Mittwoch, 7. November 2007

Volksfest in der Tempelstadt

Hospet, der 07.11.2007

Hampi at night

Ein herzliches Hallo an euch!

Nach dem sehr beliebten Besenabschlagen-Spiel mit den Kindern erfuhren wir letzten Donnerstag beim Kaffeetrinken, dass in zwanzig Minuten die Allerseelenfeier auf dem Friedhof stattfinden würde, zu der wir natürlich auch eingeladen waren. Schnell zogen wir uns entsprechend um und nahmen eine Rikscha zu einer unscheinbaren Gasse. Schnell ließen wir die viel befahrene Hauptstraße hinter uns, folgten einer verheißungsvollen Abwasserrinne und standen plötzlich auf einem Hinterhof. Das quadratische Grundstück war von einer weißen Mauer, Slumhütten und Palmen umgeben. Etwa hundert buntgekleidete Menschen hatten sich auf dem katholischen Friedhof versammelt. Ganze Großfamilien standen oder saßen an den Gräbern ihrer Verstorbenen und beteten. Manche zündeten weißqualmende Räucherduftkerzen an oder schmückten die Gräber mit Blumenkränzen. Bei den Grabsteinen konnte ich große finanzielle Unterschiede erkennen. Es gab teure mit Steinkreuz und billige aus zwei Holzbrettern. Oft waren die aufgeschütteten, länglichen Erdhügel mit einer Art Calcium-Zement versiegelt, weil das wahrscheinlich preiswerter ist als ein Sockel aus Stein. Die beiden Fathers aus unserem Projekt, Varghese und Joy, beteten mit dem Gemeindepfarrer von Hospet den Rosenkranz vor und die hundert Inder stimmten in das Gebet ein. Nach einer anschließenden Litanei, die immer aus denselben kannadischen Worten bestand, begann die eigentliche Messfeier unter freiem Himmel. Als der Schlusssegen gesprochen war, gingen die Leute wieder zu ihren Gräbern. Die Hostel Boys aus unserem Projekt standen um zwei namenlose Kindergräber herum, deren Zementdecke nur halb so groß war. Ich stellte mich hinzu und latschte bedauerlicherweise auf ein drittes Kindergrab, auf ein älteres über das schon Gras gewachsen war. Gras wächst hier auch schnell über eine Sache, von Amal Gratsh redet keiner mehr, dachte ich. Dann kam Father Varghese in unsere Richtung, der gerade mit einer Flasche Weihwasser die Gemeindemitglieder segnete, allerdings ohne Wasser zu verspritzen. Dann lief auf einmal ein kleines Kind zu ihm und sagte, dass er die Flasche doch vorher öffnen müsse… Varghese folgte etwas verlegen dem Ratschlag des Jungen und wir mussten uns mit den Brüdern ein Lachen verkneifen.

In Hampi herrschte in den letzten Tagen der Ausnahmezustand. Es wurde gefeiert, ein riesiger Hokuspokus aus Licht, Musik, Kostümen und bunten Farben – nur einen richtigen Anlass schien es irgendwie nicht zu geben. Jedenfalls hatte die Regierung von Karnataka dieses Volksfest finanziert und überall waren die rot-gelben Flaggen vom Bundesstaat zu sehen. Es gab Bühnenprogramme, politische Reden, Aufmärsche, Paraden und Umzüge. Überall präsentierten sich aufwändig verkleidete Inder als Fakire, als säbelbewaffnete Krieger, als Maharadschas, Könige, Götter und Teufel. Musiker spielten auf Trommeln, Flöten und Trompeten, geschminkte Tempelelefanten bahnten sich ihren Weg durch die bunte Menschenmasse. Auch zahlreiche Verkäufer (noch mehr als es ohnehin schon sind!) hatte das Fest angelockt. Neben Essen und sämtlichen Leckereien konnte man auch wirklich alles (!) kaufen, was schrille Töne von sich gab, kitschig-bunt aussah und wenig wert war. Selbst den Kindern wurden mit dicken Luftballons, lauten Tröten und neonfarbenen Windrädern die einzigen Rupien aus der Tasche gezogen. Martin überlegte ernsthaft sich mitten auf der Straße ein Tattoo stechen zu lassen. Da es aber nur 25 Rupien (halber Euro) kostete, nur zwei Minuten dauern würde und der Schmerz vergleichbar mit Ameisensäure auf der Haut sei, willigte er ein. Er entschied sich für eine Sonne mit dem uralten Sanskrit-Wort für „Heimat“ auf dem Schulterblatt. Dann legte die heiße (hoffentlich desinfizierte) Nadel los und brannte das Motiv in die weiße Haut. Ich machte Fotos und zählte die gaffenden Inder. Ungefähr vierzig waren es, die voller Interesse auf Martins nackten Rücken starrten.
Gegen Mitternacht gingen wir zum Haus unseres befreundeten Massagemanns Nilesh, der für uns ein Nachtquartier - bestehend aus einer Matratze und einem Moskitonetz - bereitgestellt hatte. Am nächsten Morgen weckte uns sein dreijähriger Sohn Ganesh, und Nilesh begrüßte uns kurze Zeit später mit einer Tasse Tee. Danach nahmen wir wieder eine Rikscha zurück ins Projekt.
Zwei Tage später ging es erneut nach Hampi, diesmal aber mit der ganzen Besatzung. Die Hostel Boys hatten Exkursionstag und wir durften auch mit. Und so kam es, dass wir mit fünfzig Jungen, sechs Brüdern, zwei Nonnen und Father Joy in den Bus nach Hampi stiegen. Die Fahrt war lustig (holprig natürlich) und ich hatte sogar einen Sitzplatz. Am Parkplatz der Tempelstadt angekommen, teilten wir uns wieder in kleinere Gruppen auf. Wir erkundeten mit Father Joy das Gelände. Er war erst ein einziges Mal und vor langer Zeit in Hampi gewesen und so zeigten wir ihm die schönsten Orte, auch das einsame und ruhige Flussufer des Tungabadhra. Langsam legte sich die Dämmerung über uns und wir kehrten zurück in die feiernde Lichterstadt und warteten dort auf die Brüder. Wir hatten uns am Haupttempel verabredetet und sie alle ins Mango Tree Restaurant eingeladen. Der Fußmarsch zur Gaststätte war wieder ein Abenteuer, denn wir mussten einen unbeleuchteten Weg durch eine Bananenplantage einschlagen. Wir aßen Tomatensuppe, gefüllte Parota und Chabathi und tranken Cola, Mango Lassis und Bananen-Milchshakes und genossen die nicht vorhandene Aussicht auf den Tungabadhra, es war einfach zu dunkel – aber egal. Father Joy überredeten wir dann noch, die sechsmeterlange Schaukel zu testen, die an einem hohen Ast im Mangobaum befestigt war. Wir gaben ordentlich Schwung!
Als wir wieder auf dem Rückweg zum Parkplatz waren, überraschte uns noch das angekündigte Höhenfeuerwerk. Angeblich kostete der Regierung nur eine Rakete 20.000 Rupien (360 Euro). Als die Unsumme in den Nachthimmel gefeuert war, strömten tausende Inder in Richtung … Parkplatz!
Ich kann mir es nun lebhaft vorstellen, dass in Indien eine Milliarde Menschen wohnen und ich bezeichne es als Wunder, dass alle Hostel Boys, jeder Bruder und jede verirrte Nonne pünktlich am vereinbarten Treffpunkt war. Der Bus nach Hospet war - wie zu erwarten war - gnadenlos überfüllt. Wir quetschten uns mit hundertvierzig, vielleicht sogar hundertfünfzig Indern in einen Bus. (Ich zu Martin: „In Deutschland wären wir jetzt bei Wetten dass…“) Der Fahrschein kostete zehn Rupien und das Geld wurde auch noch im Bus abkassiert. Ein dürrer Mann zwängte sich durch die nahezu kompakte Masse aus Armen, Bäuchen und Beinen und sammelte die vergilbten Scheine ein. Während der Fahrt kam es noch direkt neben meinem rechten Ohr zu einem Streit zwischen zwei indischen Männern. Ich weiß nicht, was der Grund war, jedenfalls signalisierten beide eine große Lust sich zu prügeln. Ich fühlte mich wie der Korken in einer Sektflasche, kurz vor dem Knall. Den wollte ich echt vermeiden und so versuchte ich mit dem einzig passenden Wort, welches mein kläglicher Kannada-Wortschatz in dem Moment rausrückte, den Streit zu schlichten: „Shanti“, was Frieden bedeutete. Andere Inder halfen mit und drückten die beiden Streithähne auseinander. Schweißnass und glücklich kamen Martin und ich in Hospet an, wir besaßen noch alle Gliedmaßen und hatten auch keine Gehirnerschütterung. Gegen Mitternacht waren wir wieder alle vollständig im Projekt und fielen müde in unsere Betten.

Das war wieder Indien von seiner schönsten Seite.
Es grüßt euch der Benedikt unter einer gefühlten Milliarde Menschen.

P.S. Von Father Joy haben wir ein Buch zum Kannadalernen bekommen. Dort stehen die nützlichsten Beispielsätze drin, die man sich vorstellen kann. Einen kann ich schon auswendig und jeder fremde Inder bekommt ihn von mir zu hören: „Hebberallu toru beraligintha cullu, adare adakkintha dappa.“ Frei ins Deutsche übersetzt heißt der Satz: „Der Daumen ist kürzer als der Zeigefinger, dafür aber dicker.“

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