Freitag, 23. Mai 2008

Die Englischprüfung

Hospet, der 23.05.2008


Namaskara und Hallo!

Alle waren informiert, jedes Kind wusste, dass ab dem 15. Mai die Prüfungszeit beginnen würde. Nur wir schwebten mal wieder in absoluter Unkenntnis. Mit „Exam, Exam“ lagen uns die Kinder schon eine Weile im Ohr, bis Martin Bruder Cyril fragte. Und der meinte prompt: „Hatte ich euch das nicht gesagt? Am 15. Mai beginnen die Prüfungen. Und ihr müsst noch die schriftlichen Tests ausarbeiten.“ Die Prüfung betrifft vorrangig die Schüler der 4. Klasse. Wenn sie diesen projektinternen Abschlusstest in den Fächern Englisch, Kannada, Hindi und Mathe bestehen, dürfen sie auf eine staatliche Grundschule wechseln, wo dann mal zur Abwechslung auch richtig ausgebildete Englischlehrer auf sie warten. Allerdings wurde uns gesagt, dass die Qualität des Unterrichts in den staatlichen Schulen längst nicht so gut ist wie die in den privaten (wie Don Bosco). Die Lehrer wären in den „Governmental Schools“ mit der Anzahl an Schülern überfordert und selten daran interessiert, die Kinder zu fördern und voranzubringen. Die meisten arbeiten nach Vorschrift und unterrichten nach Gehaltszahlung. Ramina, das einzige Mädchen in unserer vierten Klasse kommt aus einer staatlichen Schule und ging dort in die 7. Klasse. Wir mussten mit großer Ernüchterung feststellen, dass sie nicht mal das Alphabet fließend aufsagen, geschweige denn lesen oder schreiben konnte.
Eine Woche war jedenfalls noch Zeit, unsere Schüler auf die Prüfungsschwerpunkte vorzubereiten:
Hospet is in the south of India., 4:45 = Quarter to five, Eyebrow, Forehead, Face and Body, going, reading, singing, climbing, book-books, foot-feet, How many brothers do you have? – I have three brothers. Where is the monkey? – The monkey is in the monkey cage.
Der Test war am Laptop schnell entworfen. Cyril druckte das zweiseitige Word-Dokument im Büro des Makkala Mane aus und machte davon 20 Kopien im Xerox Copyshop in Hospet.
Je näher der Prüfungstag rückte, desto größer wurde die Anspannung und der Lernwille der Kinder. Sie nahmen den Test sehr ernst und paukten ihre Vokabeln in jeder freien Minute. Dann baten uns vier Kids sogar anstatt des Fußballspiels um eine extra Nachhilfestunde. Mehr als 30 Kinder versammelten sich kurz darauf im Klassenzimmer.

Es ging um das Zentrum. Ich zeigte auf die Mitte der Indienkarte und erklärte „This is the centre of India.“ Martin zeigte auf seinen Bauchnabel „This is the centre of my body.“ Oder hier, ich stieg auf den Lehrerstuhl und deutete auf die Zeigermitte der Wanduhr. Martin erklärte, dass die Ventilatorenflügel um eine Achse, um das Zentrum rotieren. Arkumar hatte verstanden, was wir meinten. Er zeigte auf seinen Wirbel am Hinterkopf und sagte „This is the centre of my hair.“

Die Lernatmosphäre war richtig gut, die Kinder saugten jeden Ratschlag auf wie ein Schwamm und versuchten, uns irgendwelche Details zu entlocken – mit Erfolg.
Viele von ihnen sind davon überzeugt, dass ihre Zukunft von diesem Test abhängt. Die meisten wollen später Arzt oder Polizist werden und gut verdienen. Ihre Motivation ist bemerkenswert.
Am 15. Mai, am Tag der Englischprüfung mussten sich die Kids in ordentlichen Reihen auf den Boden setzen. Dann teilten wir die Testbögen aus und Cyril erklärte die Aufgabenstellungen auf Kannada.

Nach zweieinhalb Stunden emsigen Rumgekritzels war der schriftliche Teil der Prüfung vorbei, nur die mündliche stand noch bevor. Eranna war kurz nach 2 Uhr der erste Testkandidat in unserem Prüfungszimmer. Er und seine Klassenkameraden mussten der Reihe nach ein Gedicht auswendig vortragen, ein paar Fragen beantworten und Wörter lesen. 10 Punkte konnten sie sich noch verdienen.
Heute wurde der letzte Test geschrieben und die Prüfungszeit ist nun offiziell zu Ende gegangen. Grund genug, um mal wieder Schokoriegel zu verteilen.

Vor ein paar Tagen mussten Martin und ich mit einem Jungen ins Krankenhaus. Der neunjährige Venkatesh hatte sich beim Spielen eine tiefe Wunde im Zeh zugezogen, die sich böse entzündet hatte. Die Rikscha fuhr uns Drei einmal quer durch das abendliche Hospet und hielt nach einer Weile vor dem für Hospets Verhältnisse hochmodernen Malligi Health and Care Center, das ich aufgrund zahlreicher Besuche schon gut kenne. Eine halbe Stunde saßen wir im kreisrunden Wartebereich des hinduistischen Krankenhauses, lauschten der einschläfernden „Ohm“-Meditationsmusik und beobachteten eine goldene, blumengeschmückte Ganesha-Statue in der Ecke, die gelegentlich Weihrauchwolken ausstieß. Um uns herum warteten ungefähr vierzig kranke Inder und Inderinnen, deren Augen auf uns ruhten, als würden auch wir weißen Qualm ausatmen. Dann wurden wir aufgerufen. Der freundliche Doktor behandelte die Wunde, verschrieb dem Jungen ein paar Antibiotika-Tabletten und empfahl eine Tetanus-Impfung. Den Impfstoff besorgte ich gleich in der Apotheke nebenan für nur (!) 50 Rupien (= 0,75 €). Die Krankenschwester übernahm die Injektion. Als Venkatesh die Spritze sah, bekam er Angst und begann zu weinen. Wir hielten je eine Hand und nach ein paar Sekunden war alles vorbei.

Jetzt bin ich schon über acht Monate in Indien und wenn ich die vergangenen Tage, Wochen und Monate zähle, dann frage ich mich immer, wie die Zeit so schnell vergehen konnte. Und genauso zügig rast sie unserem Ende entgegen und wir haben Mühe, all das zu schaffen, was wir uns noch vorgenommen haben...

Es grüßt euch ganz lieb,

Euer Benedikt

P.S. Habe eben einen Asiatischen Riesenskorpion (Heterometrus scaber) mit einem dicken Stein getötet. Martin hatte das 15cm-große, schwarze Tier auf dem Weg zum Makkala Mane entdeckt. In der kannadischen Sprache heißt er „Dschelu“. Hausmeister William meinte, dass der Regen letzte Nacht die unterirdischen Höhlen der Skorpione geflutet hat, deswegen kommen die Tiere aus ihren Löchern. Das Gift ist ungefährlich, ein Stich schmerzt ungefähr so wie der einer Biene, schreibt das kluge Internet. Für barfußlaufende Kinder und flipflopstragende Uncles sind das beruhigende Informationen.


P.P.S. Zur Spendenaktion: Es sind mittlerweile 1645 Euro (!) bei Don Bosco Bonn für das Snehalaya eingegangen. Eine Wahnsinnssumme von umgerechnet 106.373 Rupien, die ihren Weg bereits auf das Konto von BREADS in Bangalore gefunden hat. In wenigen Tagen geht es los mit der Beerdung und dem Bau der Palmenhütte und des Spielplatzes. Bruder Johnson hat uns versprochen, dass er ordentlich Druck macht, damit wir noch alles miterleben und darüber berichten können.

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