Montag, 6. Juli 2009
Philosophische Reflexionen
Man muss das Hässliche kennen, um das Schöne zu sehen.
Man muss auch mal krank sein, um über die Gesundheit dankbar zu sein.
Man muss auch mal Hunger haben, um sich über einen gefüllten Magen zu freuen.
Man muss auch mal in Armut leben, um den Wohlstand zu schätzen.
Dienstag, 2. September 2008
Spendenaktion Snehalaya
Meine Eltern, meine Schwester und ich konnten uns persönlich davon überzeugen, dass das Geld auch wirklich an Ort und Stelle angekommen ist. Am Nachmittag des 1. August 2008, zeitgleich mit einer partiellen Sonnenfinsternis, durften wir den neugebauten Spielplatz auf dem Gelände des Snehalaya einweihen, ein rosarotes Band durchschneiden und die gelbe Rutsche als erste ausprobieren. Father Henry segnete den Platz und sprach von einem Band der Liebe zwischen den Kindern vom Snehalaya und den Spendern vom weit entfernten Deutschland. Hier gibt es Fotos von der Einweihung:

Die Begeisterung der Kinder lässt sich nicht in Worte fassen. Die 50 indischen Kinder hatten jedenfalls wahnsinnig viel Spaß beim Rutschen, Schaukeln, Wippen und Karussellfahren. Sie tobten, hüpften und jubelten ausgelassen bis in die Abendstunden...
Die Tore wurden auf dem Fußballplatz auch schon aufgestellt. Die Erde wird erst nach der Regenzeit antransportiert, damit der neue, weiche Boden nicht gleich wieder weggeschwämmt wird. Weiterhin soll mit dem Rest der Spendengelder auch noch eine kreisrunde Palmenhütte gebaut werden, die als Unterrichtsraum genutzt werden kann. All dies, so wurde mir versprochen, wird in naher Zukunft geschehen.
von den Kindern des Snehalaya unterschrieben
Die Übersetzung des Briefes:
Liebe Freunde von Sankt Josef, Mühlhausen,
herzliche Grüße von Don Bosco aus Hospet, Karnataka, Indien. Wir hoffen und beten, dass es euch allen gut geht. Dies hier ist nur um meine Liebe und Dankbarkeit jenen auszudrücken, die Benedikt und seiner Familie geholfen und unterstützt haben, unseren unglücklichen Kindern von Hospet zu helfen. Wir sind wirklich erfreut euch mitzuteilen, dass wir durch euren Botschafter nun einen Spielplatz und einen Fußballplatz auf dem Gelände des Don Bosco Snehalayas haben, welche unter anderen Zentren einer Don Bosco Institution sind. In Don Bosco arbeiten wir in verschiedenen Ebenen. Wir arbeiten in den Minen und haben fünf Zeltschulen mit insgesamt 250 Kindern. Zweitens rehabilitieren wir die Kinder aus den Minen in unseren örtlichen Einrichtungen. Hier betreuen wir 160 Kinder an zwei Orten (Snehalaya und Makkalla Mane). Nebenbei betreiben wir auch eine informelle Berufsschule für Schulabgänger und beherbergen 45 Kinder in unserem Hostel. Wir arbeiten auch für die Frauen in und um Hospet. Wir stehen in Verbindung mit 3400 Familien, deren Frauen arm sind und zum schwächsten Teil unserer Gesellschaft zählen. Wir geben auch Unterricht für die Schüler in den Dörfern. Zusätzlich rehabilitieren wir 13 Familien mit Leprakranken. Wir haben auch Sponsorprogramme für die Bildung von armen Kindern in und um Hospet. Und jetzt kann euch Benedikt persönlich und in allen Einzelheiten die Neuigkeiten von hier überbringen.
Noch einmal danke ich euch für eure Großzügigkeit, eure Anteilnahme und eure Unterstützung.
In Verbundenheit,
Father K.D. Varghese
Dienstag, 26. August 2008
Wiedereingewöhnung
Man öffnet die Augen und alles war nur ein Traum. Ungefähr so fühlt es sich im Moment für mich an, auch wenn ich weiß, dass mein zurückliegendes Jahr in Indien manchmal realer war, als mir lieb war. Ich sitze wieder zu Hause in meinem Zimmer, dass noch genauso aussieht, wie ich es vor elf Monaten verlassen habe. In der Ecke liegt noch mein alter Schulranzen, an der Wand hängen dieselben Poster. Draußen scheint die Sonne, die Luft ist rein, die Straßen sind sauber und nahezu menschenleer. Weder Kühe noch Schweine behindern den spärlichen Verkehr, der fast geräuschlos über die glatten Asphaltstraßen gleitet. Alles ist still, fast unheimlich still. Kein Kindergeschrei, keine Rikschahupen, kein muslimischer Muezzin, der singend zum Gebet ruft. Viele Dinge, die noch vor meiner Ausreise selbstverständlich waren, weiß ich neu zu schätzen, sei es eine warme Dusche, ein Abend ohne Stromausfälle oder ein knuspriges Vollkornbrot.
Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, bin ich sehr dankbar, dass ich in Indien als weißer Fremder aus dem reichen Westen eigentlich nie Angst zu haben brauchte. Ich bin oft, auch nachts, an Slumsiedlungen vorbeigelaufen, ohne beklaut oder gar angegriffen zu werden. Der Grund dafür ist die Volksfrömmigkeit der Inder. Jeder Hindu glaubt an das Karma, das alle guten und schlechten Taten erfasst und darüber entscheidet, ob er im nächsten Leben als Wurm oder als reicher Geschäftsmann wiedergeboren wird. Der Arme erduldet sein Schicksal, weil er weiß, dass er im vorherigen Leben ein reicher Gauner gewesen ist und er hat Angst, dass es ihm im nächsten Leben noch schlechter gehen könnte. Der Reiche hat nach hinduistischer Auffassung seinen Wohlstand durch sein gutes Vorleben verdient. Das Karma und der feste Glaube an die Wiedergeburt hält das Volk zusammen. Superreiche leben in friedlicher Koexistenz mit den Superarmen. Wolkenkratzer neben Wellblechhütte. Ohne die Religion wäre in Indien schon längst ein Bürgerkrieg oder gar die Anarchie ausgebrochen. Eine Milliarde Menschen, jeder gegen jeden. Der Glaube hält die Bevölkerung ruhig. Die Armen werden zwar ihr Lebensumfeld nie verlassen und streben auch nicht nach einem „besseren“ Leben, doch bedeutet reicher auch besser? Die Kinder, mit denen ich das Jahr zu tun hatte, waren bitterarm, unwissend, kamen gerade von der Arbeit in den Erzminen und doch haben sie gestrahlt wie die Morgensonne. Sie waren glücklicher und zufriedener, als ein Kind des Westens, dass zu Weihnachten einen eigenen Fernseher geschenkt bekommt. Jetzt wo ich wieder in Deutschland bin, fällt mir stark auf, dass hierzulande nicht wenig Menschen niedergeschlagen oder verstimmt aussehen. In Indien habe ich die Leute häufiger lachen sehen, Pessimismus war dort kaum jemandem anzusehen.
Man kann über die bonbonfarbenen Götter des Hinduismus schmunzeln, den Glauben an die Wiedergeburt belächeln, sich über die Vor- und Nachteile des Karmas streiten, doch habe ich einen großen Respekt vor der Lebensphilosophie des Hinduismus, denn die Menschen fühlen sich durch sie sehr viel besser, als man vermuten würde.
Montag, 4. August 2008
Letzter Gruss aus Indien
Ein letztes Namaskara...
Ein abenteuerliches und spannendes Jahr geht zu Ende. Ich sitze gerade im Don Bosco Provincial House in Bangalore und moechte noch schnell einen letzten Gruss aus Indien verschicken. Heute Nacht geht der Flieger in Richtung Heimat. Wenn alles klar geht und unser Gepaeck das zulaessige Gesamtgewicht von 90 kg nicht ueberschreitet (was ich stark bezweifle), dann werden meine Eltern, meine Schwester und ich morgen wieder in Muehlhausen sein. Ich freue mich sehr auf daheim, auch wenn mir der Abschied von Indien und seinen liebenswerten Bewohnern echt schwer faellt.
Hinter uns liegt eine toller Reisemonat mit vielen grossartigen Erfahrungen und spannenden Erlebnissen, von denen ich sehr bald berichten kann. Eines moechte ich aber schon jetzt verraten. Der Spielplatz im Snehalaya ist fertig geworden und wir durften ihn feierlich einweihen. Die Fussballtore stehen auch, allerdings wird die gute Erde erst nach der Monsunzeit antransportiert, damit sie nicht gleich beim naechsten Regenguss weggeschwaemmt wird. Wir haben viele Fotos gemacht und versucht, die frohen und dankbaren Gesichter der Kinder festzuhalten.
Viele liebe Gruesse und bis hoffentlich sehr bald.
Euer Benedikt, der es kaum noch abwarten kann, euch alle wiederzusehen.
Mittwoch, 2. Juli 2008
"Uncle, no going"
„Uncle, no going!“. Ich habe es in der letzten Woche sicher tausendmal gehört. Unsere Kinder sind sich einig, dass wir für immer in Indien bleiben sollen.
Unsere gemeinsame Zeit in Hospet ist zu Ende. Während Martin am kommenden Freitag direkt zurück nach Deutschland fliegt, reise ich nach Delhi, werde dort meine Eltern und meine Schwester vom Flughafen abholen und mit ihnen weitere vier Wochen durch Indien reisen. Selbstverständlich werde ich ihnen auch das Don-Bosco-Projekt im südindischen Hospet zeigen, in dem ich die vergangenen zehn Monate gelebt habe. Doch wird dann alles noch so sein wie jetzt? Ich denke nicht. Gerade den älteren Kindern, die in den nächsten Tagen auf staatliche Schulen wechseln, muss ich nun schweren Herzens Lebewohl sagen. Es betrübt mich, dass ich wohl nie erfahren werde, ob Mahesh Doktor und Anumesh Polizist werden. Ich wünsche es ihnen so sehr, auch wenn ich weiß, dass die Chancen sehr gering sind. Manche Kinder sind so schlau, dass sie alles werden könnten. Ich hoffe, ich konnte ihnen durch den Englischunterricht einen kleinen Vorteil im Leben verschaffen.
Die Kinder im kleinen Tochterprojekt Snehalaya hatten wir schon ein paar Tage früher verabschiedet. Wir verteilten Schokolade, Schreibhefte und Stifte. Die Kids umarmten und küssten uns zum Abschied. Santosh, der mir bei den Malerarbeiten besonders eifrig zur Hand gegangen war, weinte. Ich tröstete ihn und erklärte ihm, dass ich in vier Wochen wiederkomme. Es brach mir wirklich das Herz, einen sonst so glücklichen Jungen so traurig zu sehen.
Am Sonntag war das große Abschiedsprogramm für uns. Abends um sieben Uhr gingen wir ins Makkalla Mane, wo alle Kinder auf dem Boden saßen und warteten. Der neue Bruder Roshan stand am Mikrofon und rief uns auf, nach vorne zu kommen. Tosender Beifall ertönte und die Kids schrieen, dass unsere Ohren abzufallen drohten. An der Tafel leuchteten die mit bunter Kreide geschriebenen Worte „Thanks a lot“. Nachdem wir uns auf die roten Plastikstühle gesetzt hatten, begann das Kulturprogramm der Kinder, bestehend aus indischen Tänzen und Gesängen. Danach durften wir etwas sagen und das Wort direkt an die Kinder richten – auf Englisch. Bruder Cyril übersetzte in Kannada. Wir erzählten ihnen die Geschichte von den zwei Mäusen, die in einen Eimer mit Milch gefallen waren. Die erste Maus gibt auf und ertrinkt, die zweite strampelt die Milch zu Butter, hüpft heraus und überlebt. „Seid die zweite Maus, Kinder!“ Danach dankten wir den Brothers und Fathers, dem „Lehrerkollegium“ und der Auntie in der Küche für ihre exzellenten Chabathis; ihren Reis erwähnten wir nicht.
Der Abschied fällt schwer, sehr schwer. Doch zu den traurigen Gefühlen mischt sich auch die Vorfreude auf das was kommt: Ein Wiedersehen in Delhi und die Ankunft in der Heimat, Anfang August.
Freitag, 13. Juni 2008
EMinence and Lordship

Namaskara, my Lordship!
Heute wurde uns allen eine besondere Ehre zuteil. Ungefähr 30 Bischöfe aus ganz Indien hatten sich für das Mittagessen in unserem Projekt angemeldet. Sie waren einer Einladung des neugewählten Bischofs unserer Diözese Bellary gefolgt und hatten sich gestern zu einem großen Meeting zusammengefunden. Nun wollten die geistlichen Würdenträger noch die Ruinen von Hampi besichtigen und danach zu uns kommen. Jeder war total aus dem Häuschen.
Köchin Auntie hatte sich für dieses Event der Extraklasse ausreichend Verstärkung geholt und die Küche in ein aromatisches Schlachtfeld verwandelt. Überall brutzelte, dampfte und frittierte es, Frauen eilten zwischen Töpfen und Pfannen umher und trugen kiloweise Fisch, Huhn und Lamm herbei. Bruder Johnson und Hausmeister William schälten Mangos und schnipselten Gemüse. Auch die Schwestern vom Nachbarkonvent hatten sich wieder mit eingeklinkt und kümmerten sich in liebevoller Hingabe um die Tischdekoration. Alles musste perfekt sein. Die Serviette im Glas, der Teelöffel auf der Untertasse, das Messer und der Löffel rechts vom Teller. Die Kinder fegten und wischten derweil den Boden, andere entfernten Spinnennetze oder halfen bei der Gestaltung der „Hearty Welcome“ Schautafel. Um 12:30 Uhr war alles bereitet und wir warteten. „Wie redet man Bischöfe eigentlich auf Englisch an?“, fragten wir. „Mit My Lordship“, antwortete Father Henry. Dann klingelte das Handy von Father Varghese. Die Bischöfe würden sich verspäten, voraussichtliches Eintreffen gegen halb Drei. Da viele Bischöfe schon gestern abreisen mussten, kamen anstatt dreißig nur fünf. Dafür würde uns aber ein Kardinal besuchen kommen, Oswald Kardinal Gracias aus Bombay. Kurz vor drei Uhr war es dann endlich soweit. Ein fünfzehnköpfiges Polizeiaufgebot eskortierte mit Mopeds und Jeeps einen großen Reisebus. Die Kinder hatten sich in ihren gelben T-Shirts vor der Muttergottes-Statue versammelt und sangen ein kannadisches Begrüßungsliedchen und auch die Konvent-Sisters klatschten zu einem ihrer Verse. Der Kardinal war sicher fast zwei Meter groß, stellte sich als ein Riese zu den Kids und lächelte für die Fotokameras. Die vier Bischöfe in seinem Schatten folgten ihm ins Esszimmer, wo die Sisters bedienten. Father Henry stellte uns vor: „Das sind unsere beiden Volontäre aus Deutschland.“ – Wir nannten unseren Namen, küssten seinen Ring und vergaßen sämtliches „Lordship“ oder „Eminence“.. „Oh und wo genau kommt ihr her?“, fragte der Kardinal. „Aus Köln“, sagte Martin. „Aus Mühlhausen“, sagte ich, „liegt in der Nähe von Erfurt.“ Sowohl Köln als auch Erfurt kannte er. „Ich spresche auch ein bisschen Deutsch.“ Wir wollten uns gar nicht so lange aufdrängen, doch der Kardinal stellte weitere beherzte Fragen und wir antworteten brav – bis Martin den Spieß umdrehte. „Ich habe auch eine brennende Frage: Welchen Papst haben Sie eigentlich gewählt?“ Die Bischöfe am Tisch lachten, der Kardinal schmunzelte. „Papst Benedikt hat mich erst im November letzten Jahres zum Kardinal ernannt. Beim letzten Konklave war ich noch Bischof und leider nicht wahlberechtigt.“
Nach dem Festessen wurde noch ein Haussegen gesprochen, dann setzte sich der Reisebus mit der Polizeieskorte wieder in Bewegung und verschwand. Ruhe nach dem Sturm. Und Auntie konnte wieder aufatmen, auch wenn sich nun ein Abwaschberg in Himalaya-Größenordnung in ihrer winzigen Küche befand.
Im benachbarten Tochterhaus „Snehalaya“ haben Martin und ich mit den Malerarbeiten begonnen. Der Inder im Farbenladen hatte uns geraten, die betreffende Wand zuallererst Weiß zu grundieren. Schnell waren eine gelbe Plastikplane ausgebreitet und zwei Eisenpodeste aufgestellt. Dürkha, Ramesh und andere Kinder tauchten die Malerrollen in den weißen Farbeimer und reichten sie uns hoch auf die Plattform. Die Arbeitsteilung war klar, alles lief reibungslos, effektiv und schnell, sodass ich am nächsten Sonntag bereits die Früchte malen konnte. Eine gelbe Mango machte den Auftakt. Ich saß in drei Meter Höhe und pinselte, während die eifrigen Kinder unter mir die Mischtellerchen füllten und ganz nebenbei die englischen Farbwörter wiederholten. Als die Sonne unterging und nachdem die hartnäckige Farbe mit Verdünner von den Händen gewaschen war, brachte mich Sunil, der fünfzehnjährige Sohn einer Lehrerin, zum Projekt zurück. Ich saß auf dem Gepäckträger seines rostigen Klapperfahrrads, als wir über die an Schlaglöchern nicht arme Landstraße wackelten, an hupenden Lasterkolonnen vorbeifuhren und uns im Slalom durch mehrere Wasserbüffelherden schlängelten.
Auch in Indien ist mittlerweile das EM-Fieber ausgebrochen. Irgendjemand hatte eine EM-Spieltabelle an das Schwarze Brett in der Refectory gepinnt – nicht nur für uns. Auch die indischen Brothers sind am Fußballgeschehen im entfernten Europa sehr interessiert. Das Auftaktspiel gegen Polen mussten wir allerdings alleine schauen, da es aufgrund der Zeitverschiebung erst nach Mitternacht begann. Wie abgesprochen, hatten wir uns mitten in der Nacht ins Esszimmer der schlafenden Community geschlichen, den Fernseher angeschaltet und schockiert festgestellt, dass wir den entscheidenden Sportsender nicht empfingen. Wir hatten noch eine Chance und wir brauchten die komplette erste Halbzeit, um einen vernünftigen Livestream im Internet ausfindig zu machen. Wir fanden ihn und klebten die restlichen 45 Minuten an einem kleinen verschwommenen und verzerrten Video auf unserem Laptopbildschirm. Der Ball bestand nur aus wenigen Pixel, doch wir sahen genug, um uns über das zweite Podolski-Tor zu freuen. Gegen 2 Uhr war das Spiel vorbei und wir gingen schlafen. Wir hatten Bruder Cyril gebeten, die erste Stunde zu übernehmen, damit wir ausschlafen konnten.
Traurig, aber wahr: Unsere gemeinsamen Tage in Hospet sind gezählt, wir sind jetzt noch zweieinhalb Wochen im Projekt. Am 4.Juli trennen sich in Bangalore unsere Wege. Martin wird nach Deutschland fliegen und ich nach Delhi, um dort meine Familie zu treffen. Wir werden zuerst in Nepal das „Dach der Welt“ bestaunen und danach durch Indien reisen. In Hospet selbst werden wir eine Woche verweilen, bis es dann endgültig Abschied nehmen heißt. Die Vorstellung, all diese großartigen Kinder verlassen zu müssen, tut echt weh. Aber ich freue mich natürlich auch schon auf zu Hause und auf euch!
Bis die Tage!
Euer Benedikt
P.S. Der Scheck mit den Spendengeldern für das Snehalaya ist vor einer Woche endlich in Hospet eingetroffen. Wurde auch langsam Zeit, denn meine Zeit rinnt zusehends davon. Father „Rector“ Varghese hat mir aber sein Don Bosco Ehrenwort gegeben, dass spätestens Ende Juli alles fertig sein wird. Ich hoffe, dass er dieses Versprechen hält, damit ich den Spielplatz und die neue Fußballerde noch fotografieren und dokumentieren kann.
P.P.S. Wir haben wieder eine neue Jacqueline, ein neues Baby-Streifenhörnchen zu Gast in unserem Zimmer. Sie frisst am liebsten Mango und trinkt Milch, gedeiht prächtig, hüpft im Käfig herum und büchst immer mal wieder aus.
Freitag, 23. Mai 2008
Die Englischprüfung
Namaskara und Hallo!
Alle waren informiert, jedes Kind wusste, dass ab dem 15. Mai die Prüfungszeit beginnen würde. Nur wir schwebten mal wieder in absoluter Unkenntnis. Mit „Exam, Exam“ lagen uns die Kinder schon eine Weile im Ohr, bis Martin Bruder Cyril fragte. Und der meinte prompt: „Hatte ich euch das nicht gesagt? Am 15. Mai beginnen die Prüfungen. Und ihr müsst noch die schriftlichen Tests ausarbeiten.“ Die Prüfung betrifft vorrangig die Schüler der 4. Klasse. Wenn sie diesen projektinternen Abschlusstest in den Fächern Englisch, Kannada, Hindi und Mathe bestehen, dürfen sie auf eine staatliche Grundschule wechseln, wo dann mal zur Abwechslung auch richtig ausgebildete Englischlehrer auf sie warten. Allerdings wurde uns gesagt, dass die Qualität des Unterrichts in den staatlichen Schulen längst nicht so gut ist wie die in den privaten (wie Don Bosco). Die Lehrer wären in den „Governmental Schools“ mit der Anzahl an Schülern überfordert und selten daran interessiert, die Kinder zu fördern und voranzubringen. Die meisten arbeiten nach Vorschrift und unterrichten nach Gehaltszahlung. Ramina, das einzige Mädchen in unserer vierten Klasse kommt aus einer staatlichen Schule und ging dort in die 7. Klasse. Wir mussten mit großer Ernüchterung feststellen, dass sie nicht mal das Alphabet fließend aufsagen, geschweige denn lesen oder schreiben konnte.
Eine Woche war jedenfalls noch Zeit, unsere Schüler auf die Prüfungsschwerpunkte vorzubereiten:
Hospet is in the south of India., 4:45 = Quarter to five, Eyebrow, Forehead, Face and Body, going, reading, singing, climbing, book-books, foot-feet, How many brothers do you have? – I have three brothers. Where is the monkey? – The monkey is in the monkey cage.
Der Test war am Laptop schnell entworfen. Cyril druckte das zweiseitige Word-Dokument im Büro des Makkala Mane aus und machte davon 20 Kopien im Xerox Copyshop in Hospet.
Je näher der Prüfungstag rückte, desto größer wurde die Anspannung und der Lernwille der Kinder. Sie nahmen den Test sehr ernst und paukten ihre Vokabeln in jeder freien Minute. Dann baten uns vier Kids sogar anstatt des Fußballspiels um eine extra Nachhilfestunde. Mehr als 30 Kinder versammelten sich kurz darauf im Klassenzimmer.
Es ging um das Zentrum. Ich zeigte auf die Mitte der Indienkarte und erklärte „This is the centre of India.“ Martin zeigte auf seinen Bauchnabel „This is the centre of my body.“ Oder hier, ich stieg auf den Lehrerstuhl und deutete auf die Zeigermitte der Wanduhr. Martin erklärte, dass die Ventilatorenflügel um eine Achse, um das Zentrum rotieren. Arkumar hatte verstanden, was wir meinten. Er zeigte auf seinen Wirbel am Hinterkopf und sagte „This is the centre of my hair.“
Die Lernatmosphäre war richtig gut, die Kinder saugten jeden Ratschlag auf wie ein Schwamm und versuchten, uns irgendwelche Details zu entlocken – mit Erfolg.
Viele von ihnen sind davon überzeugt, dass ihre Zukunft von diesem Test abhängt. Die meisten wollen später Arzt oder Polizist werden und gut verdienen. Ihre Motivation ist bemerkenswert.
Am 15. Mai, am Tag der Englischprüfung mussten sich die Kids in ordentlichen Reihen auf den Boden setzen. Dann teilten wir die Testbögen aus und Cyril erklärte die Aufgabenstellungen auf Kannada.
Nach zweieinhalb Stunden emsigen Rumgekritzels war der schriftliche Teil der Prüfung vorbei, nur die mündliche stand noch bevor. Eranna war kurz nach 2 Uhr der erste Testkandidat in unserem Prüfungszimmer. Er und seine Klassenkameraden mussten der Reihe nach ein Gedicht auswendig vortragen, ein paar Fragen beantworten und Wörter lesen. 10 Punkte konnten sie sich noch verdienen.
Heute wurde der letzte Test geschrieben und die Prüfungszeit ist nun offiziell zu Ende gegangen. Grund genug, um mal wieder Schokoriegel zu verteilen.
Vor ein paar Tagen mussten Martin und ich mit einem Jungen ins Krankenhaus. Der neunjährige Venkatesh hatte sich beim Spielen eine tiefe Wunde im Zeh zugezogen, die sich böse entzündet hatte. Die Rikscha fuhr uns Drei einmal quer durch das abendliche Hospet und hielt nach einer Weile vor dem für Hospets Verhältnisse hochmodernen Malligi Health and Care Center, das ich aufgrund zahlreicher Besuche schon gut kenne. Eine halbe Stunde saßen wir im kreisrunden Wartebereich des hinduistischen Krankenhauses, lauschten der einschläfernden „Ohm“-Meditationsmusik und beobachteten eine goldene, blumengeschmückte Ganesha-Statue in der Ecke, die gelegentlich Weihrauchwolken ausstieß. Um uns herum warteten ungefähr vierzig kranke Inder und Inderinnen, deren Augen auf uns ruhten, als würden auch wir weißen Qualm ausatmen. Dann wurden wir aufgerufen. Der freundliche Doktor behandelte die Wunde, verschrieb dem Jungen ein paar Antibiotika-Tabletten und empfahl eine Tetanus-Impfung. Den Impfstoff besorgte ich gleich in der Apotheke nebenan für nur (!) 50 Rupien (= 0,75 €). Die Krankenschwester übernahm die Injektion. Als Venkatesh die Spritze sah, bekam er Angst und begann zu weinen. Wir hielten je eine Hand und nach ein paar Sekunden war alles vorbei.
Jetzt bin ich schon über acht Monate in Indien und wenn ich die vergangenen Tage, Wochen und Monate zähle, dann frage ich mich immer, wie die Zeit so schnell vergehen konnte. Und genauso zügig rast sie unserem Ende entgegen und wir haben Mühe, all das zu schaffen, was wir uns noch vorgenommen haben...
Es grüßt euch ganz lieb,
Euer Benedikt
P.S. Habe eben einen Asiatischen Riesenskorpion (Heterometrus scaber) mit einem dicken Stein getötet. Martin hatte das 15cm-große, schwarze Tier auf dem Weg zum Makkala Mane entdeckt. In der kannadischen Sprache heißt er „Dschelu“. Hausmeister William meinte, dass der Regen letzte Nacht die unterirdischen Höhlen der Skorpione geflutet hat, deswegen kommen die Tiere aus ihren Löchern. Das Gift ist ungefährlich, ein Stich schmerzt ungefähr so wie der einer Biene, schreibt das kluge Internet. Für barfußlaufende Kinder und flipflopstragende Uncles sind das beruhigende Informationen.
P.P.S. Zur Spendenaktion: Es sind mittlerweile 1645 Euro (!) bei Don Bosco Bonn für das Snehalaya eingegangen. Eine Wahnsinnssumme von umgerechnet 106.373 Rupien, die ihren Weg bereits auf das Konto von BREADS in Bangalore gefunden hat. In wenigen Tagen geht es los mit der Beerdung und dem Bau der Palmenhütte und des Spielplatzes. Bruder Johnson hat uns versprochen, dass er ordentlich Druck macht, damit wir noch alles miterleben und darüber berichten können.
