer Lieblings-Tempelstadt und haben allerhand Freundschaften aufgefrischt, durch weitere Einkäufe. Da es zu regnen begann und wir ein Wellblechdach über dem Kopf brauchten, stellten wir uns in einem Textilgeschäft unter und kauften prompt zwei Bettvorleger. Doch es sollte nicht dabei bleiben. Es folgten eine muschelbestückte Umhängetasche, ein Elefant aus Stein, zwei Armreifen, ein Teelicht, eine Halskette, sieben Postkarten, eine angeblich fünfhundert Jahre alte Hampi-Münze (mit viel Fantasie kann man einen Pfau darauf erkennen) … und viele andere Dinge von unschätzbarem Wert. Wir feilschten, was das Zeug hielt und trieben die Verkäufer an die Grenzen ihrer finanziellen Existenz, zumindest vermittelten sie uns dieses Gefühl. Einkaufen in Indien ist immer eine schauspielerische Herausforderung. Wenn man etwas unbedingt haben will, muss man dem Verkäufer ein furchtbar großes Desinteresse vorgaukeln. Haben Geld und Ware den Besitzer gewechselt, hat die gegenseitige Heuchelei ein Ende.
Am Ufer des Tungabadhra lernten wir zwei junge Dokumentarfilmer kennen, die uns auf Englisch gefragt hatten, ob man den Fluss mit so einem Nussschalenboot bedenkenlos überqueren könne. Während des Gesprächs stellte sich heraus, dass wir uns mit zwei Münchnern unterhielten und so wechselten wir augenblicklich ins Deutsche. Die Filmemacher hatten ganz Indien bereist und in Kalkutta die bitterste Armut gesehen. Der eine musste aufgrund einer Virusinfektion in ein Krankenhaus und lag dort eine ganze Woche zwischen sterbenden Patienten mit den wohl schlimmsten Krankheiten. Die Ärzte musste er immer wieder ermahnen, die Kanülen zu desinfizieren und sich die Hände zu waschen. Der andere meinte weiter, dass es in Indien so unglaubliche Gegensätze zwischen Arm und Reich gäbe. Er hat auch ziemlich wohlhabende Inder kennengelernt, welche sich für etwas Besseres halten und welche die anderen Menschen gar als Affen bezeichnen... Ach ja, und Hospet sei eine noch verhältnismäßig saubere Stadt - im Gegensatz zum Norden Indiens!
„Oh, tatsächlich?“

Am Sonntag waren wir wieder mit Bruder Vinod in der „Holy Spirit Church“ in Hospet, der einzigen katholischen Kirche im Ort. Wir verharrten schweigend in den Bänken und beobachteten einen Messdiener, der verzweifelt versuchte, die Ventilatoren an der Decke zum Laufen zu kriegen. Erst als die Luft angenehm zirkulierte, läutete es zum Einzug. Der Gesang der etwa zwanzig Gemeindemitglieder war sehr kläglich, es gab keine Orgel und die englischen Lieder besaßen auch keine harmonische Melodie. Die Predigt in Hinglish (schwer verständliches Englisch aufgrund des fiesen Hindi-Akzents) war so langweilig, dass selbst Vinod bemüht war, nicht einzuschlafen. Wir mussten ihn mehrfach aus seinem Sekundenschlaf rütteln.

Wir haben endlich Schlangen gesehen! Mehrere Kinder kamen zu mir und schrieen „Snake, snake, going!“. Sie zogen an meiner Hand und führten mich zu einem Tümpel, wo tatsächlich in einiger Entfernung eine reglose Schlange im trüben Wasser trieb. Wir banden zwei Stöcke aneinander, holten das tote Tier aus dem Teich und machten Fotos.
Martin hat letztens auch ein lebendiges Exemplar gesehen. Er wollte einen Ball holen, der über eine Mauer geflogen war. Auf der anderen Seite sah er eine Schwarze Kobra, die sich durch das Gras schlängelte. Innerhalb von acht Minuten sei das Nervengift dieser Natter tödlich, hieß es. Deswegen hat er auch keine Fotos gemacht und den Ball liegen gelassen.

Am Sonntag Abend tanzten wir mit den Kindern im Makkalla Mane. Die Musik war schrill, die Stimmung ausgelassen und wild. Als wir uns mit hundertfünfzig begeisterten Kindern gerade den wildesten Tanzrhythmen hingaben, fiel plötzlich und einmal mehr der Strom aus. Die Musik verstummte schlagartig und das Licht ging aus. Die Kinder kreischten, denn wir sahen komplett Schwarz, alles war wieder stockduster. Martin zückte sein Feuerzeug und leuchtete mit einer einzigen Flamme die gesamte Halle aus, bis die altbewährte Ölfunzel geholt wurde. Bruder Vinod hielt es für angebracht, das Abendgebet vorzuziehen. Gerade saßen die Kinder mit gefalteten Händen auf dem Boden, da kam der Strom wieder und mit ihm auch das Licht und … die Musik. Die Kinder sprangen aus ihrer Gebetshaltung und tanzten weiter. Techno-Beat statt Evening Prayer…

Man muss nicht die Sprache der Kinder sprechen, um sie zu verstehen. Die Lebensfreude, die sie ausstrahlen, ist unbeschreiblich. Und ich frage mich jedes Mal aufs Neue, woher nehmen die nur ihre Fröhlichkeit?

Steckt in der Armut etwa ein ganz eigener Reichtum?
Paradox, aber interessant darüber nachzudenken.

Euer Benedikt
in Hospet / Bellary / Karnataka / India

Dienstag, 25. September 2007

Die Ruinen von Hampi

Hospet, der 25.09.2007

Hampi 2ter Trip

Hallo an alle fleißigen Leser!!!

Jeden Samstag haben wir hier unseren freien Tag und können die Gegend um Hospet erkunden. Martin und ich, wir entschieden uns der nahegelegenen Tempelstadt Hampi einen weiteren und ausgiebigeren Besuch abzustatten.
Sie war vor langer Zeit Hauptstadt des mächtigen Reiches Vijayanagar gewesen. 1565, bei der Schlacht von Talikota, schreibt mein reich bebilderter Reiseführer, wurde Vijayanagars Armee durch die Truppen des hinterhältigen Bijapurs (so ähnlich klingen übrigens auch die Namen der Straßenkinder und ich muss mir über hundert davon merken!) vernichtend geschlagen. Hampi wurde zerstört, das Ruinenfeld mit seinen Tempeln und Palästen zählt heute zum Weltkulturerbe der Menschheit…
Der erste von insgesamt sechs sich anbietenden Rikschafahrern wollte 400 Rupien haben (etwa 8 Euro). Der zweite kannte uns schon und wusste, dass wir nicht zu den vermögenden Pauschaltouristen zählen. Er fuhr uns für 100 Rupien. Das dreirädrige Gefährt erreichte unser genanntes Ziel nach zwanzig Minuten. Und da standen wir wieder, auf der belebten Touristenstraße am Fuße des mächtigen Main Temple-Turms. Reisebüros, Souvenirläden, Kiosks und Restaurants säumten die beiden Seiten der bunten Einkaufsmeile. Jeder Weiße gewinnt dort in kürzester Zeit viele Freunde: Kinder, die Postkarten verkaufen, (pseudo-) fachkundige Fremdenführer, stolze Restaurantbesitzer, verschwitzte Obstkarrenschieber, machetenbewaffnete Kokosnussöffner, schrill glitzernde und klimpernde Billigschmuckverkäufer, buntgeschminkte Gaukler mit Pfauenfederkappen und simplen Zaubertricks, hinduistische Tempelpriester mit esoterischen Räucherstäbchen, steinalt aussehende, bettelnde Frauen mit braunen, faltenzerfurchten Gesichtern. Sie alle verbindet das gleiche Ziel: Das Geld der weißen Touristen, DEIN Geld!
Nur mühsam und mit mehreren entschiedenen „NO!“s ließen wir schließlich den indischen Basar hinter uns und standen plötzlich vor einer großen steinernen Treppe, die steil bergauf zu einem kleineren Tempel führte. Rechts und links stapelten sich die gewaltigen Granitbrocken zu Türmen. Der Ausblick von oben war grandios und Martin kletterte gleich auf einen Findling, um Fotos zu machen
. Am Horizont konnten wir die Flussarme des Tungabadhra erkennen. Im Tempel lernten wir den weniger aufdringlichen Babu kennen, der uns zwei handgemeißelte, steinerne Yogabälle für 300 Rupien das Stück verkaufte und uns bei seiner Arbeit zusehen ließ. Wenn wir das nächste Mal Hampi besuchen, versprach er, kriegen wir von ihm sogar zwei Motorroller geliehen – für umsonst. Dann quatschten wir noch mit zwei Frauen aus Israel und einer Studentin aus Australien, für die Hampi nur ein kurzer Zwischenstopp ihrer Indienrundreise darstellte. Unterbrochen wurden wir von einem ellenlangen Tausendfüßler und einem grüngepanzerten Käfer mit einer Flügelspannweite von etwa fünfzehn Zentimetern. Als wir über den nächsten Hügel kletterten, fielen uns fast die Augen raus, denn im Tal vor uns erstreckte sich die nächste Tempelanlage. Staunend passierten wir das wunderschön gemeißelte Eingangstor, durchquerten labyrinthartige Gänge, liefen vorbei an steinernen Skulpturen und Säulen voller Verzierungen und Ornamenten. Die von Wind und Regen gezeichnete Ruinenstadt war wie ausgestorben, nur sehr wenige Touristen, Einheimische und heilige Rinder liefen an uns vorüber. Einige indische Frauen saßen im Schatten des Tempels und spielten ein Brettspiel. Die Zeit schien stillzustehen. In Stein gemeißelte Fratzen, Körper und Tiere erzählten Geschichten einer tausendjährigen Kultur. Eine halbe Million Menschen hatten hier einmal gelebt... Der Ort besaß zweifellos etwas Geheimnisvolles, dem wir uns nicht entziehen konnten… (…)
Als wir dann doch irgendwann genug hatten, es zu nieseln begann und sich ein leerer Magen bemerkbar machte, kehrten wir ins bunte Leben zurück. Wir setzten uns in eines der vielen Restaurants und bestellten eine vegetarische Pizza, denn der Verzehr von Fleisch war auf dem geweihten Boden bedauerlicherweise untersagt. Es war dann doch mehr eine indische Pizza, und die Fanta besaß auch nicht die gewohnte Farbe (war sicher abgefülltes Regenwasser mit orangefarbenem Aromapulver aus Taiwan), aber das störte uns weniger. Unser Interesse galt den ausleihbaren Motorrollern auf der anderen Straßenseite. Wir mieteten zwei, bekamen eine knappe Einweisung in den indischen Linksverkehr und dann tuckerten wir auch schon über die relativ ebenen Asphaltstraßen, die sich durch Kokospalmenwälder und Bananenplantagen schlängelten. Immer wieder tauchten am Wegesrand Mauerreste der Hochkultur und gewaltige Granitfelsen auf. Kinder, die ihren Eltern bei der Arbeit auf den Reisfeldern halfen, winkten uns freundlich zu und wir grüßten zurück. Als die Sonne langsam unterging, brachte uns eine Rikscha pünktlich zum Abendbrot wieder ins Projekt. Der erlebnisreiche Tag endete mit einem leichten Sonnenbrand auf Nase und Unterarmen…
Unserer vierten Klasse bringen wir gerade die englischen Personalpronomen „I, YOU, HE, SHE, IT“ bei. Das ganze war sehr schwierig zu erklären, da unser kläglicher Kannada-Wortschatz bis jetzt nur so um die fünfzehn Vokabeln kennt und wir eine komplette Jungenklasse vor uns sitzen hatten. Es war kein Mädchen anwesend, welches das Subjekt SHE hätte veranschaulichen können. Aber aus einem Stuhl, einem Bündel Besenborsten und mit etwas Kreide gelang es mir, die Weiblichkeit darzustellen.

Gestern Abend habe ich gedacht, auf ein Gelege mit Dinosauriereiern gestoßen zu sein. (Mich überrascht hier ja gar nichts mehr, egal wie absurd es auch sein mag!) In dem Topf lagen also braune, faustgroße, dampfende Klumpen, die vorgaben aus Schokoladenpudding zu bestehen, sich aber schnell als geschmacksneutrale Hirseklöße entpuppten. Unsere liebenswürdige Köchin Meranti erklärte mir ohne ein Wort Englisch, dass ich die Dinger mit dem sinnlichen Namen Ragi komplett schlucken müsse. Falls die Klöße einmal die Speiseröhre passiert haben sollten, wären das die idealen Sattmacher. „No thanks, I take rice.“

Ich nehme langsam ab, der Abstand zwischen Hüfte und Hose wächst. Wem also meine Leibesfülle am Herzen liegt, der kann mir ja ein Westpaket schicken. Bananen könnt ihr weglassen, die hab ich hier genug…

Euer Benedikt
aus dem Land der heiligen Kühe.

P.S. Viele haben mich gefragt, wie das mit der Zeitverschiebung ist. Die Sonne geht hier um dreieinhalb Stunden früher auf, als bei euch. Wenn ihr also um sieben Uhr morgens aufsteht, habe ich es schon 10:30 Uhr.