„Uncle, no going!“. Ich habe es in der letzten Woche sicher tausendmal gehört. Unsere Kinder sind sich einig, dass wir für immer in Indien bleiben sollen.
Unsere gemeinsame Zeit in Hospet ist zu Ende. Während Martin am kommenden Freitag direkt zurück nach Deutschland fliegt, reise ich nach Delhi, werde dort meine Eltern und meine Schwester vom Flughafen abholen und mit ihnen weitere vier Wochen durch Indien reisen. Selbstverständlich werde ich ihnen auch das Don-Bosco-Projekt im südindischen Hospet zeigen, in dem ich die vergangenen zehn Monate gelebt habe. Doch wird dann alles noch so sein wie jetzt? Ich denke nicht. Gerade den älteren Kindern, die in den nächsten Tagen auf staatliche Schulen wechseln, muss ich nun schweren Herzens Lebewohl sagen. Es betrübt mich, dass ich wohl nie erfahren werde, ob Mahesh Doktor und Anumesh Polizist werden. Ich wünsche es ihnen so sehr, auch wenn ich weiß, dass die Chancen sehr gering sind. Manche Kinder sind so schlau, dass sie alles werden könnten. Ich hoffe, ich konnte ihnen durch den Englischunterricht einen kleinen Vorteil im Leben verschaffen.
Die Kinder im kleinen Tochterprojekt Snehalaya hatten wir schon ein paar Tage früher verabschiedet. Wir verteilten Schokolade, Schreibhefte und Stifte. Die Kids umarmten und küssten uns zum Abschied. Santosh, der mir bei den Malerarbeiten besonders eifrig zur Hand gegangen war, weinte. Ich tröstete ihn und erklärte ihm, dass ich in vier Wochen wiederkomme. Es brach mir wirklich das Herz, einen sonst so glücklichen Jungen so traurig zu sehen.
Am Sonntag war das große Abschiedsprogramm für uns. Abends um sieben Uhr gingen wir ins Makkalla Mane, wo alle Kinder auf dem Boden saßen und warteten. Der neue Bruder Roshan stand am Mikrofon und rief uns auf, nach vorne zu kommen. Tosender Beifall ertönte und die Kids schrieen, dass unsere Ohren abzufallen drohten. An der Tafel leuchteten die mit bunter Kreide geschriebenen Worte „Thanks a lot“. Nachdem wir uns auf die roten Plastikstühle gesetzt hatten, begann das Kulturprogramm der Kinder, bestehend aus indischen Tänzen und Gesängen. Danach durften wir etwas sagen und das Wort direkt an die Kinder richten – auf Englisch. Bruder Cyril übersetzte in Kannada. Wir erzählten ihnen die Geschichte von den zwei Mäusen, die in einen Eimer mit Milch gefallen waren. Die erste Maus gibt auf und ertrinkt, die zweite strampelt die Milch zu Butter, hüpft heraus und überlebt. „Seid die zweite Maus, Kinder!“ Danach dankten wir den Brothers und Fathers, dem „Lehrerkollegium“ und der Auntie in der Küche für ihre exzellenten Chabathis; ihren Reis erwähnten wir nicht.
Der Abschied fällt schwer, sehr schwer. Doch zu den traurigen Gefühlen mischt sich auch die Vorfreude auf das was kommt: Ein Wiedersehen in Delhi und die Ankunft in der Heimat, Anfang August.
Mittwoch, 2. Juli 2008
"Uncle, no going"
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