Hospet, der 18.11.2007
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| Diwali - Fest des Lichtes |
Frohes Neues,
ihr wundert euch sicher, was das soll, aber ich habe hier vergangene Woche quasi Silvester gefeiert – das wirkt nach. Die Inder sind nur am Feiern, soviel steht schon mal fest. Ständig gibt es irgendeinen (fadenscheinigen?) Anlass, ein Fest jagt das Nächste. Letzte Woche war nämlich Diwali, das Fest des Lichtes. Die Hindus feiern an diesem Neumondabend im November die Erneuerung des Lebens. An diesem Tag werden alte Lampen weggeworfen und neue gekauft und angezündet. Die Öllämpchen sollen den umherirrenden toten Seelen den Weg ins Land der Seligkeit weisen, nachdem die Verstorbenen an diesem Abend ihre alten Häuser aufsuchen. Um die Geister nicht im Dunkeln tappen zu lassen, halfen wir mit, die kleinen Lampen mit Dochten zu versehen und sie mit Petroleum zu füllen. Auf dem Boden des Makkalla Mane war mit Kreide der Umriss der Indienkarte gezeichnet worden, das Landesinnere war mit gelben Blüten ausgefüllt. Auf die Grenze stellten wir dann die Lämpchen, ebenso auf Fenstersimse und Treppenstufen. Dann warteten wir mit den Kindern auf die Dämmerung. Gegen sieben Uhr war es dann endlich soweit. Die Öllämpchen wurden entzündet und die Lichter bildeten Ketten, ganze Wege. Im „Haus der Kinder“ saßen alle um die leuchtende Indienkarte herum und schauten wie gebannt auf die flackernden Flammen. Die Brüder brachen die Stille mit einem Lied, Cyril sang, Vinod spielte auf einer Handorgel und Thomas trommelte. Es wurde gebetet und gesungen. Danach entzündete Father Joy einen ölgefüllten Kelch und Bruder Johnson hielt eine feurige Predigt, von der wir wieder nichts verstanden.
Nach den eher schlichten und andachtsvollen Feierlichkeiten begann der spektakuläre Teil des Abends. Es hieß, wir sollten zum Basketballplatz gehen, dort würde eine Überraschung auf uns warten. Also stellten wir uns dort mit den Kindern und den Hostel Boys im Kreis auf und jeder bekam eine Wunderkerze und einen Knallfrosch in die Hand gedrückt. Dann ging Father Joy in die Mitte des Kreises und zündete seine armlange Wunderkerze an. Die gleißend helle Magnesiumflamme gab er weiter, bis der ganze Kreis funkelte und blitzte. Dann trat Bruder Johnson in die Mitte und stellte ein kleines Hütchen auf den Boden, das er auch entzündete. Eine Zündschnurlänge später schoss eine riesige Feuerfontäne in den Himmel, die Kinder schrieen und klatschten, staunten und lachten. Johnson tanzte wie Rumpelstilzchen um seinen Lichtgeysir und sprach irgendwelche Beschwörungsformeln. (Wir übersetzten seine lallenden Worte mit: „Ach wie gut das niemand weiß, dass ich Rumpeljohnson heiß.“) Er wollte sicher die Stimmung anheizen, aber diese befand sich schon längst auf dem Maximalwert. Wir tanzten ausgelassen, machten hunderte (!) Fotos und erschraken bei jedem Knallfrosch, während das funkelnde Feuerwerk den Platz und die Gemüter der vor Freude kreischenden Kinder erhellte. Nach dem Spektakel hing eine dicke, weiße Rauchwolke über dem wieder dunklen Basketballplatz. Bettruhe war nun angesagt. Nicht aber für die tausenden Inder auf Hospets Straßen, die es ebenso knallen ließen, Raketen in den Himmel schossen und vor ihren Hütten Poker spielten – bis die Sonne aufging.
Silvester war vorbei, sechs Tage später gab es – wen wundert’s noch – wieder was zu feiern. Children’s Day, der Tag der Kinder. Da man selbst für indische Maßstäbe nicht jeden Geburtstag von allen hundertfünfzig Kindern feiern kann, hat man sich entschlossen, es nur an einem Tag im Jahr – dann aber richtig knallen zu lassen. Und dieser Tag stand unmittelbar vor der Tür. Das Makkalla Mane wurde aufwändig geschmückt, Kreidemuster auf den Vorplatz gemalt und Bilder aufgehängt. Es wurde sich in der Vorbereitung sehr viel Mühe gegeben, schließlich wurden mehrere hundert Kinder erwartet, sieben andere Schulen aus Hospet waren eingeladen.
Der große Tag selbst begann mit einer Demonstration. Nachdem sich jedes der sechshundert Kinder nach unseren Namen, unserem Heimatland und unserem Wohlbefinden erkundigt hatte, bekamen wir alle ein neonfarbenes Schild in die Hand, auf dem „Stoppt die Kinderarbeit!“, „Schickt uns Kinder in die Schule!“ und „Jedes Kind braucht Bildung!“ auf Kannada zu lesen war – natürlich nicht für uns. Die Slogans wurden uns übersetzt. Dann zogen wir in Zweierreihen durch die indischen Straßen und Martin und ich versuchten, die Schlachtrufe möglichst genau nachzuschreien. Nach der Demo startete das große Bühnenprogramm, welches aus einem Gesangswettbewerb zwischen den Schulen bestand. Auch die Gruppentänze und die Reden mancher Schüler wurden von einer Jury bewertet. Das Programm dauerte zweimal drei Stunden und die Kinder bewiesen eine unglaublich große Ausdauer. Zwischendurch gab es eine kurze Mittagspause, in der jedes Kind einen Plastikbeutel mit gekochtem Reis und vier Butterkekse bekam. Nach der zweiten dreistündigen Wettbewerbsphase stand der Sieger endlich fest: Unser Don Bosco Projekt hatte gewonnen. Die Kinder freuten sich über den Sieg und wir freuten uns noch mehr über das Ende der Veranstaltung.
Letzten Montag haben wir unseren Thailand-Flug gebucht. Da wir nicht mehr als 180 Tage am Stück in Indien bleiben dürfen, müssen wir ausreisen, um unser Visum zu verlängern. Andernfalls verbringen wir die restliche Zeit unseres Lebens im Gefängnis. Wir hätten noch die Möglichkeit, der indischen Regierung eine Sonderaufenthaltsgenehmigung abzuringen, aber die Chancen gehen gegen Null, dass die unser Schreiben überhaupt lesen, geschweige denn beantworten. So haben wir uns für Thailand entschieden und verbinden die erforderliche Ausreise mit einem Backpacker-Urlaub im Land des Lächelns. Am 15. Februar 2008 werden wir Indien für drei Wochen verlassen und nach Bangkok fliegen. Doch bevor wir diesen Flug im Reisebüro in Hospet buchen konnten, mussten wir das Bargeld besorgen. Der Kauz vom Reisebüro hatte gemeint, wir müssten bei der Andhra Bank zehn Minuten warten. Aus zehn Minuten wurden schließlich anderthalb Stunden, da der zuständige Bankangestellte die beiden Visaformulare unter einer dreißigzentimeterdicken Papierschicht auf seinem Schreibtisch vermutete. Als dann selbst die komplette Schrankwand vergebens durchwühlt worden war, nahm der Mann ein weißes Blatt Papier zur Hand, riss es in der Mitte durch und schrieb unsere Namen, unsere Visa-Nummern und den Geldbetrag auf die beiden Hälften. Doch unsere aufkeimende Freude, gleich die Scheine ausgezahlt zu bekommen, wurde sofort wieder zerstört. Der Kollege, der den einzigen Zugang zum Tresor hat, war gerade beim Mittagessen. Nach weiteren zwanzig Minuten war er zurück und jeder von uns beiden bekam endlich seine 18.000 Rupien ausgezahlt (320 Euro). Neben uns am Schalter stand ein weiterer Bankkunde, der fassungslos zuschaute, wie unvorstellbare 36.000 Rupien über den Tisch wanderten. Auch die eine alte Oma im grünen Sari, die sich hinter uns auf einer Sitzgruppe niedergelassen hatte, hielt uns sicher für eine Halluzination. Es war nur peinlich. Wir ließen die beiden Geldbündel schnell in unseren Hosentaschen verschwinden und verließen die Bank. Auf dem Weg zurück zum Reisebüro hätten wir gerne Personenschutz gehabt, schließlich befand sich das doppelte Jahreseinkommen eines indischen Lehrers in unseren verdächtig ausbeulenden Taschen. Doch wir hatten wieder einmal Glück und wurden nicht Opfer eines Raubüberfalls.
Irgendwie fühlen wir uns aber auch sehr sicher auf den Straßen von Hospet. Jeder gläubige Hindu besitzt ja sein Karma, das alle gute und schlechten Taten erfasst und nach dem Tod darüber entscheidet, als was er im nächsten Leben wiedergeboren wird. Die einzigen Inder, die wir als kriminell bezeichnen würden, sind die Rikschafahrer. Die versuchen uns wirklich das Geld aus der Tasche zu ziehen. Martin ist sich sicher: „Die Rikschafahrer werden doch alle als Mehlwurm wiedergeboren.“
Neulich hat mir ein Schmuckverkäufer in Hampi gesagt, dass ich angeblich eine Menge gutes Karma angesammelt hätte. Und wenn ich seinen Klunkerring für 160 Rupien kaufen würde, sagte er, werde ich garantiert als reicher Manager, vielleicht sogar als Politiker wiedergeboren.
Klingt verlockend, aber mein jetziges und - so glaube ich - einziges Leben gefällt mir besser.
Es grüßt euch alle wieder ganz herzlich,
euer Benedikt
P.S. Die kalte und trockene Festlandsluft vom Himalaya lässt uns morgens und abends ziemlich frieren. Bei 10 Grad muss ich dann schon mal eine lange Hose anziehen und die Kinder tragen sogar Mützen und Schals. Aber gegen Mittag haben wir dann wieder 25 °C … und das im November! :-)


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