Hospet, der 31.10.2007
Einen lieben Gruß aus Indien.
Wir wollten zwischen den beiden Unterrichtsstunden eigentlich nur eine Waschbürste und ein Stück Seife kaufen. Es war kurz nach elf Uhr, als uns ein wirklich schräger Vogel mitten in Hospet ansprach. Der junge Mann trug ein grünes, weites Hemd mit buntem Zackenmuster und eine für ihn viel zu große, hellrote Stoffhose. Der Hippie hatte strähniges, lockiges Haar und eingefallene Wangen, war hellhäutig und abgemagert. Er stellte sich uns als Jan Alexandrovich vor, gebürtiger Russe und zum fünften Mal in Indien. Der Typ meinte, er müsse dringend zu einer Apotheke um dort Medizin für seinen kranken Hund zu kaufen. Er wäre Tierarzt und wüsste genau, welche Arznei es sein muss. Doch als wir ihm erzählten, dass wir zu unserem Lieblingssaftladen gehen würden, beschloss er lieber mit uns zu kommen. So krank schien der Hund wohl doch nicht gewesen zu sein. Martin und ich bestellten zwei Bananen-Milchshakes und er einen Traubensaft. Er fragte uns, ob wir seinen Drink mit bezahlen können, er wäre momentan knapp bei Kasse. Martin wollte wissen, womit er denn sein Geld verdiene. Mit Stoffen, war die Antwort. Er kauft in Indien Stoffe ein und verkauft sie für teures Geld nach Europa und Amerika. Momentan sei der Absatz aber schlecht. Dann zeigte er uns seinen Talisman, der ihn von weiteren finanziellen Nöten beschützen sollte. Es war irgendeine namhafte, grüne Gottheit, die an seinem Hals baumelte. Wir kamen unweigerlich auf den Glauben zu sprechen. Er sagte uns, dass er jeder Religion angehöre, sein Kopf wäre frei für jeden Gott und er selbst wäre Jesus. Dieser verirrte Spiritualtourist hätte an Merkwürdigkeit nicht übertroffen werden können. Wir saugten hastig an den Strohhalmen unserer Milchshakes, um den garantiert unter Drogen stehenden Hippie so schnell wie möglich loszuwerden. Die nächste Geschichte, die er uns auftischte, war allerdings noch schräger und ausnahmsweise interessant.
Er sagte stolz, dass er sich in Hampi frisch verlobt habe, mit einer Deutschen. Wir wurden hellhörig. Und wie heißt sie? Andrea. Die Glückliche war uns bekannt. Wir hatten sie und ihre Freundin am letzten Samstag in Hampi kennengelernt. Die Mädels kamen aus München und waren auch Volontäre in einem Nonnenkonvent in Kautal, im Norden von Karnataka. Das ist ja ein Zufall, wir konnten es nicht glauben. Jan zeigte uns als Beweis seinen Verlobungsring am Finger. Es war einer dieser korrosionsunbeständigen 20-Rupien-Billigklunklerringe vom Hampi-Basar. „Aber soweit wir wissen, ist Andrea mit Bianca vorgestern abgereist, wann wirst du sie wieder sehen?“ - „Don’t ask me this, mate“ sagte Jan mit schwerer Stimme und zog an seinem Joint.
Wir bezahlten die Getränke und Jan schenkte uns als Dank eine Plastiktüte mit gelbem Popcorn. Für die Kinder, sagte er, da müssten hundertfünfzig drin sein…
Wir wollten den Typen so schnell wie möglich abschütteln, doch er blieb hartnäckig. Er wollte mit uns ins Projekt kommen und mit uns unterrichten. Schließlich sei er auch Englischprofessor und amerikanischer Staatsbürger. Am liebsten hätte er eine Festanstellung im Projekt, als Lohn würden ihm Essen und eine Unterkunft vollkommen ausreichen. Als er dann noch seine kopierten und sicher gefälschten Pässe und Visa auspackte und seine Glaubwürdigkeit damit zu unterstreichen versuchte, platzte uns der Kragen und wir düsten mit einer Rikscha davon.
Der Gottesdienst am Sonntagabend war auch wieder ein Erlebnis der besonderen Art. Father Joy hatte die Messe in der Pfarrkirche für den Tag übernommen und die Hostel Boys, die älteren Jungen aus unserem Projekt, waren auch mitgekommen. Der Altar war rosarot geschmückt, an der Decke hingen Lamettagirlanden in den kitschigsten Farben. Wir setzten uns in das rechte Kirchenschiff, in die provisorischen Bankreihen für die Männer. Die Frauen saßen auf der anderen Seite. Es läutete zum Einzug, eine Frau gab eine Seite im Gesangbuch an und fing sofort an zu singen. Im Buch sind leider nur die Liedtexte abgedruckt, die Melodie wird immer von den zwei lautesten Gottesdienstbesuchern spontan erfunden. Die anderen scheitern dann meistens in dem Versuch, sich der improvisierten Tonfolge anzuschließen. Während der hinglischen Predigt verlor ich leider den Faden und so zog ich es vor, zwei Geckos zu beobachten, die an der Kirchenwand Fangen spielten und auf den Plastikfiguren der Heiligen herumkrabbelten. „The Lord be with you“ – „And also with you“. Zum Friedensgruß wird sich hier nicht die Hand gegeben, es wird sich voreinander mit aneinander gelegten Handflächen verbeugt. Ich hab das natürlich erst falsch gemacht und einem dicken, irritierten Inder meine rechte Hand entgegengestreckt. Während des Kommuniongangs kam es diesmal zu einer unverhofften Ausnahmesituation: Der Strom fiel aus und die restlichen Gottesdienstbesucher mussten sich zu ihrem Sitzplatz zurücktasten. Nur die beiden Altarkerzen warfen ihr warmes Licht in den Raum und das bläuliche Abendlicht schimmerte durch die Fensterscheiben. Die Szenerie erinnerte mich an eine Osternacht von Daheim und ich genoss diesen Hauch europäischer Schlichtheit, denn die ganzen kitschigen Farben waren mit dem Licht verschwunden. Während des Schlussgebets stellte sich ein beherztes Gemeindemitglied mit einer blauen Taschenlampe neben Father Joy und leuchtete ihm ins Messbuch.
Der Auszug verlief im Stillschweigen, es war einfach zu dunkel für Seite 27, C-13. Father Joy meinte später: „Wenigstens das Gloria hätten sie singen können.“
Nach der Messe schlossen wir uns einer kleinen Gruppe Hostel Boys an und wir gingen zu Fuß durch das nächtliche Hospet zurück ins Projekt. Wir wollten den Jungen eine Cola spendieren, doch zu unserem Erstaunen lehnten sie ab. Nach zwanzig Minuten erreichten wir dann das Don Bosco Gelände.
Am Abend riefen Andrea und Bianca aus Kautal an und wir sprachen kurz über unseren Jan „Jesus“ Alexandrovich und über die alberne Verlobung. Doch der Grund ihres Anrufes war ein anderer. Die beiden Volontärinnen fragten uns, was bei uns passiert ist. „Wie was passiert?“ Ein Junge von den Hostel Boys sei bei uns im Projekt gestorben…
- „WAS? Nee, das wüssten wir doch.“
Am nächsten Morgen erkundigten wir uns bei Brother Johnson und dieser erzählte uns, was passiert war. Am Samstagabend, als wir in Hampi waren, kam es tatsächlich zu einem Unfall in der Technical School. Ein uns gut bekannter siebzehnjähriger Schüler bekam durch unvorsichtiges Handeln einen Stromschlag. Er wurde zu einer Privatklinik gebracht, die ihn aber nicht aufnehmen und keine Verantwortung für ihn übernehmen wollte. Auf der Fahrt zum nächstgünstigeren Krankenhaus ist Amal Gratsh dann gestorben. Sein Herz war zu schwach. Die Trauerfeier und die Beerdigung waren am Sonntag und wir haben nichts davon mitbekommen. Die anderen haben sich keinerlei Trauer anmerken lassen und wir haben wie gewohnt unsere Witze gerissen und viel gelacht. Niemand hat uns etwas gesagt. Es war unabsichtlich, wie uns Father Joy am Montagmorgen mit Bedauern mitteilte. Sie dachten alle, wir wüssten davon…
Wir ärgern uns, dass uns nichts gesagt wurde. Doch noch mehr verärgert uns die Reaktion der anderen Hostel Boys, der Brothers und der Fathers. Sie verhalten sich so, als wäre nichts geschehen, als wäre der Todesfall nicht von größerem Interesse. Jetzt fehlt halt einer! Und am Montag gab es schon wieder was zu Feiern: Brother Thomas hatte Geburtstag.
Kuchen für alle!
Euer Benedikt
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