Freitag, 21. September 2007

Monsunregen

Hospet, der 21.09.2007

Monsun und Riesenmotte
Schlechtes Wetter und wir lernen Kannada

Hier mal wieder ein elektronisches Lebenszeichen an die westliche Welt.
Ein herzliches NAMASKARA aus Südindien an euch alle!

Wer meint, ich würde mir hier unter tropischen Temperaturen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, irrt gewaltig. Kurz nach Anpfiff des Fußballrückspiels India vs. Germany am letzten Montag fing es an zu regnen, …und wie! Völlig unverhofft verdunkelte sich der Himmel, innerhalb weniger Sekunden klatschten Wassermassen vom Himmel, wie ich es noch nicht erlebt hatte. Etwa zweihundert Kinder rannten vom Platz, um sich im kleinen Miniaturtempel zwischen den windgepeitschten Kokospalmen unterzustellen. Von dort aus beobachteten sie, wie zwei durchgeknallte Deutsche und ein Salesianer-Brother nicht einsahen, das Spiel zu unterbrechen. Warum auch aufhören, wenn man bereits komplett nass ist und die Temperatur gerade einmal angenehm war?
Das „Duschen“ danach war dann weniger spaßig. Aufgrund des Unwetters war der Strom ausgefallen und jedes elektrische Licht war verloschen. Ich war gezwungen, mir im mickrigen Licht einer kleinen blauen LED-Taschenlampe, den Schlamm von Körper und Kleidung zu waschen…
Danach gingen Martin und ich ins Makkalla Mane („Haus der Kinder“), wo nur eine einzige Ölfunzel brannte. Die Kinder saßen auf dem Boden und lauschten dem Regen, der auf das Wellblechdach trommelte. Einige Mädchen hielten sich ängstlich die Ohren zu. Die beiden Volontäre aus Deutschland sollten Lieder aus der Heimat singen, um die TV-Time zu überbrücken und um den Monsun zu übertönen… ähh bitte …WAS? Dass man mit „Zwei kleine Wölfe gehen des nachts im Dunkeln“, „Bunt sind schon die Wälder“ und „Über den Wolken“ derart beruhigend auf Kinder einwirken kann, war mir neu, aber es klappte! Nur selbst waren wir nicht sicher, ob das Dach diesem derart starken Regen weiter standhalten würde. Draußen donnerte es heftig und wir sangen uns im „Haus der Kinder“ gemeinsam Mut an und auch die Kids stellten uns Lieder in ihrer Sprache vor.
Dann fiel Martin plötzlich ein, dass wir vergessen hatten, die Fenster in unserem Zimmer zu schließen. Wir rannten wie von der Anopheles-Mücke gestochen aus dem Makkalla Mane, durch die Regengüsse und durch knöcheltiefe Pfützen, die wir nicht sahen. Alles finster. Wir hatten Glück, unser Apartment stand nicht unter Wasser. Die Fenster hatten wir glücklicherweise auf der monsunabgewandten Seite geöffnet.
Es regnete die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag. Die Wege zwischen den Häusern waren überflutet und wir hätten ein Schlauchboot gebrauchen können, um zum Klassenraum zu gelangen.

Wir sind übrigens auch im Schulgebäude untergebracht! … Da ist man gerade aus der Schule raus, da kommt schon wieder die nächste und man soll sogar drin schlafen… Ich schlafe hier allerdings sehr gut, was sicher daran liegt, dass man als Lehrer weniger Sorgen hat als ein Schüler! Direkt zwischen zwei Klassenzimmern befindet sich also unser etwa 30 m2 großes Apartment. Zwei Betten mit je einem Moskitonetz, zwei Deckenventilatoren, natursteinverkleideter Wand, sieben Fenster und ein Bad mit Waschbecken und europäischer Toilette. Statt einer Dusche haben wir hier einen Eimer, aus dem man sich waschen kann. Wir wollen aber aus einem Schlauch, einer Gießkanne und einer Kordel eine Dusche basteln. Auch einen Teppich und Zimmerpflanzen wollen wir besorgen, um uns hier wohnlich einzurichten. Das fing schon an, dass ich noch vor der ersten Nacht ein Loch im Fenster mit Pappkarton und Klebestreifen flicken musste, weil sich besagtes Loch direkt neben meinem Kopfkissen befand. Die Affen sollen sich woanders eine Einstiegsluke suchen! Faustgroße Motten und anderes fliegende Getier heiße ich genauso wenig willkommen. Auch Schlangen soll es hier geben, vorrangig nachts, bei den Reisfeldern. Ich habe aber noch keine gesehen.

Das Essen ist hier leider weniger abwechslungsreich als die Artenvielfalt. Jeden Tag gibt es Reis. Reis. Reis. Reis. Dazu mäßig scharfe Soßen mit allerlei darin schwimmendem Gemüse, dann noch Brei, gewürzte Pasteten und Chabati-Brot. Nur die kleinen Babybananen habe ich richtig lieb gewonnen und ich esse sie staudenweise. Mein Magen sehnt sich nach tierischen Proteinen, und ich werde hier unfreiwillig noch zum Vegetarier. Es gab bisher nur einmal Huhn und einmal Fisch… Wir überlegen ernsthaft, eines der vielen Streifenhörnchen zu grillen, aber die sind immer ruckzuck auf der Palme.

14 von 17 Schülern haben ihre Englischhausaufgaben nicht gemacht. Sie wollen uns testen und wir brauchen im Unterricht mehr Respekt, um den Lehrstoff durchzuziehen und die Schüler auf die bevorstehenden Tests vorzubereiten. Wir haben die Namen aller hausaufgabenlosen Kinder notiert und an Brother Vynod weitergeleitet. Am Abend stand auf der Tafel im Makkalla Mane „Sorry uncle!“. Jetzt gehorcht uns jedes Kind und nach dem Unterricht sind wir wieder die beiden lustigen Onkel, mit denen man herumtollen und eine Menge Spaß haben kann.

Dann habe ich noch eine interessante Beobachtung gemacht: Mehrere Mädchen standen vor dem Spiegel und haben ihr dunkelbraunes Gesicht mit weißer Tafelkreide eingerieben, um blasser zu wirken. Ein älterer Junge fragte mich spaßeshalber, ob wir nicht unsere Hautfarbe tauschen wollen. „Wenn, dann mischen.“, habe ich grinsend geantwortet… Es ist schon sehr interessant, wie gegensätzlich die Schönheitsideale zweier Kulturen ausgeprägt sein können…

Bilanz unserer ersten zehn Tage in Hospet: Wir haben die übelste Armut gesehen, eine völlig fremde Kultur erlebt und die hier üblichen Naturkatastrophen kennengelernt.

Bis demnächst!
Euer Benedikt

P.S. (*Schreibpause*) Jetzt scheint wieder die Sonne und vorhin gab es CHICKEN! Wir wissen jetzt: Jeden Freitag gibt es Tier, wechselweise Fisch oder Huhn. Freitag ist mein Lieblingstag.

P.P.S. Unser erstes Video auf Youtube: „My Bonnie is over the ocean“
http://www.youtube.com/watch?v=ibzYbKT9cPE

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