Mittwoch, 31. Oktober 2007

Jan und Amal

Hospet, der 31.10.2007

Einen lieben Gruß aus Indien.

Wir wollten zwischen den beiden Unterrichtsstunden eigentlich nur eine Waschbürste und ein Stück Seife kaufen. Es war kurz nach elf Uhr, als uns ein wirklich schräger Vogel mitten in Hospet ansprach. Der junge Mann trug ein grünes, weites Hemd mit buntem Zackenmuster und eine für ihn viel zu große, hellrote Stoffhose. Der Hippie hatte strähniges, lockiges Haar und eingefallene Wangen, war hellhäutig und abgemagert. Er stellte sich uns als Jan Alexandrovich vor, gebürtiger Russe und zum fünften Mal in Indien. Der Typ meinte, er müsse dringend zu einer Apotheke um dort Medizin für seinen kranken Hund zu kaufen. Er wäre Tierarzt und wüsste genau, welche Arznei es sein muss. Doch als wir ihm erzählten, dass wir zu unserem Lieblingssaftladen gehen würden, beschloss er lieber mit uns zu kommen. So krank schien der Hund wohl doch nicht gewesen zu sein. Martin und ich bestellten zwei Bananen-Milchshakes und er einen Traubensaft. Er fragte uns, ob wir seinen Drink mit bezahlen können, er wäre momentan knapp bei Kasse. Martin wollte wissen, womit er denn sein Geld verdiene. Mit Stoffen, war die Antwort. Er kauft in Indien Stoffe ein und verkauft sie für teures Geld nach Europa und Amerika. Momentan sei der Absatz aber schlecht. Dann zeigte er uns seinen Talisman, der ihn von weiteren finanziellen Nöten beschützen sollte. Es war irgendeine namhafte, grüne Gottheit, die an seinem Hals baumelte. Wir kamen unweigerlich auf den Glauben zu sprechen. Er sagte uns, dass er jeder Religion angehöre, sein Kopf wäre frei für jeden Gott und er selbst wäre Jesus. Dieser verirrte Spiritualtourist hätte an Merkwürdigkeit nicht übertroffen werden können. Wir saugten hastig an den Strohhalmen unserer Milchshakes, um den garantiert unter Drogen stehenden Hippie so schnell wie möglich loszuwerden. Die nächste Geschichte, die er uns auftischte, war allerdings noch schräger und ausnahmsweise interessant.
Er sagte stolz, dass er sich in Hampi frisch verlobt habe, mit einer Deutschen. Wir wurden hellhörig. Und wie heißt sie? Andrea. Die Glückliche war uns bekannt. Wir hatten sie und ihre Freundin am letzten Samstag in Hampi kennengelernt. Die Mädels kamen aus München und waren auch Volontäre in einem Nonnenkonvent in Kautal, im Norden von Karnataka. Das ist ja ein Zufall, wir konnten es nicht glauben. Jan zeigte uns als Beweis seinen Verlobungsring am Finger. Es war einer dieser korrosionsunbeständigen 20-Rupien-Billigklunklerringe vom Hampi-Basar. „Aber soweit wir wissen, ist Andrea mit Bianca vorgestern abgereist, wann wirst du sie wieder sehen?“ - „Don’t ask me this, mate“ sagte Jan mit schwerer Stimme und zog an seinem Joint.
Wir bezahlten die Getränke und Jan schenkte uns als Dank eine Plastiktüte mit gelbem Popcorn. Für die Kinder, sagte er, da müssten hundertfünfzig drin sein…
Wir wollten den Typen so schnell wie möglich abschütteln, doch er blieb hartnäckig. Er wollte mit uns ins Projekt kommen und mit uns unterrichten. Schließlich sei er auch Englischprofessor und amerikanischer Staatsbürger. Am liebsten hätte er eine Festanstellung im Projekt, als Lohn würden ihm Essen und eine Unterkunft vollkommen ausreichen. Als er dann noch seine kopierten und sicher gefälschten Pässe und Visa auspackte und seine Glaubwürdigkeit damit zu unterstreichen versuchte, platzte uns der Kragen und wir düsten mit einer Rikscha davon.

Der Gottesdienst am Sonntagabend war auch wieder ein Erlebnis der besonderen Art. Father Joy hatte die Messe in der Pfarrkirche für den Tag übernommen und die Hostel Boys, die älteren Jungen aus unserem Projekt, waren auch mitgekommen. Der Altar war rosarot geschmückt, an der Decke hingen Lamettagirlanden in den kitschigsten Farben. Wir setzten uns in das rechte Kirchenschiff, in die provisorischen Bankreihen für die Männer. Die Frauen saßen auf der anderen Seite. Es läutete zum Einzug, eine Frau gab eine Seite im Gesangbuch an und fing sofort an zu singen. Im Buch sind leider nur die Liedtexte abgedruckt, die Melodie wird immer von den zwei lautesten Gottesdienstbesuchern spontan erfunden. Die anderen scheitern dann meistens in dem Versuch, sich der improvisierten Tonfolge anzuschließen. Während der hinglischen Predigt verlor ich leider den Faden und so zog ich es vor, zwei Geckos zu beobachten, die an der Kirchenwand Fangen spielten und auf den Plastikfiguren der Heiligen herumkrabbelten. „The Lord be with you“ – „And also with you“. Zum Friedensgruß wird sich hier nicht die Hand gegeben, es wird sich voreinander mit aneinander gelegten Handflächen verbeugt. Ich hab das natürlich erst falsch gemacht und einem dicken, irritierten Inder meine rechte Hand entgegengestreckt. Während des Kommuniongangs kam es diesmal zu einer unverhofften Ausnahmesituation: Der Strom fiel aus und die restlichen Gottesdienstbesucher mussten sich zu ihrem Sitzplatz zurücktasten. Nur die beiden Altarkerzen warfen ihr warmes Licht in den Raum und das bläuliche Abendlicht schimmerte durch die Fensterscheiben. Die Szenerie erinnerte mich an eine Osternacht von Daheim und ich genoss diesen Hauch europäischer Schlichtheit, denn die ganzen kitschigen Farben waren mit dem Licht verschwunden. Während des Schlussgebets stellte sich ein beherztes Gemeindemitglied mit einer blauen Taschenlampe neben Father Joy und leuchtete ihm ins Messbuch.
Der Auszug verlief im Stillschweigen, es war einfach zu dunkel für Seite 27, C-13. Father Joy meinte später: „Wenigstens das Gloria hätten sie singen können.“
Nach der Messe schlossen wir uns einer kleinen Gruppe Hostel Boys an und wir gingen zu Fuß durch das nächtliche Hospet zurück ins Projekt. Wir wollten den Jungen eine Cola spendieren, doch zu unserem Erstaunen lehnten sie ab. Nach zwanzig Minuten erreichten wir dann das Don Bosco Gelände.
Am Abend riefen Andrea und Bianca aus Kautal an und wir sprachen kurz über unseren Jan „Jesus“ Alexandrovich und über die alberne Verlobung. Doch der Grund ihres Anrufes war ein anderer. Die beiden Volontärinnen fragten uns, was bei uns passiert ist. „Wie was passiert?“ Ein Junge von den Hostel Boys sei bei uns im Projekt gestorben…

- „WAS? Nee, das wüssten wir doch.“

Am nächsten Morgen erkundigten wir uns bei Brother Johnson und dieser erzählte uns, was passiert war. Am Samstagabend, als wir in Hampi waren, kam es tatsächlich zu einem Unfall in der Technical School. Ein uns gut bekannter siebzehnjähriger Schüler bekam durch unvorsichtiges Handeln einen Stromschlag. Er wurde zu einer Privatklinik gebracht, die ihn aber nicht aufnehmen und keine Verantwortung für ihn übernehmen wollte. Auf der Fahrt zum nächstgünstigeren Krankenhaus ist Amal Gratsh dann gestorben. Sein Herz war zu schwach. Die Trauerfeier und die Beerdigung waren am Sonntag und wir haben nichts davon mitbekommen. Die anderen haben sich keinerlei Trauer anmerken lassen und wir haben wie gewohnt unsere Witze gerissen und viel gelacht. Niemand hat uns etwas gesagt. Es war unabsichtlich, wie uns Father Joy am Montagmorgen mit Bedauern mitteilte. Sie dachten alle, wir wüssten davon…

Wir ärgern uns, dass uns nichts gesagt wurde. Doch noch mehr verärgert uns die Reaktion der anderen Hostel Boys, der Brothers und der Fathers. Sie verhalten sich so, als wäre nichts geschehen, als wäre der Todesfall nicht von größerem Interesse. Jetzt fehlt halt einer! Und am Montag gab es schon wieder was zu Feiern: Brother Thomas hatte Geburtstag.

Kuchen für alle!
Euer Benedikt

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Eisenerzminen

Hospet, der 24.10.2007
Eisenerzminen

Ein herzliches Namaskara aus dem Fernen Osten.

Letzten Donnerstag haben wir die berühmt berüchtigten Eisenerzminen um Hospet besichtigt, aus denen ein Großteil der Kinder kommt. Viele wurden von ihren Eltern dorthin zu Arbeit geschickt und sie alle erinnern sich nur ungern an diese Zeit. Wenn man die Kids auf diesen Ort anspricht, verschwindet das Lachen aus ihren Gesichtern. Zusammen mit einer Schülergruppe aus Bangalore, die für zwei Tage im Projekt zu Gast war, starteten wir unsere Exkursion in den späten Morgenstunden. Während des dreiviertelstündigen Fußmarsches unterhielten wir uns mit einer mitgereisten und sehr liberalen Lehrerin über das indische Kastensystem, über alte Traditionen und neue Werte. Und je mehr wir uns den Abbaugebieten näherten, desto rötlicher wurde die Erde, ein Indiz für den eisenhaltigen Boden hier. Die Sonne brannte vom Himmel, manche Mädchen nutzten Regeschirme als Schattenspender. Lange LKW-Kolonnen bretterten an uns vorüber, sodass der rote Staub auf den Landstraßen meterhoch aufwirbelte. Die Gegend wurde immer lebensfeindlicher, je weiter wir liefen: Steppe, rotbraune Erde, karge Sträucher, ein paar Gräser, das war’s. Die Lehrerin schlug vor, dass wir in kleinen Gruppen das weitläufige Terrain erkunden sollten. Mit Gruppe Vier erreichten wir nach einiger Zeit eine kleine Hütte, die aus Palmenblättern mitten in der Einöde errichtet war. Über dem Eingang war ein Schild angebracht, auf dem kannadische Hieroglyphen aufgemalt waren. In der so genannten Tent-School saßen etwa dreißig Jungen und Mädchen auf einer blauen Plane und staunten über den seltsamen Besuch. Doch die Willkommensfreude hielt sich in Grenzen. Auffallend war, dass diese Kinder nicht mal lächelten, sie schauten uns nur misstrauisch an. Die beiden Lehrerinnen, die ziemlich fertig aussahen, berichteten über das Minenprojekt und eine siebzehnjährige Schülerin übersetzte für uns. Wenn die Eltern auf die Arbeitskraft und den Lohn ihrer Kinder verzichten können, dann schicken sie sie in eine der vier Tent-Schools, die auch mit zum Don Bosco Projekt gehören. Dort lernen die Jungen und Mädchen von 10 bis 16 Uhr die Grundlagen, also lesen und schreiben. Der größere Anreiz für die Eltern ist jedoch, dass ihre Kinder dort kostenlos mit Essen versorgt werden. Teilweise werden auch Kleinkinder und Babys von arbeitenden Eltern in die Minenschulen geschickt, damit sie dort satt werden können. Was verdienen die arbeitenden Kinder, habe ich gefragt. Für einen Korb voller Eisenerzsteine, für den ein Kind etwa eine halbe Stunde braucht gibt es 9 Rupien, ungefähr 16 Cent. Eine ganze indische Arbeiterfamilie könne pro Tag ungefähr 400 Rupien verdienen.
Wir verließen die Hütte und standen wieder auf dem rotbraunen Minenfeld, das auch wortwörtlich wie ein Minenfeld aussah. Große, runde Löcher klafften im Boden. Wir gingen zu ein paar Arbeitern und wollten wissen, was deren Aufgabe ist und sie zeigten uns alles. Zuerst werden die Steine abgetragen, dann werden sie gesiebt. Die Brocken, die im Sieb hängen bleiben, werden mit einem Hammer aufgeklopft. Schimmert das Innere silbern, so kommen die Bruchstücke auf einen Haufen. Dieser Haufen wird dann zu Eisenerzpulver zermahlen, welches mit Schiffen nach China exportiert wird. Dort wird in Hochöfen das reine Eisen aus dem Gesteinspulver gewonnen. Die Arbeiter ließen uns auch mal Steine aufklopfen und schenkten uns ein paar der schimmernden Brocken. Dann sah ich zwischen den roten Steinen einen ganz besonders schönen, einen weißen Kristall. Ich wollte ihn auch gerne mitnehmen und so fragte ich einen Arbeiter. Leider fehlte mir in diesem Moment unsere junge Dolmetscherin. Der Mann sprach irgendwas auf Kannada, sicher „Nee, da ist kein Eisen drin…“ und schmiss den Kristall vor meinen entsetzten Augen im hohen Bogen in ein entferntes Gestrüpp.
Wir liefen weiter, vorbei auch an Kinderarbeitern, die in der prallen Sonne in ihren Löchern saßen und hämmerten oder siebten. Manche winkten uns auch zu, andere schauten nur reglos herüber, ich machte Bilder.
Es war mir richtig unangenehm Fotos zu schießen mit einer Kamera, die so viel wert war, wie 1400 Körbe voll mit handverlesenem Erzgestein, aber ich musste den Anblick unbedingt dokumentieren.

Als unsere Trinkflasche leer war und unsere Füße schmerzten, trafen wir auf Brother Vinod, der uns wieder ins vertraute Projekt führte, in die Oase, zu den lachenden Kindern...

Der Ausflug war schockierend und traurig, aber auch sehr wichtig. Wir kennen nun die Hintergründe, aus denen die Kinder zu uns kommen. Endlich beginnen wir die Freude der Kinder zu verstehen: Sie sind einfach froh, nicht länger in dieser staubigen Gluthitze arbeiten zu müssen. Schule und Hausaufgaben sind kein geringeres Übel, sie sind Privilegien, über die sie sehr glücklich sind.

Liebe Grüße an euch und an die vertraute Heimat.
Euer Benedikt

P.S. In Hampi haben wir den zwanzigjährigen Bertram aus Hamburg kennengelernt. Momentan übt er sich im Zeichnen von waagerechten Strichen, als Praktikant in einem Architekturbüro in Bangalore. Er kam uns am nächsten Tag auch im Projekt besuchen und wir stellten ihn allen hundertfünfzig Kindern vor. Er will Weihnachten mit uns feiern und über Silvester mit nach Goa kommen, wo wir die anderen deutschen Don Bosco Volontäre treffen.

P.P.S. Sudoku heißt der neue Hit. Das Spiel zu erklären, hat gedauert… Aber nun haben es alle begriffen und wir rätseln was das Zeug hält. Wenn von euch jemand Spiele, Rätsel oder englische Lieder kennt, die einfach zu spielen, zu lösen oder zu singen sind, die wenig Erklärungen brauchen und Spaß machen, dann schickt sie mir bitte per Mail. Ich würde mich echt freuen, die Kinder erst recht.

P.P.P.S. Weitere Meldungen der letzten Woche in Kurzfassung: Unser projekteigener Kuhhirte wurde vom Ochsen getreten … wir haben ein paar Kindern die Haare geschnitten … ich wurde für 2 Rupien von einem indischen Elefanten „gesegnet“, die Münze verschwand im Nasenloch des Rüssels und steckt womöglich immer noch dort drin…

Sonntag, 14. Oktober 2007

Momentaufnahme von Hospet

Hospet, der 14.10.2007
Hospet - Portrait einer indischen Stadt

Liebe Grüße an euch alle!
„Märchen aus dem Fernen Indien“, Klappe die achte.

Vorhin sind wir wieder mit der Rikscha durch Hospet gefahren und ich hatte einmal mehr das starke Verlangen, jede Winzigkeit dieses chaotischen Lebens und vor allem die Menschen selbst in Wort und Bild festzuhalten. Fotografieren ist schwierig, da man seine Kamera zuallererst vor Straßendieben schützen muss. Man zieht eh schon genug Blicke auf sich, wenn man weiß ist. Dann kommt erschwerend hinzu, dass die Leute teilweise nicht sehr erfreut sind, wenn man sie und ihr Wohnumfeld einfach ablichtet. Ich will die Menschen auch nur ungern um Erlaubnis fragen. Erstens verstehen sie mich eh nicht und sollten sie meine wilden Handbewegungen doch irgendwann richtig interpretieren, würden sie versuchen, sich wirksam in Szene zu setzen und der Moment des Augenblicks wäre dahin. Am liebsten würde ich die Zeit einfach anhalten, Hospet in ein großes Zeitvakuum stecken und in aller Ruhe meine Bilder schießen. Da dies aber nur im Film funktioniert, habe ich mir gedacht, mich mit Worten dem indischen Straßenleben zu nähern und meine Beobachtungen aus dem Gedächtnis heraus aufzuschreiben.

Wenn wir Rikscha fahren, dann wackelt es und wir wackeln mit. Die Radachsen sämtlicher Fahrzeuge haben unter dem gleichen Problem zu leiden: Die Straßen sind kaputt. Schlaglöcher, Pfützen und Huckel müssen aufwändig umfahren werden. Ebenso Kühe, Ochsen und Esel. Wo in Deutschland nach wenigen Minuten im Radio zu hören wäre: „Besondere Vorsicht auf der B247. Es befinden sich Tiere auf der Fahrbahn“, kümmert es hier niemanden. Und wenn ein glotzendes Rind mitten auf der Kreuzung steht und vor sich hinkaut, so wird es umge… nein (!) umfahren; von hupenden Rikschas, von lärmenden Motorrädern, von protzenden Autos, von rostenden Überlandbussen, von stinkenden Lastern mit überladenen Anhängern, von klappernden Fahrrädern, von archaischen Ochsengespannen und von Hand geschobenen Obstkarren. Jeder fährt wie er will. An den Linksverkehr hält sich nur die knappe Mehrheit. Wende- und Überholmänover geben die Adrenalinstöße im indischen Straßenverkehr. Hierbei zählt jeder Millimeter und jede Zehntelsekunde. Kurz bevor es zur Kollision kommt, scheren die Fahrzeuge wieder in ihre eigentliche Spur.
Am staubigen Straßenrand sehen wir Kinder, die im und mit dem Müll spielen. Ein kleiner Junge nutzt den Bordstein als öffentliche Toilette. Inmitten von Dreck, Verpackungen, Papier, Kuhfladen, Essensresten und sonstigem Abfall räkeln sich schwarze, dickbäuchige Schweine müde in der Sonne. Krähen fliegen umher, magere Hunde suchen nach Essbarem. Ein paar Hühner springen über die verdreckten Abwasserkanäle, in der schwarzes, nach Fäkalien riechendes Wasser vor sich hinkeimt.
Der Gestank, der aus den Kloaken wabert, mischt sich mit dem Geruch von Abgasen, Essensdämpfen und Gewürzen. An jeder Straßenecke riecht es ein wenig anders. Die eine riecht mehr nach heißem Frittieröl und Kartoffelchips, die andere mehr nach süßen Früchten, nach überreifen Bananen und Apfelsinen.
Auf der Straße laufen die seltsamsten und skurrilsten Gestalten herum, die man sich vorstellen kann. Da haben wir zuerst die Frauen, die weite bunte Saris in allen Farben, dazu Armreifen, Halsketten und Ohrringe tragen. Muslimische Frauen sind in diese typischen Gewänder aus schwarzem Stoff gehüllt, die bis über den Kopf reichen und nur den Augen einen schmalen Sichtschlitz bieten. Die klassische indische Oma hat ein altes, faltig-braunes Gesicht, einen dicken roten Punkt auf der Stirn und weißes, verfilztes Haar. Der ganze Körper ist voller Schmuck und anderem glitzerndem Klunker: Armreifen, Halsketten, Fußketten, Ringe an Finger und Zehen. Auf der wettergegerbten Haut sieht man häufig Pigmentfarben und Tätowierungen. Die Männer tragen meistens lange Hose und Hemden. Wer Geld hat, besitzt ebenso eine Sonnenbrille, ein Handy und ein Motorrad. Die Greise wickeln sich Stoffbahnen zu Hosen und tragen alte Lumpenhemden. Auf deren Köpfen entdecken wir Turbane, Schals, Wollmützen und Kappen, die wie gehäkelte Klopapierhauben aussehen. Doch erst der Bart gibt dem Opa das gewisse Etwas, das Patriarchalische. Man sieht Vollbärte und Schnurrbärte in allen Formen und Größen, viele haben Ähnlichkeit mit Räuber Hotzenplotz und Osama Bin Laden…
Manche Leute sitzen auf dem Bordstein und unterhalten sich, andere schlafen auf dem staubigen Boden, andere bekommen eine neue Frisur, wieder andere eilen in Handyläden oder Banken. Hungrige Inder genehmigen sich landestypische Spezialitäten in den zahlreichen Restaurants und Imbissbuden. In den kleinen Straßenkiosks warten indessen klebrige Süßigkeiten, Schokoriegel, Zigaretten, Schnupftabak, magische Pilze, Drogen und andere abgepackte Rauschmittelchen auf deren regelmäßige Konsumenten. Aber auch Toast, Gewürze, Zahnbürsten und Zahnpasta sind dort erhältlich. Hinter den Ladentischen sitzen meistens alte Männer mit dicken, massiven Brillen, die reglos aus ihrem Blechhäuschen starren. Vielleicht beobachten sie Frauen, die mit Körben und Reisigbündeln auf dem Kopf waghalsig die Straße überqueren, Fahrradfahrer, die irrsinnige Lasten transportieren oder Kinder, die in sauberen, blauen Uniformen zur Schule laufen.
Im Schatten der Häuserwände sitzen einige Bettler und strecken müde die Hand aus.
Ein paar Meter weiter haben sich einige Straßenverkäufer niedergelassen und verkaufen dort im Schutz ihres Sonnenschirms Obst, Erdnüsse, Kokosnüsse, Tonkrüge, Topflappen, Blütenkränze, Gewürze, Blech, Schrott, Sandalen, Vorhängeschlösser, Zimmerpflanzen und Holzlöffel. Das Geschehen in den verschiedenen Geschäften verlagert sich auf den Bürgersteig. Schneiderinnen sitzen vor ihren bunten Textilgeschäften und nähen Hemden, Hosen und Saris. Schuster polieren die Schuhe ihrer Kunden. Strickverkäufer drehen Hanfseile. Hühnchenschlachter köpfen federlose Vögel und stapeln die toten Tiere auf dem Ladentisch. Zuckerverkäufer pressen mit großen Zahnrädern den süßen Saft aus dem Zuckerrohr.
Jeder versucht hier, irgendwie Geld zu machen. Es gibt dafür keine Regeln und Normen, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Armut macht erfinderisch.

Das Straßenleben in Indien überflutet die Sinne. Die ungeheure Vielfalt an Eindrücken benebelt die Wahrnehmung. Auch wenn es stinkt, und vieles zum Ekeln und Heulen einlädt, die Eindrücke sind unglaublich abwechslungsreich und interessant. Sterile Einkaufspassagen, aufdringliche Leuchtreklame und die gewohnte Hochglanzoptik vermisse ich (noch) nicht, wahrscheinlich befinde ich mich immer noch in der Phase 1 der Kulturschockkurve: Euphorie.
„Bei der Ankunft in dem fremden Land ist alles neu und aufregend, man ist damit beschäftigt, Land und Leute zu entdecken und zu erforschen. Dabei stehen eher die positiven Seiten der unbekannten Kultur im Vordergrund. Der allgemeine Optimismus kann sich bis zur Euphorie steigern, weder die eigene noch die fremde Kultur werden in Frage gestellt.“ Ich bin gespannt, wie es weitergeht…

Es grüßt euch und das herbstliche Deutschland,

Euer Benedikt,
festgesessen in Kulturschockphase 1

P.S. Bruder Vinod stieß vorhin mit einem neuen Haarschnitt zum gemeinschaftlichen Abendessen der Salesianer.
Ich: „Was kostet ein neuer Haarschnitt in Indien?“
Vinod: „Ungefähr 20 Rupien.“ (= 40 cent)

Ich: „In Deutschland bezahlt man mindestens 2000 Rupien für einen …“
Martin: „Also ich weiß genau, warum der nur 20 Rupien gekostet hat.“
(Großes Gelächter)

Dienstag, 9. Oktober 2007

Mein 19. Geburtstag

Hospet, der 09.10.2007

Hallo an euch alle.
Ein großes Danyavada für die vielen Glück- und Segenswünsche zu meinem 19. Geburtstag. Ich habe mich sehr über die ganzen E-Mails, Telefonanrufe, Kurznachrichten, Pinnwandnotizen und über die gesungene Videobotschaft gefreut.

Wie habe ich meinen Geburtstag in Indien gefeiert? Sagen wir, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich bin aufgewacht und mein rechtes Auge war rot und verengt. Die Bindenhautentzündung geistert hier schon eine Weile im Projekt herum und mittlerweile sind über dreißig Kinder und zwei Lehrerinnen infiziert. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch mich die Epidemie befallen würde. Und dann habe ich es doch tatsächlich geschafft, mir in diesem warmen Land eine Erkältung einzufangen. Auf der abendlichen Rikschafahrt von Hampi zurück ins Projekt hat mir der kühle Nachtwind ganz schön zugesetzt und nun huste ich auch noch rum. Martin war am Sonntagmorgen der erste Gratulant und von ihm bekam ich eine Umhängetasche und ein Nutellaglas geschenkt. Beides hatte er am Tag zuvor in Hampi gekauft. Die Schokocreme war wahnsinnig gut und selbst die Namen der Inhaltsstoffe lasen wir in deutscher Sprache auf dem Etikett.
Nach dem Frühstück gingen wir ins Makkalla Mane, wo etwa zweihundert Kinder und Jugendliche auf mich warteten. Father Varghese hielt eine feierliche Rede, von der ich nur die Hälfte verstand. Ich sollte nach vorne kommen, mich auf einen Stuhl setzen und den quadratischen Geburtstagskuchen anschneiden. Währenddessen sangen sich die Kinder die Kehle aus dem Leib, stimmten englische und kannadische Geburtstagsverse an und applaudierten als hätte ich ihnen soeben einen hausaufgabenfreien Monat versprochen. Die Torte, auf der mit violetter Zuckerschrift „Happy Birthday Benedikt“ geschrieben stand, war süß, richtig süß und sie schmeckte hervorragend. Meine einzige Sorge war nur: Wie sollte die Torte für zweihundert hungrige Mäuler reichen? Ich war am Freitag bei Genussmensch Brother Johnson gewesen, der uns schon so manchen außergewöhnlichen Wunsch erfüllt hatte. „Brother“ hatte ich gesagt, „wir brauchen am Sonntag Kuchen für zweihundert Leute und am Montag ein richtig gutes Abendessen!“ Er hatte sofort seinen Kugelschreiber gezückt und mit leuchtenden Augen geantwortet: „No problem.“ Jedenfalls hatte er mir einen Kuchenberg versprochen und so liebevoll das Häufchen Sahne und Zucker vor mir auch zubereitet war, die Menge entsprach nicht mal einem Hügel. Wie sich aber wenige Augenblicke später herausstellte, standen drei weitere Pappkartons voller Kuchen bereit und den verteilte ich dann an die schier endlose Schlange an Kindern. Die Jungen und Mädchen gaben mir alle die Hand, freuten sich innig über ihr Stück, aßen und schmatzten und wollten ihr Stück unbedingt mit uns teilen. In der Luft lag eine ausgelassene Stimmung und die Begeisterung der Kinder war genauso ansteckend wie deren Augenkrankheit.
Nach der Sonntagabendmesse lud ich Martin und Bruder Vinod auf eine Pizza in das nobelste Restaurant der Stadt ein. Das „Temptations“ war allerdings so nobel, dass es gar keine Pizza im erlesenen Angebot hatte. Wir aßen zarte Hühnchenstücke und erlagen der Versuchung eiskaltes Kingfisher-Bier zu trinken. Unser indischer Freund erzählte uns, dass er sonst nur an Weihnachten Alkohol trinken würde. Wir waren die einzigen Besucher in dieser so ungewöhnlich sauberen Hotelgaststätte und wir hielten es dort auch nicht lange aus. Wir würgten die pikanten Hühnchenfilets herunter und verließen den Vier-Sterne-Marmorpalast, ohne dem farbenfrohen Wasserspiel am Ausgang weitere Beachtung zu schenken. Wir öffneten die Tür und standen wieder in der gewohnten, stinkenden Gosse von Hospet.
Den nächsten Tag verbrachte ich vorrangig im Zimmer. Beide Augen waren nun entzündet, zusätzlich plagten mich leichtes Fieber, Kopfschmerzen, Schnupfen und Husten. Ich wollte mich unbedingt schnell auskurieren, um am Abend wieder fit zu sein. Denn wie ich von mehreren Kindern erfahren hatte, würde mich da die eigentliche Geburtstagsfete erwarten. Und so ging ich am Montagabend, gegen 7.45 Uhr gesundheitlich noch etwas angeschlagen und in völliger Unwissenheit ins Makkalla Mane, wo die Kinder und die älteren Jungen auf dem Boden saßen und warteten. Shanta, eine junge Lehrerin, stand am Mikrofon und rief mich auf nach vorne zu treten. Während ich mir meinen Weg durch die Kinder bahnte, drückte Brother Vinod auf die Play-Taste seines CD-Spielers und eine pathetische Hymne untermalte meinen Gang. Es war mir fast unangenehm, soviel Anerkennung und Beifall zu bekommen, nur weil ich Geburtstag hatte. Ich kam mir vor, als würde ich gerade den Oscar in der Kategorie „Bester Selbstdarsteller“ verliehen bekommen. An der Tafel leuchteten mir die mit bunter Kreide geschriebenen Worte „Happy Birthday“ entgegen. Father Varghese hielt eine weitere herzliche Rede und bemühte sich um ein für mich verständliches Englisch. Ich sei nun weit, weit weg von Zuhause und von meiner Familie, sagte er, und ich würde nun den wohl außergewöhnlichsten Geburtstag meines Lebens feiern, den ich in guter Erinnerung behalten werde. Wie Recht er hatte. Das nun folgende Programm übertraf jegliche Erwartungen: Vier Jungen eröffneten die Gala mit einem vierstimmigen Segenslied, danach folgte ein Gruppentanz von mehreren bunt kostümierten Kindern, dann wurde ein Sketch gespielt, der Martin und mich beim Unterrichten zeigte. Nachdem die älteren Jungen ihre akrobatischen und tänzerischen Darbietungen beendet hatten, war mein großer Auftritt gekommen, von dem ich nichts wusste. Ich sollte die fernsehtaugliche Unterhaltungsshow mit einer spontanen Rede krönen und Bruder Toni übersetzte mein Englisch ins Kannadische. Ich weiß nicht mehr, was ich geistreiches von mir gegeben habe, Father Varghese kommentierte meine salbungsvollen Worte jedenfalls mit „kurz und süß“. Als das Programm zu Ende war, gab es Bonbons für jeden, die Martin und ich verteilten. Zehn Minuten später erwartete uns die nächste Überraschung: Das bestellte Abendessen im Kreise der Salesianer. Es gab Huhn, Reis, Salat, Soße, Zwiebeln, Äpfel, Bananen, Chips, Erdnüsse in Karamell und Apfelsaft. Das Festessen war ausgezeichnet und wir aßen bis wir zu platzen drohten…

Das waren hier wirklich zwei seltsame und schöne Tage, in denen ich völlig unverdient zu sehr viel Aufmerksamkeit gekommen bin. Es war ein wirklich ausgesprochen außergewöhnlicher Geburtstag und ich danke den ganzen Kindern und den Salesianern hier, die sich so für mich ins Zeug gelegt haben. Es wäre wirklich nicht nötig gewesen, aber das scheint hier so üblich zu sein … Feiern in dieser Größenordnung.

Euer Benedikt

P.S. Die visuelle Ausgabe dieses Eintrags gibt es auf
http://www.youtube.com/watch?v=HMKnVQ9Ec8s zu sehen. Schaut mal rein und erlebt die Freude der Kinder in Bild und Ton!


P.P.S. Zu unserem moskitofressenden Zimmergecko hat sich nun ein weiteres Haustier dazugesellt. Von Bruder Toni haben wir ein kleines, fiependes Babystreifenhörnchen bekommen, das aus dem Nest gefallen war. Nun füttern wir Jacqueline mit lauwarmer Kuhmilch und Bananenstückchen und lassen das Tier auf unserer Schulter herumturnen.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Tagesablauf im Projekt

Hospet, der 02.10.2007

Viele liebe Grüße aus der mir gar nicht mehr so fremden Parallelwelt Indien!
Das ist jetzt Eintrag Nummer ähh.. sechs (?!) und mir ist aufgefallen, dass ich noch gar nicht meinen Tagesablauf hier im Projekt beschrieben habe. Das hole ich hiermit nach.

ALSO… Mein Tag beginnt um 7 Uhr mit dem lebensbejahenden Klingelton von Martins Handy, manchmal weckt uns aber auch die Schulglocke. Dann folgt das Duschen mit dem Eimer. Wir wissen jetzt auch, wie das effektiv geht: Man entleert den Wassereimer einfach über dem Kopf und überflutet das ganze Bad. Die Entscheidung zwischen Warm- oder Kaltwasser wird einem abgenommen. Mittlerweile kann ich beim Duschen die Außentemperatur vorhersagen. Um 7.30 Uhr starten die Kinder mit der Morgenarbeit: Fegen, Umgraben und Unkraut jäten. Um 8.00 Uhr trinke ich Frühstück. Die erwähnten braunen Dinosauriereier gibt es nämlich auch im flüssigen Aggregatzustand. Ich mochte es kaum glauben, aber mit Milch und Zucker ist dieses warme Ragi-Getränk einfach köstlich und ich trinke das jeden Morgen. Nach dem Frühstück spielen Martin und ich Lehrplankommission, indem wir die Unterrichtsinhalte des Tages festlegen. Um 9.30 Uhr stehen wir stramm zur indischen Nationalhymne. Anschließend gehen wir mit der vierten Klasse zurück in die Schule und suchen einen leeren Klassenraum, meistens auch Kreide, Schwamm und die Hausaufgaben einiger Kinder. Nach den 45 Minuten Englischunterricht haben wir Freizeit bis 12.15 Uhr. Manchmal nehmen wir eine Rikscha und lassen uns in die Stadt fahren, um Kleinigkeiten zu besorgen. Nach der Englischstunde für die 3. Klasse essen wir Mittag um ein Uhr. Was essen wir? Natürlich Reis. Ist der eigene Teller aufgewaschen, haben wir wieder Freizeit, können ein Mittagsschläfchen halten oder Rundmails schreiben (wie jetzt gerade). Um 15 Uhr startet unser halbstündiges Kreativangebot, dass aus Singen oder Zeichnen besteht. Ist die letzte Strophe gesungen und das letzte Tier gemalt, beginnt die Nachmittagsarbeit. Meistens schnitze ich mit den Kindern Besenborsten aus Palmenzweigen, indem wir mit einem Stück Metallmaßband die Blattachse heraustrennen. Um 16.15 Uhr können wir uns bei Kaffee und Keksen für das herannahende Fußballspiel stärken. Anpfiff ist um halb fünf Uhr. Beim Spielen muss man auf zwei wesentliche Dinge achten: Erstens sollte man keines der hundertfünfzig Kinder umrennen und zweitens sollte man nicht über einen frischen Kuhfladen laufen. Die Fußballwiese ist nämlich auch Weidefläche und laufend übersät mit den Sakralbauten der Rinder. Dementsprechend bietet sich eine Dusche nach dem Spiel an. Von 18 bis 20 Uhr haben die Kinder ihre TV-Time. Alle Bollywoodfilme und sämtliche indische Fernsehsendungen kennen eigentlich nur zwei Themen: Liebe und Gewalt. Hektische Kamerafahrten um Liebespaare, dazwischen berauschende Tänze und schnulziger Gesang, ebenso Kunstblut und einfach choreographierte, brutale Kampfszenen. Wir haben die Brothers gefragt, warum sie den Kindern diese blutigen Metzeleien zeigen. „Das ist Indien, das ist Film“, war die Antwort. Um 20 Uhr gibt es Abendbrot, also Reis, Soße, Chabati und Babybananen. Haben wir aufgegessen, geht es sofort mit der „Recreation Time“ im Makkalla Mane weiter. Mit dem Nachtgebet wird der Tag beendet. Die Kinder sitzen im Schneidersitz in Reihen auf dem Boden und ein Bruder hält die berühmte Gute-Nacht-Ansprache. Um 21.45 Uhr können auch wir ins Bett gehen, meistens wird es aber später.

Letzten Samstag waren wir wieder in unserer Lieblings-Tempelstadt und haben allerhand Freundschaften aufgefrischt, durch weitere Einkäufe. Da es zu regnen begann und wir ein Wellblechdach über dem Kopf brauchten, stellten wir uns in einem Textilgeschäft unter und kauften prompt zwei Bettvorleger. Doch es sollte nicht dabei bleiben. Es folgten eine muschelbestückte Umhängetasche, ein Elefant aus Stein, zwei Armreifen, ein Teelicht, eine Halskette, sieben Postkarten, eine angeblich fünfhundert Jahre alte Hampi-Münze (mit viel Fantasie kann man einen Pfau darauf erkennen) … und viele andere Dinge von unschätzbarem Wert. Wir feilschten, was das Zeug hielt und trieben die Verkäufer an die Grenzen ihrer finanziellen Existenz, zumindest vermittelten sie uns dieses Gefühl. Einkaufen in Indien ist immer eine schauspielerische Herausforderung. Wenn man etwas unbedingt haben will, muss man dem Verkäufer ein furchtbar großes Desinteresse vorgaukeln. Haben Geld und Ware den Besitzer gewechselt, hat die gegenseitige Heuchelei ein Ende.
Am Ufer des Tungabadhra lernten wir zwei junge Dokumentarfilmer kennen, die uns auf Englisch gefragt hatten, ob man den Fluss mit so einem Nussschalenboot bedenkenlos überqueren könne. Während des Gesprächs stellte sich heraus, dass wir uns mit zwei Münchnern unterhielten und so wechselten wir augenblicklich ins Deutsche. Die Filmemacher hatten ganz Indien bereist und in Kalkutta die bitterste Armut gesehen. Der eine musste aufgrund einer Virusinfektion in ein Krankenhaus und lag dort eine ganze Woche zwischen sterbenden Patienten mit den wohl schlimmsten Krankheiten. Die Ärzte musste er immer wieder ermahnen, die Kanülen zu desinfizieren und sich die Hände zu waschen. Der andere meinte weiter, dass es in Indien so unglaubliche Gegensätze zwischen Arm und Reich gäbe. Er hat auch ziemlich wohlhabende Inder kennengelernt, welche sich für etwas Besseres halten und welche die anderen Menschen gar als Affen bezeichnen... Ach ja, und Hospet sei eine noch verhältnismäßig saubere Stadt - im Gegensatz zum Norden Indiens!
„Oh, tatsächlich?“

Am Sonntag waren wir wieder mit Bruder Vinod in der „Holy Spirit Church“ in Hospet, der einzigen katholischen Kirche im Ort. Wir verharrten schweigend in den Bänken und beobachteten einen Messdiener, der verzweifelt versuchte, die Ventilatoren an der Decke zum Laufen zu kriegen. Erst als die Luft angenehm zirkulierte, läutete es zum Einzug. Der Gesang der etwa zwanzig Gemeindemitglieder war sehr kläglich, es gab keine Orgel und die englischen Lieder besaßen auch keine harmonische Melodie. Die Predigt in Hinglish (schwer verständliches Englisch aufgrund des fiesen Hindi-Akzents) war so langweilig, dass selbst Vinod bemüht war, nicht einzuschlafen. Wir mussten ihn mehrfach aus seinem Sekundenschlaf rütteln.

Wir haben endlich Schlangen gesehen! Mehrere Kinder kamen zu mir und schrieen „Snake, snake, going!“. Sie zogen an meiner Hand und führten mich zu einem Tümpel, wo tatsächlich in einiger Entfernung eine reglose Schlange im trüben Wasser trieb. Wir banden zwei Stöcke aneinander, holten das tote Tier aus dem Teich und machten Fotos.
Martin hat letztens auch ein lebendiges Exemplar gesehen. Er wollte einen Ball holen, der über eine Mauer geflogen war. Auf der anderen Seite sah er eine Schwarze Kobra, die sich durch das Gras schlängelte. Innerhalb von acht Minuten sei das Nervengift dieser Natter tödlich, hieß es. Deswegen hat er auch keine Fotos gemacht und den Ball liegen gelassen.

Am Sonntag Abend tanzten wir mit den Kindern im Makkalla Mane. Die Musik war schrill, die Stimmung ausgelassen und wild. Als wir uns mit hundertfünfzig begeisterten Kindern gerade den wildesten Tanzrhythmen hingaben, fiel plötzlich und einmal mehr der Strom aus. Die Musik verstummte schlagartig und das Licht ging aus. Die Kinder kreischten, denn wir sahen komplett Schwarz, alles war wieder stockduster. Martin zückte sein Feuerzeug und leuchtete mit einer einzigen Flamme die gesamte Halle aus, bis die altbewährte Ölfunzel geholt wurde. Bruder Vinod hielt es für angebracht, das Abendgebet vorzuziehen. Gerade saßen die Kinder mit gefalteten Händen auf dem Boden, da kam der Strom wieder und mit ihm auch das Licht und … die Musik. Die Kinder sprangen aus ihrer Gebetshaltung und tanzten weiter. Techno-Beat statt Evening Prayer…

Man muss nicht die Sprache der Kinder sprechen, um sie zu verstehen. Die Lebensfreude, die sie ausstrahlen, ist unbeschreiblich. Und ich frage mich jedes Mal aufs Neue, woher nehmen die nur ihre Fröhlichkeit?

Steckt in der Armut etwa ein ganz eigener Reichtum?
Paradox, aber interessant darüber nachzudenken.

Euer Benedikt
in Hospet / Bellary / Karnataka / India