Dienstag, 9. Oktober 2007

Mein 19. Geburtstag

Hospet, der 09.10.2007

Hallo an euch alle.
Ein großes Danyavada für die vielen Glück- und Segenswünsche zu meinem 19. Geburtstag. Ich habe mich sehr über die ganzen E-Mails, Telefonanrufe, Kurznachrichten, Pinnwandnotizen und über die gesungene Videobotschaft gefreut.

Wie habe ich meinen Geburtstag in Indien gefeiert? Sagen wir, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich bin aufgewacht und mein rechtes Auge war rot und verengt. Die Bindenhautentzündung geistert hier schon eine Weile im Projekt herum und mittlerweile sind über dreißig Kinder und zwei Lehrerinnen infiziert. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch mich die Epidemie befallen würde. Und dann habe ich es doch tatsächlich geschafft, mir in diesem warmen Land eine Erkältung einzufangen. Auf der abendlichen Rikschafahrt von Hampi zurück ins Projekt hat mir der kühle Nachtwind ganz schön zugesetzt und nun huste ich auch noch rum. Martin war am Sonntagmorgen der erste Gratulant und von ihm bekam ich eine Umhängetasche und ein Nutellaglas geschenkt. Beides hatte er am Tag zuvor in Hampi gekauft. Die Schokocreme war wahnsinnig gut und selbst die Namen der Inhaltsstoffe lasen wir in deutscher Sprache auf dem Etikett.
Nach dem Frühstück gingen wir ins Makkalla Mane, wo etwa zweihundert Kinder und Jugendliche auf mich warteten. Father Varghese hielt eine feierliche Rede, von der ich nur die Hälfte verstand. Ich sollte nach vorne kommen, mich auf einen Stuhl setzen und den quadratischen Geburtstagskuchen anschneiden. Währenddessen sangen sich die Kinder die Kehle aus dem Leib, stimmten englische und kannadische Geburtstagsverse an und applaudierten als hätte ich ihnen soeben einen hausaufgabenfreien Monat versprochen. Die Torte, auf der mit violetter Zuckerschrift „Happy Birthday Benedikt“ geschrieben stand, war süß, richtig süß und sie schmeckte hervorragend. Meine einzige Sorge war nur: Wie sollte die Torte für zweihundert hungrige Mäuler reichen? Ich war am Freitag bei Genussmensch Brother Johnson gewesen, der uns schon so manchen außergewöhnlichen Wunsch erfüllt hatte. „Brother“ hatte ich gesagt, „wir brauchen am Sonntag Kuchen für zweihundert Leute und am Montag ein richtig gutes Abendessen!“ Er hatte sofort seinen Kugelschreiber gezückt und mit leuchtenden Augen geantwortet: „No problem.“ Jedenfalls hatte er mir einen Kuchenberg versprochen und so liebevoll das Häufchen Sahne und Zucker vor mir auch zubereitet war, die Menge entsprach nicht mal einem Hügel. Wie sich aber wenige Augenblicke später herausstellte, standen drei weitere Pappkartons voller Kuchen bereit und den verteilte ich dann an die schier endlose Schlange an Kindern. Die Jungen und Mädchen gaben mir alle die Hand, freuten sich innig über ihr Stück, aßen und schmatzten und wollten ihr Stück unbedingt mit uns teilen. In der Luft lag eine ausgelassene Stimmung und die Begeisterung der Kinder war genauso ansteckend wie deren Augenkrankheit.
Nach der Sonntagabendmesse lud ich Martin und Bruder Vinod auf eine Pizza in das nobelste Restaurant der Stadt ein. Das „Temptations“ war allerdings so nobel, dass es gar keine Pizza im erlesenen Angebot hatte. Wir aßen zarte Hühnchenstücke und erlagen der Versuchung eiskaltes Kingfisher-Bier zu trinken. Unser indischer Freund erzählte uns, dass er sonst nur an Weihnachten Alkohol trinken würde. Wir waren die einzigen Besucher in dieser so ungewöhnlich sauberen Hotelgaststätte und wir hielten es dort auch nicht lange aus. Wir würgten die pikanten Hühnchenfilets herunter und verließen den Vier-Sterne-Marmorpalast, ohne dem farbenfrohen Wasserspiel am Ausgang weitere Beachtung zu schenken. Wir öffneten die Tür und standen wieder in der gewohnten, stinkenden Gosse von Hospet.
Den nächsten Tag verbrachte ich vorrangig im Zimmer. Beide Augen waren nun entzündet, zusätzlich plagten mich leichtes Fieber, Kopfschmerzen, Schnupfen und Husten. Ich wollte mich unbedingt schnell auskurieren, um am Abend wieder fit zu sein. Denn wie ich von mehreren Kindern erfahren hatte, würde mich da die eigentliche Geburtstagsfete erwarten. Und so ging ich am Montagabend, gegen 7.45 Uhr gesundheitlich noch etwas angeschlagen und in völliger Unwissenheit ins Makkalla Mane, wo die Kinder und die älteren Jungen auf dem Boden saßen und warteten. Shanta, eine junge Lehrerin, stand am Mikrofon und rief mich auf nach vorne zu treten. Während ich mir meinen Weg durch die Kinder bahnte, drückte Brother Vinod auf die Play-Taste seines CD-Spielers und eine pathetische Hymne untermalte meinen Gang. Es war mir fast unangenehm, soviel Anerkennung und Beifall zu bekommen, nur weil ich Geburtstag hatte. Ich kam mir vor, als würde ich gerade den Oscar in der Kategorie „Bester Selbstdarsteller“ verliehen bekommen. An der Tafel leuchteten mir die mit bunter Kreide geschriebenen Worte „Happy Birthday“ entgegen. Father Varghese hielt eine weitere herzliche Rede und bemühte sich um ein für mich verständliches Englisch. Ich sei nun weit, weit weg von Zuhause und von meiner Familie, sagte er, und ich würde nun den wohl außergewöhnlichsten Geburtstag meines Lebens feiern, den ich in guter Erinnerung behalten werde. Wie Recht er hatte. Das nun folgende Programm übertraf jegliche Erwartungen: Vier Jungen eröffneten die Gala mit einem vierstimmigen Segenslied, danach folgte ein Gruppentanz von mehreren bunt kostümierten Kindern, dann wurde ein Sketch gespielt, der Martin und mich beim Unterrichten zeigte. Nachdem die älteren Jungen ihre akrobatischen und tänzerischen Darbietungen beendet hatten, war mein großer Auftritt gekommen, von dem ich nichts wusste. Ich sollte die fernsehtaugliche Unterhaltungsshow mit einer spontanen Rede krönen und Bruder Toni übersetzte mein Englisch ins Kannadische. Ich weiß nicht mehr, was ich geistreiches von mir gegeben habe, Father Varghese kommentierte meine salbungsvollen Worte jedenfalls mit „kurz und süß“. Als das Programm zu Ende war, gab es Bonbons für jeden, die Martin und ich verteilten. Zehn Minuten später erwartete uns die nächste Überraschung: Das bestellte Abendessen im Kreise der Salesianer. Es gab Huhn, Reis, Salat, Soße, Zwiebeln, Äpfel, Bananen, Chips, Erdnüsse in Karamell und Apfelsaft. Das Festessen war ausgezeichnet und wir aßen bis wir zu platzen drohten…

Das waren hier wirklich zwei seltsame und schöne Tage, in denen ich völlig unverdient zu sehr viel Aufmerksamkeit gekommen bin. Es war ein wirklich ausgesprochen außergewöhnlicher Geburtstag und ich danke den ganzen Kindern und den Salesianern hier, die sich so für mich ins Zeug gelegt haben. Es wäre wirklich nicht nötig gewesen, aber das scheint hier so üblich zu sein … Feiern in dieser Größenordnung.

Euer Benedikt

P.S. Die visuelle Ausgabe dieses Eintrags gibt es auf
http://www.youtube.com/watch?v=HMKnVQ9Ec8s zu sehen. Schaut mal rein und erlebt die Freude der Kinder in Bild und Ton!


P.P.S. Zu unserem moskitofressenden Zimmergecko hat sich nun ein weiteres Haustier dazugesellt. Von Bruder Toni haben wir ein kleines, fiependes Babystreifenhörnchen bekommen, das aus dem Nest gefallen war. Nun füttern wir Jacqueline mit lauwarmer Kuhmilch und Bananenstückchen und lassen das Tier auf unserer Schulter herumturnen.

Keine Kommentare: