Montag, 17. September 2007

Makkalla Mane

Hospet, der 17.09.2007

Hospet / Hampi


„Ninia jäsarut ijena?“ – „Nina jäsarut Benedikt.“

Hallo an euch alle,

wie ihr sehen könnt, mache ich winzige Fortschritte, die hiesige Sprache zu lernen. Zwar können die Kinder auch ein wenig Englisch, aber sie alle wollen, dass wir auch Kannada sprechen können. Und jedes Kind meint, der beste Fremdsprachenlehrer für uns zu sein, sodass eine Traube von etwa fünfzehn Kindern wild durcheinander quakt.

Die Kinder sind hier das Beste. Diese Lebensfreude, diese Begeisterung. Alle sind sie in diesem stinkenden Ort aufgewachsen und die meisten wurden von ihren Eltern sogar in die Eisenerzminen zur Schwerstarbeit geschickt. Umso glücklicher sind sie, die Schule besuchen zu dürfen, umso kräftiger und inbrünstiger singen sie jeden Morgen in Reih und Glied ihre Lieder und Hymnen, dass der Saal des Makkalla Mane („Haus der Kinder“) unter ihrer Stimmengewalt erzittert.

Die beiden Fathers sind auch sehr freundlich zu uns. Father Varghese, der Direktor der Einrichtung, lacht immer mehr als eigentlich notwendig und Father Joy (Vater „Freude“) hat uns einen exotischen Drink im Saftladen seines Vertrauens spendiert, nachdem er uns auf einer vierstündigen Shoppingtour durch Hospet geduldig begleitet hatte. Die Verständigung klappt ganz gut, nur ist das indische Englisch recht schwer zu verstehen.. (z.B. klingt hier parents wie pants), da kommt es schon öfters zu eigenartigen Missverständnissen. Dann gibt es noch vier Brothers so um die 24-25 Jahre. Sie studieren demnächst Theologie und wollen Father werden. Auch sie sind total locker und wir verbringen viel Zeit damit, unsere Kulturen zu vergleichen. Man kann bei den katholischen Salesianern auch nur sehr schwer ins Fettnäpfchen treten bzw. deren religiöse Gefühle verletzen. Fragen wie beispielsweise „So you eat cows?“ werden grinsend mit „Yes, of course.“ beantwortet.

Ach ja und dann haben Martin und ich das erste Mal unterrichtet. 45 Minuten Englischunterricht für zwei Klassen mit jeweils 17 Schülern. Die Kinder waren sehr artig und lachten viel, waren aber dennoch sehr konzentriert bei der Sache und wollten so viel wie möglich von uns lernen. Wir machten einen Geografie-Englisch-Mathe-Mix, behandelten Deutschland und Indien, die Wochentage und die Zahlen. Nach dem Unterricht bedankte sich jedes Kind persönlich mit Handschlag bei uns. Wohl undenkbar in Deutschland!

Gestern war das Fest der hinduistischen Gottheit Ganesha. Die ganze Stadt war in Aufruhr wegen einer rosa Frau mit Rüssel, überall gab es diese kitschige Plastikfigur zu kaufen. Die Polizeibeamten von Hospet hatten von diesem Feiertag leidenschaftlich geschwärmt, als wir vor einigen Tagen auf der Wache waren, um unsere Visa registrieren zu lassen. Das war auch ein Erlebnis der besonderen Art, denn wir bekamen dort Tee mit Milch und Kekse serviert. Die kleinen Beamten fragten mich, warum ich mit achtzehn Jahren schon so groß sei. „In Germany we grow faster.“ Und dann wollten sie alles wissen, wie uns das Essen schmeckt, wie es ist, mit den Händen zu essen, welchen Schulabschluss wir haben, wo wir genau wohnen, und, und, und. Dann machten sie sich über das Aussehen unserer Passfotos und über die Aussprache unserer Heimatstädte lustig. „Nun hören Sie mal!“ Also so neugierige und lustige Polizisten habe ich auch noch nicht erlebt.

Und dann habe ich mit etwa 60 Kindern barfuß Fußball gespielt. Es war so heiß und anstrengend, dass ich nach zwei Minuten so aussah, als hätte sich die Jahresniederschlagsmenge des Sommermonsuns über mir ergossen. Gestern bin ich mit siebenundzwanzig (!) Indern in einem Kleinbus, der eigentlich für 13 Fahrgäste ausgelegt war, Überland-Sammeltaxi gefahren. Gurte gab es nicht und die Luft wurde immer dünner, je mehr Leute zustiegen. Wenn ich ein kleines Kind gewesen wäre, ich hätte auch gebrochen! Denn dazu kam es während der Fahrt auch noch. Zum Glück hatte Martin eine Packung Aldi-Papiertaschentücher bei der Hand und schenkte sie den dankbaren Eltern. Dann haben wir noch den Hampi-Tempel besichtigt, eines der größten Wahrzeichen des Hinduismus und nur 10 Kilometer von Hospet entfernt. Wir mussten die Schuhe ausziehen, ein seltsames Wässerchen aus der hohlen Hand trinken und an Kräutern schnüffeln, dann malte uns ein Tempelpriester diesen roten Kurkuma-Punkt auf die Stirn – mehr ein Touristengag als ein religiöser Ritus. Heute gab es schon wieder etwas zu feiern: Onam. Ich habe bis jetzt noch nicht herausbekommen, was/wer das ist, aber ich arbeite daran. Ich vermute, dass es irgendwas mit der Kokosnuss zu tun hat. Das Festessen war der Höhepunkt. 150 Kids saßen im Schneidersitz auf dem Boden. Kind Martin und Kind Benedikt setzten sich unauffällig (*g) hinzu. Vor uns lag ein halbiertes Bananenblatt, das als Teller diente. Wir aßen darauf Reis mit diversen Soßen und Salat. Das alles mit der Hand und umschallt von lauter Techno-Musik. Über Geschmack lässt sich hier nicht mal streiten.

Es ist eine wahrhaft merkwürdige, schöne und hässliche Welt, in der ich hier gelandet bin und jeden Tag gibt es etwas Neues. Man meint, die Kultur mittlerweile zu kennen und alles Merkwürdige erlebt zu haben. Nein, es geht immer noch krasser, noch merkwürdiger. An die vorherrschende Armut habe ich mich recht schnell gewöhnt. Entweder man saugt sie auf und geht daran zugrunde oder man findet sich einfach mit der Situation ab und entdeckt vielleicht sogar so manch gute Seite. Für die letztere Option habe ich mich entschieden.

Auch wenn ich hier in einer anderen Zeitzone und in einer völlig anderen Welt hocke, denke ich oft an euch und an Zuhause. Also liebe Grüße, besonders an DICH!!!
Euer Benedikt aus dem Indernetz.

P.S. War vorhin in einem englischsprachigen Gottesdienst. Die Ähnlichkeiten der Messabläufe und der Texte hat mal richtig gut getan, endlich mal wieder Gewohntes aus der eigenen Kultur!

P.S.S. Habe gerade zwanzig Moskitos umgebracht und betrachte diesen Akt der gezielten Massentötung niederer Lebewesen als eine definitive Ablehnung der Reinkarnationslehre. Autan ist ausgelaufen! Dieses Mückenschutzmittel, was eigentlich auf die Haut gehört, befindet sich jetzt auf meiner nun mückenresistenten Hose.

P.S.S.S. Danke fürs Durchhalten beim Lesen.

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