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| Kerala |
Und weiter geht’s mit der zweiten Woche in Kerala...
Don Bosco Vaduthalla war der absolute Wahnsinn. Das Grundstück war riesig und mehrere Hektar groß, makellose Asphaltstraßen verbanden die Gebäude. Das Taxi fuhr durch ein Tor, umrundete einen Grünflächeninsel und hielt schließlich vor der Eingangstür des Anwesens. Wir lernten Father Babu persönlich kennen, ein Mann mittleren Alters mit dunklem Vollbart und welligem, nach hinten gekämmtem Haar. Er führte uns einen langen Flur entlang und zeigte uns die beiden Zimmer. „Seid unsere Gäste, fühlt euch wie zu Hause, macht was ihr wollt, kommt aber nicht später als zehn Uhr zurück.“ OK.
Es war kurz nach Mittag als wir mit der Fähre von Ernakulam nach Fort Kochi fuhren, zur historischen Altstadt auf der südlichen Halbinsel. Dicke Containerschiffe, Luxusdampfer und schmale Fischerkähne schipperten in der Hafenbucht herum. Wir erreichten den Anlegeplatz nach zwanzig Minuten und wurden sofort von den „malerischen, engen Gassen“ begrüßt, die wir in Old Goa vermisst hatten. Das kleine Dorf an der tropischen Küste von Malabar war ein ruhiger Ort mit portugiesisch-holländischem Flair. Nachdem wir in einem Straßencafé bei einem kühlen Eistee neue Energie getankt hatten, gingen Martin und ich zu den Chinesischen Fischernetzen, die am Ufer ausgebreitet waren und die irgendwelche Händler früher mal mitgebracht hatten (ich vermute mal aus China). Auch heute noch sind diese Konstruktionen aus Holzbalken, Netz und Tauen im Einsatz, allerdings ist es lukrativer geworden, mit den Netzen Touristen zu fangen. Auch Martin und ich wurden freundlich gebeten, mal mit anzupacken und an den Gegengewichten zu ziehen, die das quadratische Netz aus dem Wasser auftauchen ließen. Nachdem ich noch ein paar hübsche Fotos vom bescheidenen Fang, von Kugelfischen und kleinen Welsen, geschossen hatte, wollten die Fischer Geld. Unverdiente fünfzig Rupien bekamen sie.
Am Abend saßen wir mit den Salesianern beim Abendessen und erzählten von unserem Plan, die Backwaters von Kerala mit einem Hausboot zu erkunden. Father McCaden kannte da jemanden, der Hausboot-Touren für Touristen anbot und den er uns am nächsten Morgen vorstellen wollte. Sofort wurde ein Termin mit dem Handy vereinbart.
Mister Denny war ein ziemlich wohlhabender Inder, Immobilienhändler, Hausbootvermieter und stolzer Besitzer von mehreren Inseln in der Umgebung. Am nächsten Morgen saßen Father McCaden, Martin und ich auf der Terrasse seines idyllischen Seegrundstücks und genossen den Blick auf die Backwaters, während wir Cashewnüsse aßen, von unserem Leben in Hospet erzählten und die Einzelheiten der Bootstour besprachen. Wir hatten gehofft, durch persönliche Sympathien und die Empfehlung des Fathers einen günstigen Preis zu bekommen – Fehlanzeige. Mister Denny war eben Geschäftsmann. Sechzig Euro sollte die Halbtagestour kosten.
Am Nachmittag fuhren Martin und ich mit der Fähre zur Vypee Island. Mit dem Motorrad ging es dann weiter zum zwanzig Kilometer entfernten Cherai Beach. Die Fahrt dauerte eine halbe Ewigkeit und wurde durch ein menschenüberlaufenes Volksfest noch verzögert. Am Strand erwartete uns eine Gruppe ziemlich aufdringlicher, junger Inder. Zum Glück waren sie alle Nichtschwimmer, sodass wir sie im seichten Wasser abhängen konnten. Wir schwammen einfach weiter raus, und ließen die planschenden Inder in den ufernahen Wellen zurück. Später, kurz bevor auch wir im Sand verbuddelt worden wären, ergriffen wir die Flucht und tuckerten eine einsame, etwas versandete Straße zurück, die direkt am Meer entlang führte.
Die Bootstour am nächsten Morgen musste eine halbe Stunde später beginnen, da wir mit der Rikscha im Straßenverkehr feststeckten. Hupen half nichts, zentimeterweises Vorwärtsdrängeln war angesagt. Am Bootssteg trafen wir Kapitän und Steuermann. Sofort ging es los, wir kletterten an Bord des Kahns, der sich augenblicklich in Bewegung setzte. Sanft glitten wir durch die Wasserstraßen und Binnenseen der Backwaters, vorbei an Fischern, die ihre feinmaschigen Netze auswarfen und an anderen Indern, die mit ihren schmalen Kanus oder Reisstrohbooten und einem langen Stock durch das Wasser staksten. An den beiden Uferseiten standen im Schatten der zahllosen Palmen viele kleine Häuser, Kirchen und Schulen. Von der Rehling beobachtete ich die Menschen, die ihrem Tagewerk nachgingen. Die Frauen kochten Essen, wuschen Wäsche, hängten sie zum Trocknen auf und die Männer reparierten meist die Boote - an Land oder im Wasser. Anderthalb Stunden trieben wir ruhig und friedlich durch die Postkartenidylle, bis unser Boot plötzlich irgendetwas unter der Wasseroberfläche rammte. Der Motor musste irgendeinen Schaden genommen haben, denn der Kahn vibrierte wie ein Traktor. Unser indischer Kapitän stoppte die Maschinen und sprang ins Wasser um nachzusehen. Wir hatten einen kräftigen Busch gestreift und ein Zylinder war ausgefallen, meinte der Kapitän nachdem er wieder auftauchte. Dabei verschwieg er, dass wir auch ein Leck hatten, denn der Steuermann begann kurz darauf, Wasser aus dem Maschinenraum zu pumpen. Wir mussten in einer provisorischen, nicht ganz ruckelfreien Weiterfahrt zur Anlegestelle zurück, um den Kahn reparieren zu lassen. Das würde nicht so lange dauern, hieß es. Wir entschieden uns aber dennoch den Trip vorzeitig abzubrechen.
Den restlichen Nachmittag verbrachten Martin und ich in der MG Road von Kochi, die der in Bangalore gar nicht so unähnlich war. Wir kauften ein paar Hosen und aßen indische Schwarzwälder Kirschtorte, während Thea und Laura die Taxifahrt nach Munnar buchten.
Als wir uns am Abend wieder auf den Rückweg zum Projekt machten, wurden wir unverhofft zu Mitläufern einer christlichen Mega-Prozession. Zehntausende Inder folgten einer Marienstatue und sie alle schienen das gleiche Ziel zu haben wie wir: Don Bosco Vaduthalla. Als wir den menschenüberfüllten Pilgerort erreichten, fielen uns die Augen heraus, denn mit einer solchen, für europäische Geschmäcker aggressiven und kitschigen Light-Show hatten wir nicht gerechnet: Feuerwerk erhellte den Nachthimmel, hunderte Lampen bildeten rhythmisch leuchtende Botschaften und kaleidoskopartige, animierte Muster; Maria mit Jesuskind im Arm als broadwaytaugliches, flackerndes Glühbirnenbild. Das religiöse, fast taghelle Volksfest der Superlative war zu viel für uns. Thea und Laura gingen aufs Zimmer, Martin und ich flüchteten auf das ruhige Seegrundstück von Mister Denny, der uns eingeladen hatte, den missglückten Bootstrip mit einer Flasche Rum zu besiegeln. Und so saßen wir bis elf Uhr auf seiner Uferterrasse, lernten seine Familie und einen befreundeten Arzt kennen, aßen Huhn und Cashewnüsse und tranken Rum mit Cola...
Munnar ist ein kleines Nest in den West Ghats und Zentrum eines der höchstgelegenen Teeanbaugebiete der Welt, hieß es im Reiseführer. Der Taxifahrer, der uns am nächsten Morgen abholte, konnte leider nur wenige Brocken Englisch, fuhr uns dafür aber sicher über die schmalen Passstraßen ins drei Stunden entfernte Munnar. Erst ging es nur bergauf, dann durch Regenwälder und an Wasserfällen vorbei, bis wir schließlich irgendwann die sanften, teebepflanzten Hügel erreichten. Erfrischend kühle und reine Bergluft stieg uns in die Nasen und es tat nur gut, mal etwas anderes einzuatmen. Die Stadt selbst war dagegen weniger angenehm, eigentlich ziemlich unspannend und langweilig. Wir mieteten uns in einer Kaschemme für eine Nacht ein und verabredeten uns mit dem Taxifahrer für den nächsten Morgen. Das Wort „Sightseeing“ kannte er.
Nach dem Frühstück am nächsten Tag ging die Touri-Tour auch gleich los. Immer wenn wir an eine Sehenswürdigkeit kamen, stoppte das Taxi und unser Fahrer fragte in einem Wort, ob er anhalten oder weiterfahren solle. „Tea?“ Ja, wir stiegen bei den Teeplantagen aus und schauten den Erntefrauen beim Pflücken zu. Dann ging die Fahrt im weißen Auto weiter. „Lake?“ war auch ganz nett. „Tea museum?“ – Die Mehrheit stimmte dagegen. „Elephant riding?“ Mein Herz schlug höher, hatte ich mich verhört? Nein, man konnte tatsächlich für zweihundert Rupien auf einem Elefanten reiten, direkt am Straßenrand. Martin, Thea und Laura wollten nicht und so kletterte ich allein auf den Rücken des Tieres. Der Ritt in zwei Metern Höhe dauerte leider nur fünfzehn Minuten, war aber dennoch ein tolles Erlebnis. Der nächste Sightseeing-Punkt wollte einfach nicht kommen. Wir kurvten und kurvten mit dem Taxi herum, während die fantastische Landschaft draußen immer mehr zum Wandern einlud: Sattgrüne Teefelder bedeckten die Hügel wie Teppiche, Nebelschwaden stiegen aus den Tälern empor. Irgendwann hatten wir genug: „Stopp! Halt an!“ Wir liefen zu Fuß weiter. Der Fahrer war irritiert und fuhr im Schritttempo neben uns her – was uns ziemlich auf die Nerven ging. Auch am Aussichtspunkt Top Station an der Grenze zum Nachbarstaat Tamil Nadu, klebte der Typ wie eine Briefmarke an uns. Und als wir später mit einem Ruderboot über einen Bergsee paddelten, stand der Fahrer am Ufer und ließ uns nicht eine Sekunde aus den Augen.
Erst als wir am Abend wieder in Kochi waren, gewannen wir unsere Unabhängigkeit zurück.
Der letzte Tag in Kerala war gekommen. Wir verabschiedeten uns bei den Fathers und Brothers im Projekt und bedankten uns für deren Gastfreundschaft. Mit gepackten Rucksäcken fuhren wir zum Bahnhof zurück. Gerade wollte ich am Kiosk Reiseproviant kaufen, als jemand hinter mir sagte: „Hey, das ist der Hero of Film“! Zwei Bodyguards beschützten einen Mann mittleren Alters mit Oberlippenbart und korpulenter Figur. „Sind Sie Schauspieler?“, fragte ich. „Ja und ich bin der Held.“, antwortete die selbsternannte Bollywoodgröße. „For Bernedikte MR Bulu Kumar“, schrieb er mir auf meinen Kassenbon vom Kiosk. (Bis heute frage ich immer wieder irgendwelche Inder, ob sie diesen dubiosen Mister Bulu Kumar kennen – Niemand kennt ihn und mein signierter Kassenbon bleibt ein wertloses Stück Papier!)
In Goa verabschiedeten wir uns von Thea und Laura, die vom Vasco-da-Gama-Airport wieder nach Deutschland zurückflogen. Die Vorstellung, dass sie in nur (!) 9 Stunden im kalten Berlin landen würden, war komisch, waren wir doch gerade fast die doppelte Zeit nur von Kochi nach Goa gefahren. Die Heimat kam uns gleich viel näher vor...
Die restlichen vier Urlaubstage verbrachten wir an den uns bekannten Stränden. Wir trafen unsere aufdringlichen Strandverkäufer wieder und saßen abends in geselliger Runde beisammen, auch ohne Halsketten und Armreifen kaufen zu müssen. Die Obstverkäuferin ließ mich dann auch mal ihren verdammt schweren Obstkorb auf dem Kopf balancieren und der drollige Ohrenputzer zeigte mir sein Büchlein mit all den Empfehlungen seiner Kunden. Auch Deutsche hatten sich in diesem „Schmalzbuch“ verewigt. Ich musste lachen: „Zuerst hatte ich ja Angst, dass er mein Trommelfell verletzt, aber er war dann doch sehr professionell und holte mir eine Menge Schmalz und Schmodder aus dem Ohr. Ich bin ihm so dankbar, endlich kann ich das Rauschen der Wellen wieder hören.“ Ein anderer schrieb: „Hey Leute, passt auf, er will zweitausend Rupien haben. Handelt unbedingt bis Hundert runter!“
Nach einer Delphintour ohne Delphine und einer Begegnung mit unserem alten Bekannten Jan Alexandrovich, hatten wir eigentlich auch genug von Goa.
Dummerweise waren wir so töricht, den Sleeper-Bus nach Hampi testen zu müssen. Die extrem überteuerte Fahrt über Nacht war ein einziger Alptraum. Die Liegen waren viel zu schmal, es gab keine Decken, man konnte sich nicht hinsetzen, ständig schlug unser Kopf gegen die Wand und das Gepäck der ganzen Mitreisenden türmte sich im Gang. Nach fünfzehn Stunden Odyssee kamen wir zusammengeknautscht, halb erfroren und mit bösen Kopfschmerzen in Hospet an. Nie wieder Sleeper-Bus auf Indiens Straßen!!!
Es grüßt euch wieder alle ganz herzlich,
Euer Benedikt.


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