Donnerstag, 29. November 2007

Der 10-Rupien-Streit

Bangalore, der 29.11.2007

Hallo an euch daheim,

wo soll ich anfangen? Vielleicht bei dem Rikschafahrer, der uns letzten Sonntag zur Kirche gefahren hat. Wir waren spät dran, die Messe begann jeden Augenblick und wir mussten noch ein motorisiertes Dreirad zur Sacred-Heart-Church organisieren. Das war schnell gefunden, allerdings konnte der Fahrer kein Englisch, sodass wir ihm mit gefalteten Händen und einem Kreuzzeichen unser gewünschtes Ziel begreiflich machten. Ippatho Rupi, sagte ich und er willigte ein, zwanzig Rupien, der übliche Preis. Bega! Schnell! Wir wackelten durch die Straßen von Hospet und hielten nach etwa fünf Minuten vor einer übertrieben bunten, christlichen Kirche, vor der protestantischen. Nein, das ist die falsche! Glücklicherweise kannten wir den weiteren Weg und konnten den erstaunten Rikschafahrer zur katholischen Kirche dirigieren. Das Problem war nur, dass dieser sich mit den abgemachten zwanzig Rupien nicht zufrieden geben wollte. Er verlangte dreißig, schließlich sei er weiter gefahren. Martin ließ sich nicht erweichen, zwanzig Rupien waren ausgemacht und zwanzig Rupien bezahlten wir immer für diese Strecke. „Entweder du nimmst jetzt deine zwanzig Rupien oder du kriegst gar nichts!“, war Martins klare Ansage. Und dann tat der Fahrer etwas, mit dem wir nicht gerechnet hatten: Er fuhr doch tatsächlich davon, ohne abzukassieren. Normalerweise trachten die Rikschafahrer nach jedem Rupie. Während wir kurz darauf in der Kirche saßen, begleitete uns ein mulmiges Gefühl, das die ganze kommende Woche anhielt.

Am Mittwoch hieß es, würden wir köstlich speisen. Irgendeine ranghohe Nonne vom Nachbarkonvent hatte Namenstag und sie würde ein leckeres Mittagessen spendieren. Die Brüder warteten bereits im Esszimmer und halfen unserer Köchin beim Auftischen des Buffets, als wir zur Feierrunde dazustießen. Auch einige Schwestern waren mitgekommen. Father Varghese beglückwünschte Schwester Cecilia zuerst und stimmte ein „Happy Fees Day“ an. Nach den Ehrungen stürzten sich alle – und wir natürlich auch – auf Hühnchen, Fisch, Chabathi und Reis. Bruder Johnson goss uns allen reichlich Apfelsaft ein. Und als Nachspeise gab es Eis aus dem Pappkarton. Wahlweise Vanille, Erdbeere oder Pistazie, letzteres schmeckte nach Seife. Trotzdem haben wir alle Sorten probiert und sie ohne Magenverstimmungen überlebt. Das erste Eis in Indien.

In Hampi haben wir letzte Woche den selbstgefälligen Amerikaner Lloyd kennengelernt, der uns von seinen sensationellen Erfolgen auf dem Aktienmarkt erzählte. Er wäre sehr reich, meinte der korpulente, kumpelhafte Typ mit der Wollmütze auf dem Kopf. Als Beweis spendierte er uns allen einen teuren Drink – am Ende ging er dann doch ohne zu bezahlen, sodass wir das übernehmen mussten. Zwei Tage später waren wir in Hospet unterwegs, um ein Stativ für meinen Camcorder zu kaufen. Und plötzlich stand er wieder vor uns, mit seinem rundlichen, breit grinsenden Gesicht und in Begleitung von Nilesh. Das erste, was ich zu Lloyd sagte, war „Hey, du musst noch unsere Drinks bezahlen.“ Er zückte sofort sein mit Geldscheinen überquellendes Portmonee und gab uns, was er uns schuldete. Dann setzte er seine Erfolgsstorys vom Samstagabend fort, wie und wo er Unsummen investiert hätte und wie man in den USA schnell Geld verdient, ohne den Finger krumm zu machen. Wir wussten nicht, ob wir ihm glauben sollten, selbst dann nicht als Lloyd einem Bettler tausend Rupien schenkte oder als er Nilesh innerhalb von zwanzig Sekunden eine neue Sonnenbrille kaufte. Lloyd erwähnte nebenbei, dass er auch Filmproduzent wäre. „Ahh, das trifft sich. Du hast nicht zufällig ne Million für eine Dokumentation über eine indische Don-Bosco-Einrichtung übrig?“, fragten wir. „Einen Camcorder haben wir schon, aber kein Stativ.“ – „Hey my friends, no problem, ein Stativ kann ich euch geben.“, sagte er.
Später, als Lloyd mit seinem Motorrad nach Hampi gedüst war, sagte uns Nilesh, dass er Lloyds Geschichten glauben würde. Er versicherte uns, dass er einen Blick in seinen Koffer werfen konnte und dass dieser randvoll mit Bargeld sei, sogar Gold würde der Aktien-Ami durch Indien tragen. Und dann zeigte uns Nilesh eine Kopie irgendeines wichtigen Versicherungspapiers, wahrscheinlich das seiner Lebensversicherung. Nilesh deutete auf eine fettgedruckte Summe von 7 500 000 000 US-Dollar. Ein milliardenschwerer Amerikaner mit Bommelmütze in Hospet? Egal, das Stativ haben wir jedenfalls bekommen!

Am Freitag kam uns die BREADS-Sekretärin Raji aus Bangalore besuchen, angeblich mit zwei Australierinnen im Gepäck. Wie sich aber am Bahnhof schnell herausstellte, kamen die beiden Projektreisenden nicht aus Australien, sondern aus Österreich. So konnten wir mal wieder Deutsch reden und unserem Besuch das Projekt vorstellen. Später hatten wir dann noch ein Evaluationsgespräch mit Raji, bei dem wir ihr unser Herz ausschütten konnten.

Und dann war schon wieder Sonntag, Ruhetag und die Kids hatten TV-Time. Da wir uns nur ungern eine Überdosis Bollywoodfilme verabreichen wollten, fragten wir, ob wir das neue Don-Bosco-Projekt bei den Minen besichtigen könnten. Der Bischof von Bellary hatte unseren Fathers vor einiger Zeit ein zweites Grundstück für ein weiteres Projekt geschenkt. Es liegt direkt neben den Abbaugebieten und befindet sich zurzeit noch im Aufbau, allerdings dauert es nicht mehr lange, bis es die ersten Kinder aufnehmen kann.
Bruder Vinod erklärte sich wieder bereit, uns zu begleiten und so warteten wir an der Jambunatha Road auf eine Rikscha. Sie kam auch irgendwann angetuckert und wir wollten gerade mit dem obligatorischen Feilschen beginnen, als wir den Fahrer wiedererkannten. Der von letzte Woche, der Typ, der unser Geld vor der Kirche abgelehnt hatte! Bruder Vinod beruhigte die Fronten. Dreiste 70 Rupien wollte er, wir stiegen trotzdem ein und fuhren auch eine Weile. Der Ort, an dem unser Rikschafahrer schließlich hielt, hätte man als Provokation auffassen können. Die lebensfeindliche Steppe ließ kein Don-Bosco-Projekt in unmittelbarer Nähe vermuten. Doch wir irrten, Vinod zeigte uns einen grasbewachsenen Hügel, der von einer Mauer umschlossen war. Hier ist es. Dem Rikschafahrer wollten wir die siebzig Rupien geben, doch er konnte unseren Hundert-Rupien-Schein nicht wechseln. Wir verzichteten auf das Wechselgeld und machten ihm darüber hinaus ein Friedensangebot. Er war einverstanden, wir schüttelten die Hände und er verriet uns seinen Namen. Dann fuhr er zurück nach Hospet. Vinod führte uns durch ein Tor und wir liefen zu einem neugebauten Haus, dem „Snehalaya“. Der Innenraum des Gebäudes sah genauso kahl aus, wie die Vegetation draußen. Das Büro und der Saal standen leer und die Duschen und die Toiletten waren noch ungewöhnlich sauber, unbenutzt eben. So richtig konnten wir es uns noch nicht vorstellen, dass hier in Kürze Leben einkehren würde. Auf jeden Fall wird es noch viel Zeit, Mühe und Arbeit kosten, bis auch dieses Projekt als eine Oase bezeichnet werden kann.

Liebe Grüße heute mal aus Bangalore, da sind wir nämlich gerade.
Euer Benedikt

Sonntag, 18. November 2007

Silvester im November

Hospet, der 18.11.2007

Diwali - Fest des Lichtes

Frohes Neues,

ihr wundert euch sicher, was das soll, aber ich habe hier vergangene Woche quasi Silvester gefeiert – das wirkt nach. Die Inder sind nur am Feiern, soviel steht schon mal fest. Ständig gibt es irgendeinen (fadenscheinigen?) Anlass, ein Fest jagt das Nächste. Letzte Woche war nämlich Diwali, das Fest des Lichtes. Die Hindus feiern an diesem Neumondabend im November die Erneuerung des Lebens. An diesem Tag werden alte Lampen weggeworfen und neue gekauft und angezündet. Die Öllämpchen sollen den umherirrenden toten Seelen den Weg ins Land der Seligkeit weisen, nachdem die Verstorbenen an diesem Abend ihre alten Häuser aufsuchen. Um die Geister nicht im Dunkeln tappen zu lassen, halfen wir mit, die kleinen Lampen mit Dochten zu versehen und sie mit Petroleum zu füllen. Auf dem Boden des Makkalla Mane war mit Kreide der Umriss der Indienkarte gezeichnet worden, das Landesinnere war mit gelben Blüten ausgefüllt. Auf die Grenze stellten wir dann die Lämpchen, ebenso auf Fenstersimse und Treppenstufen. Dann warteten wir mit den Kindern auf die Dämmerung. Gegen sieben Uhr war es dann endlich soweit. Die Öllämpchen wurden entzündet und die Lichter bildeten Ketten, ganze Wege. Im „Haus der Kinder“ saßen alle um die leuchtende Indienkarte herum und schauten wie gebannt auf die flackernden Flammen. Die Brüder brachen die Stille mit einem Lied, Cyril sang, Vinod spielte auf einer Handorgel und Thomas trommelte. Es wurde gebetet und gesungen. Danach entzündete Father Joy einen ölgefüllten Kelch und Bruder Johnson hielt eine feurige Predigt, von der wir wieder nichts verstanden.
Nach den eher schlichten und andachtsvollen Feierlichkeiten begann der spektakuläre Teil des Abends. Es hieß, wir sollten zum Basketballplatz gehen, dort würde eine Überraschung auf uns warten. Also stellten wir uns dort mit den Kindern und den Hostel Boys im Kreis auf und jeder bekam eine Wunderkerze und einen Knallfrosch in die Hand gedrückt. Dann ging Father Joy in die Mitte des Kreises und zündete seine armlange Wunderkerze an. Die gleißend helle Magnesiumflamme gab er weiter, bis der ganze Kreis funkelte und blitzte. Dann trat Bruder Johnson in die Mitte und stellte ein kleines Hütchen auf den Boden, das er auch entzündete. Eine Zündschnurlänge später schoss eine riesige Feuerfontäne in den Himmel, die Kinder schrieen und klatschten, staunten und lachten. Johnson tanzte wie Rumpelstilzchen um seinen Lichtgeysir und sprach irgendwelche Beschwörungsformeln. (Wir übersetzten seine lallenden Worte mit: „Ach wie gut das niemand weiß, dass ich Rumpeljohnson heiß.“) Er wollte sicher die Stimmung anheizen, aber diese befand sich schon längst auf dem Maximalwert. Wir tanzten ausgelassen, machten hunderte (!) Fotos und erschraken bei jedem Knallfrosch, während das funkelnde Feuerwerk den Platz und die Gemüter der vor Freude kreischenden Kinder erhellte. Nach dem Spektakel hing eine dicke, weiße Rauchwolke über dem wieder dunklen Basketballplatz. Bettruhe war nun angesagt. Nicht aber für die tausenden Inder auf Hospets Straßen, die es ebenso knallen ließen, Raketen in den Himmel schossen und vor ihren Hütten Poker spielten – bis die Sonne aufging.

Silvester war vorbei, sechs Tage später gab es – wen wundert’s noch – wieder was zu feiern. Children’s Day, der Tag der Kinder. Da man selbst für indische Maßstäbe nicht jeden Geburtstag von allen hundertfünfzig Kindern feiern kann, hat man sich entschlossen, es nur an einem Tag im Jahr – dann aber richtig knallen zu lassen. Und dieser Tag stand unmittelbar vor der Tür. Das Makkalla Mane wurde aufwändig geschmückt, Kreidemuster auf den Vorplatz gemalt und Bilder aufgehängt. Es wurde sich in der Vorbereitung sehr viel Mühe gegeben, schließlich wurden mehrere hundert Kinder erwartet, sieben andere Schulen aus Hospet waren eingeladen.
Der große Tag selbst begann mit einer Demonstration. Nachdem sich jedes der sechshundert Kinder nach unseren Namen, unserem Heimatland und unserem Wohlbefinden erkundigt hatte, bekamen wir alle ein neonfarbenes Schild in die Hand, auf dem „Stoppt die Kinderarbeit!“, „Schickt uns Kinder in die Schule!“ und „Jedes Kind braucht Bildung!“ auf Kannada zu lesen war – natürlich nicht für uns. Die Slogans wurden uns übersetzt. Dann zogen wir in Zweierreihen durch die indischen Straßen und Martin und ich versuchten, die Schlachtrufe möglichst genau nachzuschreien. Nach der Demo startete das große Bühnenprogramm, welches aus einem Gesangswettbewerb zwischen den Schulen bestand. Auch die Gruppentänze und die Reden mancher Schüler wurden von einer Jury bewertet. Das Programm dauerte zweimal drei Stunden und die Kinder bewiesen eine unglaublich große Ausdauer. Zwischendurch gab es eine kurze Mittagspause, in der jedes Kind einen Plastikbeutel mit gekochtem Reis und vier Butterkekse bekam. Nach der zweiten dreistündigen Wettbewerbsphase stand der Sieger endlich fest: Unser Don Bosco Projekt hatte gewonnen. Die Kinder freuten sich über den Sieg und wir freuten uns noch mehr über das Ende der Veranstaltung.

Letzten Montag haben wir unseren Thailand-Flug gebucht. Da wir nicht mehr als 180 Tage am Stück in Indien bleiben dürfen, müssen wir ausreisen, um unser Visum zu verlängern. Andernfalls verbringen wir die restliche Zeit unseres Lebens im Gefängnis. Wir hätten noch die Möglichkeit, der indischen Regierung eine Sonderaufenthaltsgenehmigung abzuringen, aber die Chancen gehen gegen Null, dass die unser Schreiben überhaupt lesen, geschweige denn beantworten. So haben wir uns für Thailand entschieden und verbinden die erforderliche Ausreise mit einem Backpacker-Urlaub im Land des Lächelns. Am 15. Februar 2008 werden wir Indien für drei Wochen verlassen und nach Bangkok fliegen. Doch bevor wir diesen Flug im Reisebüro in Hospet buchen konnten, mussten wir das Bargeld besorgen. Der Kauz vom Reisebüro hatte gemeint, wir müssten bei der Andhra Bank zehn Minuten warten. Aus zehn Minuten wurden schließlich anderthalb Stunden, da der zuständige Bankangestellte die beiden Visaformulare unter einer dreißigzentimeterdicken Papierschicht auf seinem Schreibtisch vermutete. Als dann selbst die komplette Schrankwand vergebens durchwühlt worden war, nahm der Mann ein weißes Blatt Papier zur Hand, riss es in der Mitte durch und schrieb unsere Namen, unsere Visa-Nummern und den Geldbetrag auf die beiden Hälften. Doch unsere aufkeimende Freude, gleich die Scheine ausgezahlt zu bekommen, wurde sofort wieder zerstört. Der Kollege, der den einzigen Zugang zum Tresor hat, war gerade beim Mittagessen. Nach weiteren zwanzig Minuten war er zurück und jeder von uns beiden bekam endlich seine 18.000 Rupien ausgezahlt (320 Euro). Neben uns am Schalter stand ein weiterer Bankkunde, der fassungslos zuschaute, wie unvorstellbare 36.000 Rupien über den Tisch wanderten. Auch die eine alte Oma im grünen Sari, die sich hinter uns auf einer Sitzgruppe niedergelassen hatte, hielt uns sicher für eine Halluzination. Es war nur peinlich. Wir ließen die beiden Geldbündel schnell in unseren Hosentaschen verschwinden und verließen die Bank. Auf dem Weg zurück zum Reisebüro hätten wir gerne Personenschutz gehabt, schließlich befand sich das doppelte Jahreseinkommen eines indischen Lehrers in unseren verdächtig ausbeulenden Taschen. Doch wir hatten wieder einmal Glück und wurden nicht Opfer eines Raubüberfalls.
Irgendwie fühlen wir uns aber auch sehr sicher auf den Straßen von Hospet. Jeder gläubige Hindu besitzt ja sein Karma, das alle gute und schlechten Taten erfasst und nach dem Tod darüber entscheidet, als was er im nächsten Leben wiedergeboren wird. Die einzigen Inder, die wir als kriminell bezeichnen würden, sind die Rikschafahrer. Die versuchen uns wirklich das Geld aus der Tasche zu ziehen. Martin ist sich sicher: „Die Rikschafahrer werden doch alle als Mehlwurm wiedergeboren.“

Neulich hat mir ein Schmuckverkäufer in Hampi gesagt, dass ich angeblich eine Menge gutes Karma angesammelt hätte. Und wenn ich seinen Klunkerring für 160 Rupien kaufen würde, sagte er, werde ich garantiert als reicher Manager, vielleicht sogar als Politiker wiedergeboren.

Klingt verlockend, aber mein jetziges und - so glaube ich - einziges Leben gefällt mir besser.
Es grüßt euch alle wieder ganz herzlich,
euer Benedikt

P.S. Die kalte und trockene Festlandsluft vom Himalaya lässt uns morgens und abends ziemlich frieren. Bei 10 Grad muss ich dann schon mal eine lange Hose anziehen und die Kinder tragen sogar Mützen und Schals. Aber gegen Mittag haben wir dann wieder 25 °C … und das im November! :-)

Mittwoch, 7. November 2007

Volksfest in der Tempelstadt

Hospet, der 07.11.2007

Hampi at night

Ein herzliches Hallo an euch!

Nach dem sehr beliebten Besenabschlagen-Spiel mit den Kindern erfuhren wir letzten Donnerstag beim Kaffeetrinken, dass in zwanzig Minuten die Allerseelenfeier auf dem Friedhof stattfinden würde, zu der wir natürlich auch eingeladen waren. Schnell zogen wir uns entsprechend um und nahmen eine Rikscha zu einer unscheinbaren Gasse. Schnell ließen wir die viel befahrene Hauptstraße hinter uns, folgten einer verheißungsvollen Abwasserrinne und standen plötzlich auf einem Hinterhof. Das quadratische Grundstück war von einer weißen Mauer, Slumhütten und Palmen umgeben. Etwa hundert buntgekleidete Menschen hatten sich auf dem katholischen Friedhof versammelt. Ganze Großfamilien standen oder saßen an den Gräbern ihrer Verstorbenen und beteten. Manche zündeten weißqualmende Räucherduftkerzen an oder schmückten die Gräber mit Blumenkränzen. Bei den Grabsteinen konnte ich große finanzielle Unterschiede erkennen. Es gab teure mit Steinkreuz und billige aus zwei Holzbrettern. Oft waren die aufgeschütteten, länglichen Erdhügel mit einer Art Calcium-Zement versiegelt, weil das wahrscheinlich preiswerter ist als ein Sockel aus Stein. Die beiden Fathers aus unserem Projekt, Varghese und Joy, beteten mit dem Gemeindepfarrer von Hospet den Rosenkranz vor und die hundert Inder stimmten in das Gebet ein. Nach einer anschließenden Litanei, die immer aus denselben kannadischen Worten bestand, begann die eigentliche Messfeier unter freiem Himmel. Als der Schlusssegen gesprochen war, gingen die Leute wieder zu ihren Gräbern. Die Hostel Boys aus unserem Projekt standen um zwei namenlose Kindergräber herum, deren Zementdecke nur halb so groß war. Ich stellte mich hinzu und latschte bedauerlicherweise auf ein drittes Kindergrab, auf ein älteres über das schon Gras gewachsen war. Gras wächst hier auch schnell über eine Sache, von Amal Gratsh redet keiner mehr, dachte ich. Dann kam Father Varghese in unsere Richtung, der gerade mit einer Flasche Weihwasser die Gemeindemitglieder segnete, allerdings ohne Wasser zu verspritzen. Dann lief auf einmal ein kleines Kind zu ihm und sagte, dass er die Flasche doch vorher öffnen müsse… Varghese folgte etwas verlegen dem Ratschlag des Jungen und wir mussten uns mit den Brüdern ein Lachen verkneifen.

In Hampi herrschte in den letzten Tagen der Ausnahmezustand. Es wurde gefeiert, ein riesiger Hokuspokus aus Licht, Musik, Kostümen und bunten Farben – nur einen richtigen Anlass schien es irgendwie nicht zu geben. Jedenfalls hatte die Regierung von Karnataka dieses Volksfest finanziert und überall waren die rot-gelben Flaggen vom Bundesstaat zu sehen. Es gab Bühnenprogramme, politische Reden, Aufmärsche, Paraden und Umzüge. Überall präsentierten sich aufwändig verkleidete Inder als Fakire, als säbelbewaffnete Krieger, als Maharadschas, Könige, Götter und Teufel. Musiker spielten auf Trommeln, Flöten und Trompeten, geschminkte Tempelelefanten bahnten sich ihren Weg durch die bunte Menschenmasse. Auch zahlreiche Verkäufer (noch mehr als es ohnehin schon sind!) hatte das Fest angelockt. Neben Essen und sämtlichen Leckereien konnte man auch wirklich alles (!) kaufen, was schrille Töne von sich gab, kitschig-bunt aussah und wenig wert war. Selbst den Kindern wurden mit dicken Luftballons, lauten Tröten und neonfarbenen Windrädern die einzigen Rupien aus der Tasche gezogen. Martin überlegte ernsthaft sich mitten auf der Straße ein Tattoo stechen zu lassen. Da es aber nur 25 Rupien (halber Euro) kostete, nur zwei Minuten dauern würde und der Schmerz vergleichbar mit Ameisensäure auf der Haut sei, willigte er ein. Er entschied sich für eine Sonne mit dem uralten Sanskrit-Wort für „Heimat“ auf dem Schulterblatt. Dann legte die heiße (hoffentlich desinfizierte) Nadel los und brannte das Motiv in die weiße Haut. Ich machte Fotos und zählte die gaffenden Inder. Ungefähr vierzig waren es, die voller Interesse auf Martins nackten Rücken starrten.
Gegen Mitternacht gingen wir zum Haus unseres befreundeten Massagemanns Nilesh, der für uns ein Nachtquartier - bestehend aus einer Matratze und einem Moskitonetz - bereitgestellt hatte. Am nächsten Morgen weckte uns sein dreijähriger Sohn Ganesh, und Nilesh begrüßte uns kurze Zeit später mit einer Tasse Tee. Danach nahmen wir wieder eine Rikscha zurück ins Projekt.
Zwei Tage später ging es erneut nach Hampi, diesmal aber mit der ganzen Besatzung. Die Hostel Boys hatten Exkursionstag und wir durften auch mit. Und so kam es, dass wir mit fünfzig Jungen, sechs Brüdern, zwei Nonnen und Father Joy in den Bus nach Hampi stiegen. Die Fahrt war lustig (holprig natürlich) und ich hatte sogar einen Sitzplatz. Am Parkplatz der Tempelstadt angekommen, teilten wir uns wieder in kleinere Gruppen auf. Wir erkundeten mit Father Joy das Gelände. Er war erst ein einziges Mal und vor langer Zeit in Hampi gewesen und so zeigten wir ihm die schönsten Orte, auch das einsame und ruhige Flussufer des Tungabadhra. Langsam legte sich die Dämmerung über uns und wir kehrten zurück in die feiernde Lichterstadt und warteten dort auf die Brüder. Wir hatten uns am Haupttempel verabredetet und sie alle ins Mango Tree Restaurant eingeladen. Der Fußmarsch zur Gaststätte war wieder ein Abenteuer, denn wir mussten einen unbeleuchteten Weg durch eine Bananenplantage einschlagen. Wir aßen Tomatensuppe, gefüllte Parota und Chabathi und tranken Cola, Mango Lassis und Bananen-Milchshakes und genossen die nicht vorhandene Aussicht auf den Tungabadhra, es war einfach zu dunkel – aber egal. Father Joy überredeten wir dann noch, die sechsmeterlange Schaukel zu testen, die an einem hohen Ast im Mangobaum befestigt war. Wir gaben ordentlich Schwung!
Als wir wieder auf dem Rückweg zum Parkplatz waren, überraschte uns noch das angekündigte Höhenfeuerwerk. Angeblich kostete der Regierung nur eine Rakete 20.000 Rupien (360 Euro). Als die Unsumme in den Nachthimmel gefeuert war, strömten tausende Inder in Richtung … Parkplatz!
Ich kann mir es nun lebhaft vorstellen, dass in Indien eine Milliarde Menschen wohnen und ich bezeichne es als Wunder, dass alle Hostel Boys, jeder Bruder und jede verirrte Nonne pünktlich am vereinbarten Treffpunkt war. Der Bus nach Hospet war - wie zu erwarten war - gnadenlos überfüllt. Wir quetschten uns mit hundertvierzig, vielleicht sogar hundertfünfzig Indern in einen Bus. (Ich zu Martin: „In Deutschland wären wir jetzt bei Wetten dass…“) Der Fahrschein kostete zehn Rupien und das Geld wurde auch noch im Bus abkassiert. Ein dürrer Mann zwängte sich durch die nahezu kompakte Masse aus Armen, Bäuchen und Beinen und sammelte die vergilbten Scheine ein. Während der Fahrt kam es noch direkt neben meinem rechten Ohr zu einem Streit zwischen zwei indischen Männern. Ich weiß nicht, was der Grund war, jedenfalls signalisierten beide eine große Lust sich zu prügeln. Ich fühlte mich wie der Korken in einer Sektflasche, kurz vor dem Knall. Den wollte ich echt vermeiden und so versuchte ich mit dem einzig passenden Wort, welches mein kläglicher Kannada-Wortschatz in dem Moment rausrückte, den Streit zu schlichten: „Shanti“, was Frieden bedeutete. Andere Inder halfen mit und drückten die beiden Streithähne auseinander. Schweißnass und glücklich kamen Martin und ich in Hospet an, wir besaßen noch alle Gliedmaßen und hatten auch keine Gehirnerschütterung. Gegen Mitternacht waren wir wieder alle vollständig im Projekt und fielen müde in unsere Betten.

Das war wieder Indien von seiner schönsten Seite.
Es grüßt euch der Benedikt unter einer gefühlten Milliarde Menschen.

P.S. Von Father Joy haben wir ein Buch zum Kannadalernen bekommen. Dort stehen die nützlichsten Beispielsätze drin, die man sich vorstellen kann. Einen kann ich schon auswendig und jeder fremde Inder bekommt ihn von mir zu hören: „Hebberallu toru beraligintha cullu, adare adakkintha dappa.“ Frei ins Deutsche übersetzt heißt der Satz: „Der Daumen ist kürzer als der Zeigefinger, dafür aber dicker.“