Bangalore, der 29.11.2007
Hallo an euch daheim,
wo soll ich anfangen? Vielleicht bei dem Rikschafahrer, der uns letzten Sonntag zur Kirche gefahren hat. Wir waren spät dran, die Messe begann jeden Augenblick und wir mussten noch ein motorisiertes Dreirad zur Sacred-Heart-Church organisieren. Das war schnell gefunden, allerdings konnte der Fahrer kein Englisch, sodass wir ihm mit gefalteten Händen und einem Kreuzzeichen unser gewünschtes Ziel begreiflich machten. Ippatho Rupi, sagte ich und er willigte ein, zwanzig Rupien, der übliche Preis. Bega! Schnell! Wir wackelten durch die Straßen von Hospet und hielten nach etwa fünf Minuten vor einer übertrieben bunten, christlichen Kirche, vor der protestantischen. Nein, das ist die falsche! Glücklicherweise kannten wir den weiteren Weg und konnten den erstaunten Rikschafahrer zur katholischen Kirche dirigieren. Das Problem war nur, dass dieser sich mit den abgemachten zwanzig Rupien nicht zufrieden geben wollte. Er verlangte dreißig, schließlich sei er weiter gefahren. Martin ließ sich nicht erweichen, zwanzig Rupien waren ausgemacht und zwanzig Rupien bezahlten wir immer für diese Strecke. „Entweder du nimmst jetzt deine zwanzig Rupien oder du kriegst gar nichts!“, war Martins klare Ansage. Und dann tat der Fahrer etwas, mit dem wir nicht gerechnet hatten: Er fuhr doch tatsächlich davon, ohne abzukassieren. Normalerweise trachten die Rikschafahrer nach jedem Rupie. Während wir kurz darauf in der Kirche saßen, begleitete uns ein mulmiges Gefühl, das die ganze kommende Woche anhielt.
Am Mittwoch hieß es, würden wir köstlich speisen. Irgendeine ranghohe Nonne vom Nachbarkonvent hatte Namenstag und sie würde ein leckeres Mittagessen spendieren. Die Brüder warteten bereits im Esszimmer und halfen unserer Köchin beim Auftischen des Buffets, als wir zur Feierrunde dazustießen. Auch einige Schwestern waren mitgekommen. Father Varghese beglückwünschte Schwester Cecilia zuerst und stimmte ein „Happy Fees Day“ an. Nach den Ehrungen stürzten sich alle – und wir natürlich auch – auf Hühnchen, Fisch, Chabathi und Reis. Bruder Johnson goss uns allen reichlich Apfelsaft ein. Und als Nachspeise gab es Eis aus dem Pappkarton. Wahlweise Vanille, Erdbeere oder Pistazie, letzteres schmeckte nach Seife. Trotzdem haben wir alle Sorten probiert und sie ohne Magenverstimmungen überlebt. Das erste Eis in Indien.
In Hampi haben wir letzte Woche den selbstgefälligen Amerikaner Lloyd kennengelernt, der uns von seinen sensationellen Erfolgen auf dem Aktienmarkt erzählte. Er wäre sehr reich, meinte der korpulente, kumpelhafte Typ mit der Wollmütze auf dem Kopf. Als Beweis spendierte er uns allen einen teuren Drink – am Ende ging er dann doch ohne zu bezahlen, sodass wir das übernehmen mussten. Zwei Tage später waren wir in Hospet unterwegs, um ein Stativ für meinen Camcorder zu kaufen. Und plötzlich stand er wieder vor uns, mit seinem rundlichen, breit grinsenden Gesicht und in Begleitung von Nilesh. Das erste, was ich zu Lloyd sagte, war „Hey, du musst noch unsere Drinks bezahlen.“ Er zückte sofort sein mit Geldscheinen überquellendes Portmonee und gab uns, was er uns schuldete. Dann setzte er seine Erfolgsstorys vom Samstagabend fort, wie und wo er Unsummen investiert hätte und wie man in den USA schnell Geld verdient, ohne den Finger krumm zu machen. Wir wussten nicht, ob wir ihm glauben sollten, selbst dann nicht als Lloyd einem Bettler tausend Rupien schenkte oder als er Nilesh innerhalb von zwanzig Sekunden eine neue Sonnenbrille kaufte. Lloyd erwähnte nebenbei, dass er auch Filmproduzent wäre. „Ahh, das trifft sich. Du hast nicht zufällig ne Million für eine Dokumentation über eine indische Don-Bosco-Einrichtung übrig?“, fragten wir. „Einen Camcorder haben wir schon, aber kein Stativ.“ – „Hey my friends, no problem, ein Stativ kann ich euch geben.“, sagte er.
Später, als Lloyd mit seinem Motorrad nach Hampi gedüst war, sagte uns Nilesh, dass er Lloyds Geschichten glauben würde. Er versicherte uns, dass er einen Blick in seinen Koffer werfen konnte und dass dieser randvoll mit Bargeld sei, sogar Gold würde der Aktien-Ami durch Indien tragen. Und dann zeigte uns Nilesh eine Kopie irgendeines wichtigen Versicherungspapiers, wahrscheinlich das seiner Lebensversicherung. Nilesh deutete auf eine fettgedruckte Summe von 7 500 000 000 US-Dollar. Ein milliardenschwerer Amerikaner mit Bommelmütze in Hospet? Egal, das Stativ haben wir jedenfalls bekommen!
Am Freitag kam uns die BREADS-Sekretärin Raji aus Bangalore besuchen, angeblich mit zwei Australierinnen im Gepäck. Wie sich aber am Bahnhof schnell herausstellte, kamen die beiden Projektreisenden nicht aus Australien, sondern aus Österreich. So konnten wir mal wieder Deutsch reden und unserem Besuch das Projekt vorstellen. Später hatten wir dann noch ein Evaluationsgespräch mit Raji, bei dem wir ihr unser Herz ausschütten konnten.
Und dann war schon wieder Sonntag, Ruhetag und die Kids hatten TV-Time. Da wir uns nur ungern eine Überdosis Bollywoodfilme verabreichen wollten, fragten wir, ob wir das neue Don-Bosco-Projekt bei den Minen besichtigen könnten. Der Bischof von Bellary hatte unseren Fathers vor einiger Zeit ein zweites Grundstück für ein weiteres Projekt geschenkt. Es liegt direkt neben den Abbaugebieten und befindet sich zurzeit noch im Aufbau, allerdings dauert es nicht mehr lange, bis es die ersten Kinder aufnehmen kann.
Bruder Vinod erklärte sich wieder bereit, uns zu begleiten und so warteten wir an der Jambunatha Road auf eine Rikscha. Sie kam auch irgendwann angetuckert und wir wollten gerade mit dem obligatorischen Feilschen beginnen, als wir den Fahrer wiedererkannten. Der von letzte Woche, der Typ, der unser Geld vor der Kirche abgelehnt hatte! Bruder Vinod beruhigte die Fronten. Dreiste 70 Rupien wollte er, wir stiegen trotzdem ein und fuhren auch eine Weile. Der Ort, an dem unser Rikschafahrer schließlich hielt, hätte man als Provokation auffassen können. Die lebensfeindliche Steppe ließ kein Don-Bosco-Projekt in unmittelbarer Nähe vermuten. Doch wir irrten, Vinod zeigte uns einen grasbewachsenen Hügel, der von einer Mauer umschlossen war. Hier ist es. Dem Rikschafahrer wollten wir die siebzig Rupien geben, doch er konnte unseren Hundert-Rupien-Schein nicht wechseln. Wir verzichteten auf das Wechselgeld und machten ihm darüber hinaus ein Friedensangebot. Er war einverstanden, wir schüttelten die Hände und er verriet uns seinen Namen. Dann fuhr er zurück nach Hospet. Vinod führte uns durch ein Tor und wir liefen zu einem neugebauten Haus, dem „Snehalaya“. Der Innenraum des Gebäudes sah genauso kahl aus, wie die Vegetation draußen. Das Büro und der Saal standen leer und die Duschen und die Toiletten waren noch ungewöhnlich sauber, unbenutzt eben. So richtig konnten wir es uns noch nicht vorstellen, dass hier in Kürze Leben einkehren würde. Auf jeden Fall wird es noch viel Zeit, Mühe und Arbeit kosten, bis auch dieses Projekt als eine Oase bezeichnet werden kann.
Liebe Grüße heute mal aus Bangalore, da sind wir nämlich gerade.
Euer Benedikt
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