Hospet, der 02.10.2007
Viele liebe Grüße aus der mir gar nicht mehr so fremden Parallelwelt Indien!
Das ist jetzt Eintrag Nummer ähh.. sechs (?!) und mir ist aufgefallen, dass ich noch gar nicht meinen Tagesablauf hier im Projekt beschrieben habe. Das hole ich hiermit nach.
ALSO… Mein Tag beginnt um 7 Uhr mit dem lebensbejahenden Klingelton von Martins Handy, manchmal weckt uns aber auch die Schulglocke. Dann folgt das Duschen mit dem Eimer. Wir wissen jetzt auch, wie das effektiv geht: Man entleert den Wassereimer einfach über dem Kopf und überflutet das ganze Bad. Die Entscheidung zwischen Warm- oder Kaltwasser wird einem abgenommen. Mittlerweile kann ich beim Duschen die Außentemperatur vorhersagen. Um 7.30 Uhr starten die Kinder mit der Morgenarbeit: Fegen, Umgraben und Unkraut jäten. Um 8.00 Uhr trinke ich Frühstück. Die erwähnten braunen Dinosauriereier gibt es nämlich auch im flüssigen Aggregatzustand. Ich mochte es kaum glauben, aber mit Milch und Zucker ist dieses warme Ragi-Getränk einfach köstlich und ich trinke das jeden Morgen. Nach dem Frühstück spielen Martin und ich Lehrplankommission, indem wir die Unterrichtsinhalte des Tages festlegen. Um 9.30 Uhr stehen wir stramm zur indischen Nationalhymne. Anschließend gehen wir mit der vierten Klasse zurück in die Schule und suchen einen leeren Klassenraum, meistens auch Kreide, Schwamm und die Hausaufgaben einiger Kinder. Nach den 45 Minuten Englischunterricht haben wir Freizeit bis 12.15 Uhr. Manchmal nehmen wir eine Rikscha und lassen uns in die Stadt fahren, um Kleinigkeiten zu besorgen. Nach der Englischstunde für die 3. Klasse essen wir Mittag um ein Uhr. Was essen wir? Natürlich Reis. Ist der eigene Teller aufgewaschen, haben wir wieder Freizeit, können ein Mittagsschläfchen halten oder Rundmails schreiben (wie jetzt gerade). Um 15 Uhr startet unser halbstündiges Kreativangebot, dass aus Singen oder Zeichnen besteht. Ist die letzte Strophe gesungen und das letzte Tier gemalt, beginnt die Nachmittagsarbeit. Meistens schnitze ich mit den Kindern Besenborsten aus Palmenzweigen, indem wir mit einem Stück Metallmaßband die Blattachse heraustrennen. Um 16.15 Uhr können wir uns bei Kaffee und Keksen für das herannahende Fußballspiel stärken. Anpfiff ist um halb fünf Uhr. Beim Spielen muss man auf zwei wesentliche Dinge achten: Erstens sollte man keines der hundertfünfzig Kinder umrennen und zweitens sollte man nicht über einen frischen Kuhfladen laufen. Die Fußballwiese ist nämlich auch Weidefläche und laufend übersät mit den Sakralbauten der Rinder. Dementsprechend bietet sich eine Dusche nach dem Spiel an. Von 18 bis 20 Uhr haben die Kinder ihre TV-Time. Alle Bollywoodfilme und sämtliche indische Fernsehsendungen kennen eigentlich nur zwei Themen: Liebe und Gewalt. Hektische Kamerafahrten um Liebespaare, dazwischen berauschende Tänze und schnulziger Gesang, ebenso Kunstblut und einfach choreographierte, brutale Kampfszenen. Wir haben die Brothers gefragt, warum sie den Kindern diese blutigen Metzeleien zeigen. „Das ist Indien, das ist Film“, war die Antwort. Um 20 Uhr gibt es Abendbrot, also Reis, Soße, Chabati und Babybananen. Haben wir aufgegessen, geht es sofort mit der „Recreation Time“ im Makkalla Mane weiter. Mit dem Nachtgebet wird der Tag beendet. Die Kinder sitzen im Schneidersitz in Reihen auf dem Boden und ein Bruder hält die berühmte Gute-Nacht-Ansprache. Um 21.45 Uhr können auch wir ins Bett gehen, meistens wird es aber später.
Letzten Samstag waren wir wieder in unserer Lieblings-Tempelstadt und haben allerhand Freundschaften aufgefrischt, durch weitere Einkäufe. Da es zu regnen begann und wir ein Wellblechdach über dem Kopf brauchten, stellten wir uns in einem Textilgeschäft unter und kauften prompt zwei Bettvorleger. Doch es sollte nicht dabei bleiben. Es folgten eine muschelbestückte Umhängetasche, ein Elefant aus Stein, zwei Armreifen, ein Teelicht, eine Halskette, sieben Postkarten, eine angeblich fünfhundert Jahre alte Hampi-Münze (mit viel Fantasie kann man einen Pfau darauf erkennen) … und viele andere Dinge von unschätzbarem Wert. Wir feilschten, was das Zeug hielt und trieben die Verkäufer an die Grenzen ihrer finanziellen Existenz, zumindest vermittelten sie uns dieses Gefühl. Einkaufen in Indien ist immer eine schauspielerische Herausforderung. Wenn man etwas unbedingt haben will, muss man dem Verkäufer ein furchtbar großes Desinteresse vorgaukeln. Haben Geld und Ware den Besitzer gewechselt, hat die gegenseitige Heuchelei ein Ende.
Am Ufer des Tungabadhra lernten wir zwei junge Dokumentarfilmer kennen, die uns auf Englisch gefragt hatten, ob man den Fluss mit so einem Nussschalenboot bedenkenlos überqueren könne. Während des Gesprächs stellte sich heraus, dass wir uns mit zwei Münchnern unterhielten und so wechselten wir augenblicklich ins Deutsche. Die Filmemacher hatten ganz Indien bereist und in Kalkutta die bitterste Armut gesehen. Der eine musste aufgrund einer Virusinfektion in ein Krankenhaus und lag dort eine ganze Woche zwischen sterbenden Patienten mit den wohl schlimmsten Krankheiten. Die Ärzte musste er immer wieder ermahnen, die Kanülen zu desinfizieren und sich die Hände zu waschen. Der andere meinte weiter, dass es in Indien so unglaubliche Gegensätze zwischen Arm und Reich gäbe. Er hat auch ziemlich wohlhabende Inder kennengelernt, welche sich für etwas Besseres halten und welche die anderen Menschen gar als Affen bezeichnen... Ach ja, und Hospet sei eine noch verhältnismäßig saubere Stadt - im Gegensatz zum Norden Indiens!
„Oh, tatsächlich?“
Am Sonntag waren wir wieder mit Bruder Vinod in der „Holy Spirit Church“ in Hospet, der einzigen katholischen Kirche im Ort. Wir verharrten schweigend in den Bänken und beobachteten einen Messdiener, der verzweifelt versuchte, die Ventilatoren an der Decke zum Laufen zu kriegen. Erst als die Luft angenehm zirkulierte, läutete es zum Einzug. Der Gesang der etwa zwanzig Gemeindemitglieder war sehr kläglich, es gab keine Orgel und die englischen Lieder besaßen auch keine harmonische Melodie. Die Predigt in Hinglish (schwer verständliches Englisch aufgrund des fiesen Hindi-Akzents) war so langweilig, dass selbst Vinod bemüht war, nicht einzuschlafen. Wir mussten ihn mehrfach aus seinem Sekundenschlaf rütteln.
Wir haben endlich Schlangen gesehen! Mehrere Kinder kamen zu mir und schrieen „Snake, snake, going!“. Sie zogen an meiner Hand und führten mich zu einem Tümpel, wo tatsächlich in einiger Entfernung eine reglose Schlange im trüben Wasser trieb. Wir banden zwei Stöcke aneinander, holten das tote Tier aus dem Teich und machten Fotos.
Martin hat letztens auch ein lebendiges Exemplar gesehen. Er wollte einen Ball holen, der über eine Mauer geflogen war. Auf der anderen Seite sah er eine Schwarze Kobra, die sich durch das Gras schlängelte. Innerhalb von acht Minuten sei das Nervengift dieser Natter tödlich, hieß es. Deswegen hat er auch keine Fotos gemacht und den Ball liegen gelassen.
Am Sonntag Abend tanzten wir mit den Kindern im Makkalla Mane. Die Musik war schrill, die Stimmung ausgelassen und wild. Als wir uns mit hundertfünfzig begeisterten Kindern gerade den wildesten Tanzrhythmen hingaben, fiel plötzlich und einmal mehr der Strom aus. Die Musik verstummte schlagartig und das Licht ging aus. Die Kinder kreischten, denn wir sahen komplett Schwarz, alles war wieder stockduster. Martin zückte sein Feuerzeug und leuchtete mit einer einzigen Flamme die gesamte Halle aus, bis die altbewährte Ölfunzel geholt wurde. Bruder Vinod hielt es für angebracht, das Abendgebet vorzuziehen. Gerade saßen die Kinder mit gefalteten Händen auf dem Boden, da kam der Strom wieder und mit ihm auch das Licht und … die Musik. Die Kinder sprangen aus ihrer Gebetshaltung und tanzten weiter. Techno-Beat statt Evening Prayer…
Man muss nicht die Sprache der Kinder sprechen, um sie zu verstehen. Die Lebensfreude, die sie ausstrahlen, ist unbeschreiblich. Und ich frage mich jedes Mal aufs Neue, woher nehmen die nur ihre Fröhlichkeit?
Steckt in der Armut etwa ein ganz eigener Reichtum?
Paradox, aber interessant darüber nachzudenken.
Euer Benedikt
in Hospet / Bellary / Karnataka / India
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