Sonntag, 16. Dezember 2007

Bang Bang Bangalore

Hospet, der 16.12.2007

Bangalore

Einen herzlichen Adventsgruß bei 20 Grad aus Indien.

Bruder Johnson vorletzten Dienstagabend: „In zwei Stunden fahr ich nach Bangalore, wollt ihr mit?“ Natürlich wollten wir ... die Stadt sehen, die wir bei unserer Ankunft nur flüchtig wahrgenommen hatten und die als das Silicon Valley von Indien bekannt war. Außerdem musste ich noch einen großen Rucksack für unsere bevorstehenden Reisen kaufen. Father Varghese hatte nichts gegen unseren spontanen Ausflug einzuwenden und so suchten wir rasch ein paar Klamotten, Reiseklopapier, Zahnbürsten und Handtücher zusammen. Auch Martins Laptop nahmen wir mit. Kurz darauf standen wir mit Johnson und vier Hostel Boys an der Jambunatha Road und warteten auf zwei Rikschas, die uns zum Busbahnhof bringen sollten. Die vier Jungen kamen mit, weil sie in einem Don-Bosco-Projekt in der Nähe von Bangalore einen Lehrgang besuchen durften. Am Busbahnhof von Hospet angekommen, wartete bereits ein recht luxuriöser Bus auf uns, den Johnson ausgesucht hatte. Die Fahrt durch die Nacht, über die relativ ebene, asphaltierte Überlandstraße nach Bangalore war weniger holprig als befürchtet, sodass wir fast schlafen konnten.

Doch bevor es nach Bangalore ging, mussten wir die vier Jungen zu ihrem Projekt bringen. Nach mehreren Stunden zusätzlicher Busfahrt durch zahllose indische Dörfer, holte uns schließlich ein Don-Bosco-Geländewagen von irgendeinem Busbahnhof ab. Dann fuhren wir über eine ziemlich lange, schmale Straße, vorbei an ein paar vereinzelten Siedlungen, zu einem vierkantigen Gebäude, das auf den ersten Blick wie ein Gefängnis aussah. Das Projekt Ajjanahalli liegt zwischen Bangalore und Mysore, mitten in der absoluten Abgeschiedenheit. Dass sich hierher Straßenkinder verirren, schien mir unmöglich. Der Jeep hielt vor dem Eingangstor des quadratischen Rundbaus und zwei Fathers begrüßten uns herzlich. Wir bekamen einen Zimmerschlüssel und durften uns erstmal ausruhen. Nach ein paar Stunden Schlaf lernten wir dann die Brüder und die Volontäre kennen. Eine kam aus Spanien, zwei aus Belgien und die vierte war eine 58jährige Amerikanerin. Kinder sah ich kaum, sie alle wären noch in der Schule im Nachbarort, wurde mir gesagt. Johnson und die Spanierin Maite zeigten uns indes das weitläufige Gelände. Sie führten uns auf einen gewaltigen Felsen, von dem wir eine fantastische Sicht hatten. Als am Nachmittag ein paar mehr Kinder auftauchten, nahmen wir die kleine Gruppe Kinder an die Hand und liefen zu einer Felsennische, in der irgendein krötenähnliches, steinernes Wesen verehrt wurde. Neben der hockenden Skulptur gab es Pigmentfarben zum Selber-Auf-die-Stirn-schmieren. Die Kinder hatten nicht lange gezögert und sich gleich das ganze Gesicht mit blauer, roter und violetter Kreide eingerieben. Als wir genug gehuldigt hatten, nahmen wir die bunten Kinder wieder an die Hand und ließen die Hindu-Kröte in ihrer Felsenhöhle zurück.

Am nächsten Morgen ging es dann mit dem Jeep nach Bangalore. Martin und ich saßen auf der Rückbank im Kofferraum zusammen mit zwei Kindern, die ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Nach drei Stunden steckten wir dann auch im chaotisch-zähen Berufsverkehr der Millionenmetropole fest. Was alles eine Hupe besaß, hupte und trotzdem tat sich nicht viel. Johnson meinte irgendwann, wir sollten zu Fuß weiter und so verabschiedeten wir uns von den restlichen Insassen und stiegen aus. Die Luft war voller Abgase und Staub, die breiten Straßen allerdings weitestgehend müllfrei und asphaltiert. Wir liefen auf dem schmalen Bordstein entlang und betrachteten die eindrucksvollen Gebäude zu beiden Seiten der lärmenden Straße. Fabrikanlagen, Firmengebäude, Hotels und Kaufhäuser waren hier in die Höhe geschossen. Es wäre nicht mehr weit, meinte Johnson. Die MG Road und die Brigade Road, das kommerzielle Herz Bangalores, wären unmittelbar in der Nähe. Wir überquerten eine weitere pulsierende Verkehrsader, nutzten eine kurze Grün-Phase der Ampel aus, rannten über einen Zebrastreifen, bogen um eine letzte Straßenecke und dann sahen wir sie: Die Brigade Road. Überall Werbung, Reklame, Banner. Nokia, Sony, Adidas und Siemens wetteiferten in der Kategorie Aufdringlichkeit. Auch sämtliche Fastfoodketten leuchteten uns einladend entgegen. Die bunten Logos von McDonalds, PizzaHut und Subway waren an den Gebäudefassaden sofort auszumachen. Klar freuten wir uns auf eine knusprige Pizza und einen leckeren, nichtvegetarischen (!) Hamburger, erst recht nach drei Monaten Reis und Soße, aber trotzdem: Wo waren wir denn hier gelandet? Waren wir noch in Indien? Ja, wir mussten. Im Schatten der pompösen Werbebanner waren noch vereinzelt Obstläden und Straßenkiosks zu erkennen. Auch ein kleines indisches Schnellrestaurant hielt sich tapfer in einer schmalen Häusernische, der ständigen Gefahr ausgesetzt, von den zwei benachbarten Geschäftsriesen zerquetscht zu werden. Und auch die kleinen gelben, dreirädrigen Rikschas waren ein Witz gegen die Luxusschlitten der Marken Mercedes, Lexus, Chevrolet, Mitsubishi und Porsche, die an uns vorbeirauschten. Wir liefen weiter und unser Blick fiel auf die Menschen, die uns entgegenkamen. Sie sahen gar nicht mehr indisch aus! Die Frauen trugen fast keine Saris mehr, sondern häufig Jeans und enge Oberteile. Die Männer liefen in feinen Anzügen und mit Aktenkoffer herum. Die High Society von Bangalore flanierte in diesem Stadtteil, zusammen mit den weißen Geschäftsleuten und den nicht viel ärmeren Touristen. Gerade als wir Johnson zu einer Pizza einladen wollten, sah ich einen Bettler am Bordstein entlang kriechen. Er konnte anscheinend nicht laufen und robbte sich mühsam über den sauberen Boden. Alle zwei Meter hielt er inne und streckte seine Hand so hoch er konnte, den wohlhabenden, vorbeieilenden Menschen entgegen. „Nicht jeder ist so reich wie ihr... vergesst das nicht!“ Vielleicht murmelte er genau diesen Satz.
Der PizzaHut in Bangalore hatte Preise, die den deutschen entsprachen. Da wir aber an die indischen Preise gewöhnt waren, mussten wir nicht nur die Pizza verdauen. Nach dem Genuss der ofenfrischen Köstlichkeit verabschiedete sich Johnson von uns, weil er noch im Büro von BREADS vorbeischauen musste und weil er am Abend schon wieder nach Hospet zurückfahren wollte. Da wir es vorzogen, länger in Bangalore zu bleiben, fragten wir ihn nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Das Hauptquartier von BREADS würde gerade renoviert, meinte er, aber eine Unterkunft bekäme man hier überall für 800 Rupien (14 Euro) die Nacht. (Zum Vergleich: Im Touristenort Hampi kostet eine Übernachtung nur maximal 400 Rupien!) Martin hatte aber eine Idee, wie wir vielleicht sehr viel preiswerter unterkommen könnten. Er holte seinen Laptop hervor, schloss sein GPRS-Handy an und nutzte es als Modem, um eine Internetverbindung aufzubauen. Es klappte. Dann loggte er sich ins StudiVZ ein, um einer flüchtigen Internetbekanntschaft der Gruppe „Bang Bang Bangalore“ eine Nachricht zu schicken. Die Internetbekanntschaft hieß Mareike, war Studentin für Medizinische Informatik und wohnte gerade in Bangalore. Die Nachricht war: „Hallo, hier ist Martin. Können Benedikt, ein Freund von mir, und ich heute Nacht bei dir in der WG pennen?“ Wir wussten nicht, ob sie die Mitteilung rechtzeitig lesen und ob sie Ja sagen würde, aber ein Versuch war es wert. Dann verließen wir die Pizzeria, um das Stück westliche Welt weiter zu erkunden.
Es dauerte auch nicht lange, da war ein passender Rucksack für mich gefunden, eine neue Jeans folgte wenige Minuten später, ebenso neue Kontaktlinsen und eine Armbanduhr für Martin; sogar die neue Harry Potter DVD in deutscher Sprache hatten wir gekauft. Wir saßen gerade mit Martins Laptop in einem Straßencafé als die Antwort von Mareike kam: „Ist möglich, lasst mich aber zuvor meine Mitbewohner fragen.“ Am Abend fuhren wir mit der Rikscha zum vereinbarten Treffpunkt und trafen Mareike vor einem gewaltigen Hotelkomplex. Sie führte uns eine kleine Seitenstraße entlang, zu einem mehrstöckigen Haus mit Fahrstuhl. Im vierten Stock war ihre Wohnung. Wir legten unsere Sachen in der WG ab, quatschten kurz mit ihrer ungarischen Mitbewohnerin und luden Mareike in eine Bar ein.
Gegen zwölf Uhr waren wir wieder in ihrer Wohnung. Martin schlief auf dem Sofa und ich rückte mir zwei Sessel zu einem viel zu kurzen Bett zusammen. Als die Sonne aufging und Mareike zu ihrem Praktikumsplatz musste, verließen auch wir die inzwischen internationale Wohngemeinschaft und nahmen eine Rikscha zur Brigade Road. Doch die Brigade Road war wie ausgestorben. Kein Geschäft hatte offen, alles war totenstill. Wir frühstückten indisch, in einer kleinen Imbissbude etwas abseits. Danach besichtigten wir das Don Bosco Mane, ein Projekt für Straßenkinder in Bangalore. Das Projekt besaß nur ein kleines Grundstück und so beschränkte sich die Anwesenheit der paar Kinder eher auf die unterschiedlichen Stockwerke des Hauses.
Am Nachmittag trafen wir Bertram, unseren Architekturstudenten. Er zeigte uns seine Wohnung und das Stück Fußboden, das er uns für die nächste Nacht reserviert hatte. Wir sollten noch eine Nacht bleiben, weil er uns auf eine Party mitnehmen wollte. Martin war für diese Idee schneller zu begeistern als ich, aber letztendlich war es doch ganz nett. Der Eintritt zum Fugu kostete normalerweise 500 Rupien, da wir aber von irgendwem freundlicherweise auf eine Liste gesetzt wurden, brauchten wir nichts zu bezahlen. Die Disco war ziemlich voll. Vorrangig weiße Touristen und Studenten, aber auch reiche Inder tummelten sich auf der nebligen Tanzfläche. Der längliche Raum war in farbiges Licht getaucht, Plasma-Monitore zeigten surreale Lifestyle-Filme, an einer langen Bar wurden Cocktails mit astronomischen Preisen gemixt. Zwar waren Stimmung und Musik gut, trotzdem wäre ich lieber bei meinen hundertfünfzig kleinen Freunden in Hospet gewesen. Gegen halb zwölf Uhr war der DJ auf eine Anordnung der Regierung hin gezwungen, keine Musik mehr zu spielen und das Tanzlokal zu schließen. Die enttäuschten Gäste wurden auf die Straße gesetzt, wo schon die Rikschafahrer im angepassten Preisniveau lauerten.
Am nächsten Morgen erwachten Martin und ich auf einem dünnen Bettvorleger in Bertrams Wohnung, die er sich mit drei Indern teilte. Wir verabschiedeten uns und fuhren zum Busbahnhof. Von dort aus ging es mit dem öffentlichen Bus in einer sechsstündigen Wackeltour durch sämtliche Nester wieder zurück ins gewohnte Hospet. Verspannt, müde und mit Kopfschmerzen fielen wir in unsere Himmelbetten im Don Bosco Projekt.

Erstes Fazit der Reise: War sehr interessant und genussvoll, aber anstrengend und unkomfortabel.


Zweites Fazit der Reise: Bei unserem spontanen Ausflug nach Bangalore haben wir eine ganz neue Seite von Indien kennengelernt. Ein neues, modernes und reiches Indien, das jahrtausendealte Traditionen und Werte plötzlich ablegt und der westlichen Welt nacheifert. Gerade in Bangalore haben wir sehr deutlich gemerkt, wie zwei mächtige Kulturen miteinander kollidieren und es scheint, als hätte die westliche Welt in den Stadtteilen MG Road, Commercial Road und Brigade Road bereits gesiegt. Zwei Bilder haben sich jedenfalls in meinen Kopf eingebrannt: Zum einen der kriechende Bettler zwischen den reichen Fußgängern und zum anderen die dicke Inderin im Sari bei McDonalds, die lustvoll in ihren ChickenBurger beißt...

Liebe Grüße zum dritten Adventssonntag und euch allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest in der Heimat. Schätzt das Gewohnte! ;-)

Euer Benedikt,
der immer noch auf seine Vorweihnachtsstimmung wartet.

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