Mittwoch, 24. Oktober 2007

Eisenerzminen

Hospet, der 24.10.2007
Eisenerzminen

Ein herzliches Namaskara aus dem Fernen Osten.

Letzten Donnerstag haben wir die berühmt berüchtigten Eisenerzminen um Hospet besichtigt, aus denen ein Großteil der Kinder kommt. Viele wurden von ihren Eltern dorthin zu Arbeit geschickt und sie alle erinnern sich nur ungern an diese Zeit. Wenn man die Kids auf diesen Ort anspricht, verschwindet das Lachen aus ihren Gesichtern. Zusammen mit einer Schülergruppe aus Bangalore, die für zwei Tage im Projekt zu Gast war, starteten wir unsere Exkursion in den späten Morgenstunden. Während des dreiviertelstündigen Fußmarsches unterhielten wir uns mit einer mitgereisten und sehr liberalen Lehrerin über das indische Kastensystem, über alte Traditionen und neue Werte. Und je mehr wir uns den Abbaugebieten näherten, desto rötlicher wurde die Erde, ein Indiz für den eisenhaltigen Boden hier. Die Sonne brannte vom Himmel, manche Mädchen nutzten Regeschirme als Schattenspender. Lange LKW-Kolonnen bretterten an uns vorüber, sodass der rote Staub auf den Landstraßen meterhoch aufwirbelte. Die Gegend wurde immer lebensfeindlicher, je weiter wir liefen: Steppe, rotbraune Erde, karge Sträucher, ein paar Gräser, das war’s. Die Lehrerin schlug vor, dass wir in kleinen Gruppen das weitläufige Terrain erkunden sollten. Mit Gruppe Vier erreichten wir nach einiger Zeit eine kleine Hütte, die aus Palmenblättern mitten in der Einöde errichtet war. Über dem Eingang war ein Schild angebracht, auf dem kannadische Hieroglyphen aufgemalt waren. In der so genannten Tent-School saßen etwa dreißig Jungen und Mädchen auf einer blauen Plane und staunten über den seltsamen Besuch. Doch die Willkommensfreude hielt sich in Grenzen. Auffallend war, dass diese Kinder nicht mal lächelten, sie schauten uns nur misstrauisch an. Die beiden Lehrerinnen, die ziemlich fertig aussahen, berichteten über das Minenprojekt und eine siebzehnjährige Schülerin übersetzte für uns. Wenn die Eltern auf die Arbeitskraft und den Lohn ihrer Kinder verzichten können, dann schicken sie sie in eine der vier Tent-Schools, die auch mit zum Don Bosco Projekt gehören. Dort lernen die Jungen und Mädchen von 10 bis 16 Uhr die Grundlagen, also lesen und schreiben. Der größere Anreiz für die Eltern ist jedoch, dass ihre Kinder dort kostenlos mit Essen versorgt werden. Teilweise werden auch Kleinkinder und Babys von arbeitenden Eltern in die Minenschulen geschickt, damit sie dort satt werden können. Was verdienen die arbeitenden Kinder, habe ich gefragt. Für einen Korb voller Eisenerzsteine, für den ein Kind etwa eine halbe Stunde braucht gibt es 9 Rupien, ungefähr 16 Cent. Eine ganze indische Arbeiterfamilie könne pro Tag ungefähr 400 Rupien verdienen.
Wir verließen die Hütte und standen wieder auf dem rotbraunen Minenfeld, das auch wortwörtlich wie ein Minenfeld aussah. Große, runde Löcher klafften im Boden. Wir gingen zu ein paar Arbeitern und wollten wissen, was deren Aufgabe ist und sie zeigten uns alles. Zuerst werden die Steine abgetragen, dann werden sie gesiebt. Die Brocken, die im Sieb hängen bleiben, werden mit einem Hammer aufgeklopft. Schimmert das Innere silbern, so kommen die Bruchstücke auf einen Haufen. Dieser Haufen wird dann zu Eisenerzpulver zermahlen, welches mit Schiffen nach China exportiert wird. Dort wird in Hochöfen das reine Eisen aus dem Gesteinspulver gewonnen. Die Arbeiter ließen uns auch mal Steine aufklopfen und schenkten uns ein paar der schimmernden Brocken. Dann sah ich zwischen den roten Steinen einen ganz besonders schönen, einen weißen Kristall. Ich wollte ihn auch gerne mitnehmen und so fragte ich einen Arbeiter. Leider fehlte mir in diesem Moment unsere junge Dolmetscherin. Der Mann sprach irgendwas auf Kannada, sicher „Nee, da ist kein Eisen drin…“ und schmiss den Kristall vor meinen entsetzten Augen im hohen Bogen in ein entferntes Gestrüpp.
Wir liefen weiter, vorbei auch an Kinderarbeitern, die in der prallen Sonne in ihren Löchern saßen und hämmerten oder siebten. Manche winkten uns auch zu, andere schauten nur reglos herüber, ich machte Bilder.
Es war mir richtig unangenehm Fotos zu schießen mit einer Kamera, die so viel wert war, wie 1400 Körbe voll mit handverlesenem Erzgestein, aber ich musste den Anblick unbedingt dokumentieren.

Als unsere Trinkflasche leer war und unsere Füße schmerzten, trafen wir auf Brother Vinod, der uns wieder ins vertraute Projekt führte, in die Oase, zu den lachenden Kindern...

Der Ausflug war schockierend und traurig, aber auch sehr wichtig. Wir kennen nun die Hintergründe, aus denen die Kinder zu uns kommen. Endlich beginnen wir die Freude der Kinder zu verstehen: Sie sind einfach froh, nicht länger in dieser staubigen Gluthitze arbeiten zu müssen. Schule und Hausaufgaben sind kein geringeres Übel, sie sind Privilegien, über die sie sehr glücklich sind.

Liebe Grüße an euch und an die vertraute Heimat.
Euer Benedikt

P.S. In Hampi haben wir den zwanzigjährigen Bertram aus Hamburg kennengelernt. Momentan übt er sich im Zeichnen von waagerechten Strichen, als Praktikant in einem Architekturbüro in Bangalore. Er kam uns am nächsten Tag auch im Projekt besuchen und wir stellten ihn allen hundertfünfzig Kindern vor. Er will Weihnachten mit uns feiern und über Silvester mit nach Goa kommen, wo wir die anderen deutschen Don Bosco Volontäre treffen.

P.P.S. Sudoku heißt der neue Hit. Das Spiel zu erklären, hat gedauert… Aber nun haben es alle begriffen und wir rätseln was das Zeug hält. Wenn von euch jemand Spiele, Rätsel oder englische Lieder kennt, die einfach zu spielen, zu lösen oder zu singen sind, die wenig Erklärungen brauchen und Spaß machen, dann schickt sie mir bitte per Mail. Ich würde mich echt freuen, die Kinder erst recht.

P.P.P.S. Weitere Meldungen der letzten Woche in Kurzfassung: Unser projekteigener Kuhhirte wurde vom Ochsen getreten … wir haben ein paar Kindern die Haare geschnitten … ich wurde für 2 Rupien von einem indischen Elefanten „gesegnet“, die Münze verschwand im Nasenloch des Rüssels und steckt womöglich immer noch dort drin…

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