Dienstag, 25. September 2007

Die Ruinen von Hampi

Hospet, der 25.09.2007

Hampi 2ter Trip

Hallo an alle fleißigen Leser!!!

Jeden Samstag haben wir hier unseren freien Tag und können die Gegend um Hospet erkunden. Martin und ich, wir entschieden uns der nahegelegenen Tempelstadt Hampi einen weiteren und ausgiebigeren Besuch abzustatten.
Sie war vor langer Zeit Hauptstadt des mächtigen Reiches Vijayanagar gewesen. 1565, bei der Schlacht von Talikota, schreibt mein reich bebilderter Reiseführer, wurde Vijayanagars Armee durch die Truppen des hinterhältigen Bijapurs (so ähnlich klingen übrigens auch die Namen der Straßenkinder und ich muss mir über hundert davon merken!) vernichtend geschlagen. Hampi wurde zerstört, das Ruinenfeld mit seinen Tempeln und Palästen zählt heute zum Weltkulturerbe der Menschheit…
Der erste von insgesamt sechs sich anbietenden Rikschafahrern wollte 400 Rupien haben (etwa 8 Euro). Der zweite kannte uns schon und wusste, dass wir nicht zu den vermögenden Pauschaltouristen zählen. Er fuhr uns für 100 Rupien. Das dreirädrige Gefährt erreichte unser genanntes Ziel nach zwanzig Minuten. Und da standen wir wieder, auf der belebten Touristenstraße am Fuße des mächtigen Main Temple-Turms. Reisebüros, Souvenirläden, Kiosks und Restaurants säumten die beiden Seiten der bunten Einkaufsmeile. Jeder Weiße gewinnt dort in kürzester Zeit viele Freunde: Kinder, die Postkarten verkaufen, (pseudo-) fachkundige Fremdenführer, stolze Restaurantbesitzer, verschwitzte Obstkarrenschieber, machetenbewaffnete Kokosnussöffner, schrill glitzernde und klimpernde Billigschmuckverkäufer, buntgeschminkte Gaukler mit Pfauenfederkappen und simplen Zaubertricks, hinduistische Tempelpriester mit esoterischen Räucherstäbchen, steinalt aussehende, bettelnde Frauen mit braunen, faltenzerfurchten Gesichtern. Sie alle verbindet das gleiche Ziel: Das Geld der weißen Touristen, DEIN Geld!
Nur mühsam und mit mehreren entschiedenen „NO!“s ließen wir schließlich den indischen Basar hinter uns und standen plötzlich vor einer großen steinernen Treppe, die steil bergauf zu einem kleineren Tempel führte. Rechts und links stapelten sich die gewaltigen Granitbrocken zu Türmen. Der Ausblick von oben war grandios und Martin kletterte gleich auf einen Findling, um Fotos zu machen
. Am Horizont konnten wir die Flussarme des Tungabadhra erkennen. Im Tempel lernten wir den weniger aufdringlichen Babu kennen, der uns zwei handgemeißelte, steinerne Yogabälle für 300 Rupien das Stück verkaufte und uns bei seiner Arbeit zusehen ließ. Wenn wir das nächste Mal Hampi besuchen, versprach er, kriegen wir von ihm sogar zwei Motorroller geliehen – für umsonst. Dann quatschten wir noch mit zwei Frauen aus Israel und einer Studentin aus Australien, für die Hampi nur ein kurzer Zwischenstopp ihrer Indienrundreise darstellte. Unterbrochen wurden wir von einem ellenlangen Tausendfüßler und einem grüngepanzerten Käfer mit einer Flügelspannweite von etwa fünfzehn Zentimetern. Als wir über den nächsten Hügel kletterten, fielen uns fast die Augen raus, denn im Tal vor uns erstreckte sich die nächste Tempelanlage. Staunend passierten wir das wunderschön gemeißelte Eingangstor, durchquerten labyrinthartige Gänge, liefen vorbei an steinernen Skulpturen und Säulen voller Verzierungen und Ornamenten. Die von Wind und Regen gezeichnete Ruinenstadt war wie ausgestorben, nur sehr wenige Touristen, Einheimische und heilige Rinder liefen an uns vorüber. Einige indische Frauen saßen im Schatten des Tempels und spielten ein Brettspiel. Die Zeit schien stillzustehen. In Stein gemeißelte Fratzen, Körper und Tiere erzählten Geschichten einer tausendjährigen Kultur. Eine halbe Million Menschen hatten hier einmal gelebt... Der Ort besaß zweifellos etwas Geheimnisvolles, dem wir uns nicht entziehen konnten… (…)
Als wir dann doch irgendwann genug hatten, es zu nieseln begann und sich ein leerer Magen bemerkbar machte, kehrten wir ins bunte Leben zurück. Wir setzten uns in eines der vielen Restaurants und bestellten eine vegetarische Pizza, denn der Verzehr von Fleisch war auf dem geweihten Boden bedauerlicherweise untersagt. Es war dann doch mehr eine indische Pizza, und die Fanta besaß auch nicht die gewohnte Farbe (war sicher abgefülltes Regenwasser mit orangefarbenem Aromapulver aus Taiwan), aber das störte uns weniger. Unser Interesse galt den ausleihbaren Motorrollern auf der anderen Straßenseite. Wir mieteten zwei, bekamen eine knappe Einweisung in den indischen Linksverkehr und dann tuckerten wir auch schon über die relativ ebenen Asphaltstraßen, die sich durch Kokospalmenwälder und Bananenplantagen schlängelten. Immer wieder tauchten am Wegesrand Mauerreste der Hochkultur und gewaltige Granitfelsen auf. Kinder, die ihren Eltern bei der Arbeit auf den Reisfeldern halfen, winkten uns freundlich zu und wir grüßten zurück. Als die Sonne langsam unterging, brachte uns eine Rikscha pünktlich zum Abendbrot wieder ins Projekt. Der erlebnisreiche Tag endete mit einem leichten Sonnenbrand auf Nase und Unterarmen…
Unserer vierten Klasse bringen wir gerade die englischen Personalpronomen „I, YOU, HE, SHE, IT“ bei. Das ganze war sehr schwierig zu erklären, da unser kläglicher Kannada-Wortschatz bis jetzt nur so um die fünfzehn Vokabeln kennt und wir eine komplette Jungenklasse vor uns sitzen hatten. Es war kein Mädchen anwesend, welches das Subjekt SHE hätte veranschaulichen können. Aber aus einem Stuhl, einem Bündel Besenborsten und mit etwas Kreide gelang es mir, die Weiblichkeit darzustellen.

Gestern Abend habe ich gedacht, auf ein Gelege mit Dinosauriereiern gestoßen zu sein. (Mich überrascht hier ja gar nichts mehr, egal wie absurd es auch sein mag!) In dem Topf lagen also braune, faustgroße, dampfende Klumpen, die vorgaben aus Schokoladenpudding zu bestehen, sich aber schnell als geschmacksneutrale Hirseklöße entpuppten. Unsere liebenswürdige Köchin Meranti erklärte mir ohne ein Wort Englisch, dass ich die Dinger mit dem sinnlichen Namen Ragi komplett schlucken müsse. Falls die Klöße einmal die Speiseröhre passiert haben sollten, wären das die idealen Sattmacher. „No thanks, I take rice.“

Ich nehme langsam ab, der Abstand zwischen Hüfte und Hose wächst. Wem also meine Leibesfülle am Herzen liegt, der kann mir ja ein Westpaket schicken. Bananen könnt ihr weglassen, die hab ich hier genug…

Euer Benedikt
aus dem Land der heiligen Kühe.

P.S. Viele haben mich gefragt, wie das mit der Zeitverschiebung ist. Die Sonne geht hier um dreieinhalb Stunden früher auf, als bei euch. Wenn ihr also um sieben Uhr morgens aufsteht, habe ich es schon 10:30 Uhr.

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