Hospet, der 13.02.2008
Mich laust der Affe,
wer mich jetzt nicht wörtlich nimmt, ist selber Schuld.
Vor unserer Schule steht ein Affenkäfig. Neulich habe ich beobachtet, wie sich die Kinder manchmal mit dem Kopf an das Gitter lehnen, um tatsächlich vom Affen entlaust zu werden. Also, ich hab das natürlich auch mal ausprobiert und kann nur sagen, der Affe war sehr behutsam und gründlich. ;-)
Warum greift man zu solchen Maßnahmen? Wie tief muss man sinken?
In den letzten Wochen befanden wir uns im tiefen Tal von Kulturschockphase 2 und 3. Der Anthropologe Kalvero Oberg beschreibt die Symptome der Eskalation folgendermaßen: „Exzessive Sorge um die eigene Gesundheit aufgrund von Nervosität und Reizbarkeit oder Müdigkeit und Langweile, Ess- oder Schlafstörungen, Schwermut, psychosomatischen Erscheinungen wie Kopfweh oder Verdauungsstörungen.“
Wenn auch etwas anders erlebt, aber in bestimmten Punkten decken sich die Prophezeiungen des Herrn Oberg mit unserem Gemüts- und Gesundheitszustand der letzten Wochen. So gesund wir die ersten vier Monate in Indien waren, so hatten sich in letzter Zeit die Krankheiten und die psychosomatischen Erscheinungen überschlagen.
Alles fing an, dass ich am Oberschenkel eine dicke, rote und ziemlich schmerzhafte Beule bekam. In exzessiver Sorge um die eigene Gesundheit humpelte ich von Arzt zu Arzt. Erst war es eine allergische Reaktion auf Staubpartikel im Blut, dann eine bakterielle Staphylokokken-Infektion. Ich bekam Antibiotika und Schmerztabletten verschrieben. In Hampi hat mir die Frau von Nilesh einen Verband mit Currypulver, Uferpflanzensaft und Uferpflanzenblatt angelegt, welcher das Aufplatzen der Beule beschleunigen sollte. Und tatsächlich, am Abend kam es zur Eruption dieser Riesenfurunkel. Drei Tage später tauchte die nächste Beule an einer anderen, noch unpässlicheren Stelle auf. Als sich dann noch mein Kinn dick und heiß anfühlte, war ich so ziemlich auf dem Maximalwert, was Nervosität und Reizbarkeit betrifft. Zum Glück handelte es sich am Kinn nur um einen gewöhnlichen Pickel. Weitere Furunkel blieben aus, die „Beulenpest“ war besiegt!
Dann wachte Martin eines Morgens auf und war von bösen Schwindelgefühlen und Ängsten geplagt. Ich rief Bruder Johnson, der beruhigend auf ihn einwirkte und ihn ajurvedische Kügelchen schlucken ließ. Martins exzessive Sorge um die eigene Gesundheit gipfelte in einem Aids-Test, weil er sich seit seinem billigen Straßen-Tattoo nicht mehr sicher war, HIV-negativ zu sein. Seine Sorge war glücklicherweise unbegründet, das Testergebnis lautete immer noch „HIV-negativ“.
Nun geht es uns beiden wieder viel besser, gesundheitlich als auch psychisch. Die paar Kopfläuse haben sich dank Affe und speziellem Shampoo wieder verabschiedet, nur unsere Laptops sind noch von Viren und Würmern befallen. Aber wir tun alles, was in unserer Macht steht, um unsere Computer zu retten...
Ein paar Tage nach unserer Rückkehr aus Goa musste etwa ein Drittel unserer Kinder unerwartet das Makkalla Mane verlassen und ins zwei Kilometer entfernte Snehalaya umziehen. Das neue Don-Bosco-Projekt im kargen Minengebiet wurde nun nach langer Ankündigung und technischen Problemen endlich eröffnet. Wir haben die Kinder gleich am nächsten Sonntag besucht und Bonbons verteilt. Es geht ihnen allen gut, nur leider sieht das Projekt noch ziemlich kahl und trostlos aus. Auch das hügelige Gelände, steinig und trocken, eignet sich nicht wirklich, um gefahrlos spielen zu können. Hinzu kommt die Sonne, die tagsüber erbarmungslos vom Himmel brennt. Schatten gibt es nur im Haus. Die Wände im Snehalaya sind kahl und weiß und brauchen dringend Farbe. Mittlerweile habe ich mir aber das Einverständnis von Father Rector geholt, nach unserem Thailand-Urlaub mit Pinsel und Farbe loslegen zu können. Die Buchstaben des Alphabets, Tiere, Früchte und Micky Mäuse sollen es sein, ebenso der Kopf von Don Bosco an der Außenfassade. Ich habe mir überlegt, einen Teil der mir überwiesenen Spendengelder zu nutzen, um die Farben zu kaufen.
Unsere beiden Englischklassen machen in letzter Zeit große Fortschritte! Wir üben gerade Lesen und die Kinder fangen langsam an, die Buchstaben zu Worten zu kombinieren und nicht mehr die Worte wie Bilder auswendig zu lernen. Der aktuelle Spiel-Hit zum Lesenüben heißt Bankrutschen. Wer ein Wort erlesen hat, darf zur nächsten Bank weiterrutschen. Wer eine komplette Runde geschafft hat, bekommt wahlweise eine deutsche Cent-Münze oder ein indisches Bonbon. (Meistens wird sich für die Münze entschieden!) Auch wenn es manchmal zehn Minuten dauert bis „Chabathi“, „Eyebrow“ oder „Himalaya“ über die Lippen wandert, die Kids sind sehr motiviert, freuen sich über die eigenen Erfolge und haben viel Spaß dabei. Wir natürlich auch!
So und jetzt geht es schon wieder in den Urlaub! Am Freitag fliegen Martin und ich von Bangalore nach Bangkok. Die Ausreise ist nötig, um unsere Indien-Visa verlängern zu lassen. Damit sich der Flug auch lohnt, reisen wir für drei Wochen durch Thailand.
Bis zum nächsten Blog-Eintrag, der wohl erst frühestens in vier Wochen erscheint.
Es grüßt euch alle ganz herzlich
Euer Benedikt
ab Freitag im Land des Lächelns
P.S. Als ich neulich beim Arzt war, wurde ich auch gewogen. Ich konnte es nicht glauben, aber ich habe tatsächlich in einem halben Jahr ganze 15 Kilo abgenommen! Aber bei so viel Reis und Soße eigentlich kein Wunder! Martin und ich haben festgestellt, dass wir fast gar nicht mehr aus Genuss essen, sondern eher um den Magen zu füllen – um satt zu werden.
Und jetzt kommt noch erschwerend hinzu, dass Fastenzeit ist. Am Aschermittwoch fiel dann nach der Frühmesse das Frühstück sogar ganz aus. Ich habe immer noch Father Joys kluge Worte im Ohr: „Fasten am Überfluss.“ ABER DAS FRÜHSTÜCK IST ALLES ANDERE, NUR NICHT ÜBERFLÜSSIG! Als unsere Gliedmaßen zu zittern begannen, haben wir einfach unsere eisernen Schokoladereserven aufgegessen. (Möge der Herr uns verzeihen!)
Wenn wir beim Abendessen sitzen und das Essen wieder an geschmacklicher Eintönigkeit leidet, spielen wir immer das Spiel Was-isst-du-zu-Hause-am-liebsten. Hier ein Auszug: „Brötchen mit dick Mett und Zwiebeln - Thüringer Bratwurst mit Kartoffelsalat - Bratkartoffeln mit Zwiebeln, Speck und Bohnen - deutsche original italienische Salamipizza aus dem Steinofen - Big Mac bei McDonalds oder Döner mit extra viel Schafskäse - Kaiserkasseler mit Böhmischen Knödeln - Schweinemedaillons mit Kroketten und Pilzrahmsoße - Rinderroulade mit dunkler Soße, Klößen und Apfelrotkraut“ Denkt beim nächsten Bissen an uns... ;-)

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