Dienstag, 25. September 2007

Die Ruinen von Hampi

Hospet, der 25.09.2007

Hampi 2ter Trip

Hallo an alle fleißigen Leser!!!

Jeden Samstag haben wir hier unseren freien Tag und können die Gegend um Hospet erkunden. Martin und ich, wir entschieden uns der nahegelegenen Tempelstadt Hampi einen weiteren und ausgiebigeren Besuch abzustatten.
Sie war vor langer Zeit Hauptstadt des mächtigen Reiches Vijayanagar gewesen. 1565, bei der Schlacht von Talikota, schreibt mein reich bebilderter Reiseführer, wurde Vijayanagars Armee durch die Truppen des hinterhältigen Bijapurs (so ähnlich klingen übrigens auch die Namen der Straßenkinder und ich muss mir über hundert davon merken!) vernichtend geschlagen. Hampi wurde zerstört, das Ruinenfeld mit seinen Tempeln und Palästen zählt heute zum Weltkulturerbe der Menschheit…
Der erste von insgesamt sechs sich anbietenden Rikschafahrern wollte 400 Rupien haben (etwa 8 Euro). Der zweite kannte uns schon und wusste, dass wir nicht zu den vermögenden Pauschaltouristen zählen. Er fuhr uns für 100 Rupien. Das dreirädrige Gefährt erreichte unser genanntes Ziel nach zwanzig Minuten. Und da standen wir wieder, auf der belebten Touristenstraße am Fuße des mächtigen Main Temple-Turms. Reisebüros, Souvenirläden, Kiosks und Restaurants säumten die beiden Seiten der bunten Einkaufsmeile. Jeder Weiße gewinnt dort in kürzester Zeit viele Freunde: Kinder, die Postkarten verkaufen, (pseudo-) fachkundige Fremdenführer, stolze Restaurantbesitzer, verschwitzte Obstkarrenschieber, machetenbewaffnete Kokosnussöffner, schrill glitzernde und klimpernde Billigschmuckverkäufer, buntgeschminkte Gaukler mit Pfauenfederkappen und simplen Zaubertricks, hinduistische Tempelpriester mit esoterischen Räucherstäbchen, steinalt aussehende, bettelnde Frauen mit braunen, faltenzerfurchten Gesichtern. Sie alle verbindet das gleiche Ziel: Das Geld der weißen Touristen, DEIN Geld!
Nur mühsam und mit mehreren entschiedenen „NO!“s ließen wir schließlich den indischen Basar hinter uns und standen plötzlich vor einer großen steinernen Treppe, die steil bergauf zu einem kleineren Tempel führte. Rechts und links stapelten sich die gewaltigen Granitbrocken zu Türmen. Der Ausblick von oben war grandios und Martin kletterte gleich auf einen Findling, um Fotos zu machen
. Am Horizont konnten wir die Flussarme des Tungabadhra erkennen. Im Tempel lernten wir den weniger aufdringlichen Babu kennen, der uns zwei handgemeißelte, steinerne Yogabälle für 300 Rupien das Stück verkaufte und uns bei seiner Arbeit zusehen ließ. Wenn wir das nächste Mal Hampi besuchen, versprach er, kriegen wir von ihm sogar zwei Motorroller geliehen – für umsonst. Dann quatschten wir noch mit zwei Frauen aus Israel und einer Studentin aus Australien, für die Hampi nur ein kurzer Zwischenstopp ihrer Indienrundreise darstellte. Unterbrochen wurden wir von einem ellenlangen Tausendfüßler und einem grüngepanzerten Käfer mit einer Flügelspannweite von etwa fünfzehn Zentimetern. Als wir über den nächsten Hügel kletterten, fielen uns fast die Augen raus, denn im Tal vor uns erstreckte sich die nächste Tempelanlage. Staunend passierten wir das wunderschön gemeißelte Eingangstor, durchquerten labyrinthartige Gänge, liefen vorbei an steinernen Skulpturen und Säulen voller Verzierungen und Ornamenten. Die von Wind und Regen gezeichnete Ruinenstadt war wie ausgestorben, nur sehr wenige Touristen, Einheimische und heilige Rinder liefen an uns vorüber. Einige indische Frauen saßen im Schatten des Tempels und spielten ein Brettspiel. Die Zeit schien stillzustehen. In Stein gemeißelte Fratzen, Körper und Tiere erzählten Geschichten einer tausendjährigen Kultur. Eine halbe Million Menschen hatten hier einmal gelebt... Der Ort besaß zweifellos etwas Geheimnisvolles, dem wir uns nicht entziehen konnten… (…)
Als wir dann doch irgendwann genug hatten, es zu nieseln begann und sich ein leerer Magen bemerkbar machte, kehrten wir ins bunte Leben zurück. Wir setzten uns in eines der vielen Restaurants und bestellten eine vegetarische Pizza, denn der Verzehr von Fleisch war auf dem geweihten Boden bedauerlicherweise untersagt. Es war dann doch mehr eine indische Pizza, und die Fanta besaß auch nicht die gewohnte Farbe (war sicher abgefülltes Regenwasser mit orangefarbenem Aromapulver aus Taiwan), aber das störte uns weniger. Unser Interesse galt den ausleihbaren Motorrollern auf der anderen Straßenseite. Wir mieteten zwei, bekamen eine knappe Einweisung in den indischen Linksverkehr und dann tuckerten wir auch schon über die relativ ebenen Asphaltstraßen, die sich durch Kokospalmenwälder und Bananenplantagen schlängelten. Immer wieder tauchten am Wegesrand Mauerreste der Hochkultur und gewaltige Granitfelsen auf. Kinder, die ihren Eltern bei der Arbeit auf den Reisfeldern halfen, winkten uns freundlich zu und wir grüßten zurück. Als die Sonne langsam unterging, brachte uns eine Rikscha pünktlich zum Abendbrot wieder ins Projekt. Der erlebnisreiche Tag endete mit einem leichten Sonnenbrand auf Nase und Unterarmen…
Unserer vierten Klasse bringen wir gerade die englischen Personalpronomen „I, YOU, HE, SHE, IT“ bei. Das ganze war sehr schwierig zu erklären, da unser kläglicher Kannada-Wortschatz bis jetzt nur so um die fünfzehn Vokabeln kennt und wir eine komplette Jungenklasse vor uns sitzen hatten. Es war kein Mädchen anwesend, welches das Subjekt SHE hätte veranschaulichen können. Aber aus einem Stuhl, einem Bündel Besenborsten und mit etwas Kreide gelang es mir, die Weiblichkeit darzustellen.

Gestern Abend habe ich gedacht, auf ein Gelege mit Dinosauriereiern gestoßen zu sein. (Mich überrascht hier ja gar nichts mehr, egal wie absurd es auch sein mag!) In dem Topf lagen also braune, faustgroße, dampfende Klumpen, die vorgaben aus Schokoladenpudding zu bestehen, sich aber schnell als geschmacksneutrale Hirseklöße entpuppten. Unsere liebenswürdige Köchin Meranti erklärte mir ohne ein Wort Englisch, dass ich die Dinger mit dem sinnlichen Namen Ragi komplett schlucken müsse. Falls die Klöße einmal die Speiseröhre passiert haben sollten, wären das die idealen Sattmacher. „No thanks, I take rice.“

Ich nehme langsam ab, der Abstand zwischen Hüfte und Hose wächst. Wem also meine Leibesfülle am Herzen liegt, der kann mir ja ein Westpaket schicken. Bananen könnt ihr weglassen, die hab ich hier genug…

Euer Benedikt
aus dem Land der heiligen Kühe.

P.S. Viele haben mich gefragt, wie das mit der Zeitverschiebung ist. Die Sonne geht hier um dreieinhalb Stunden früher auf, als bei euch. Wenn ihr also um sieben Uhr morgens aufsteht, habe ich es schon 10:30 Uhr.

Freitag, 21. September 2007

Monsunregen

Hospet, der 21.09.2007

Monsun und Riesenmotte
Schlechtes Wetter und wir lernen Kannada

Hier mal wieder ein elektronisches Lebenszeichen an die westliche Welt.
Ein herzliches NAMASKARA aus Südindien an euch alle!

Wer meint, ich würde mir hier unter tropischen Temperaturen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, irrt gewaltig. Kurz nach Anpfiff des Fußballrückspiels India vs. Germany am letzten Montag fing es an zu regnen, …und wie! Völlig unverhofft verdunkelte sich der Himmel, innerhalb weniger Sekunden klatschten Wassermassen vom Himmel, wie ich es noch nicht erlebt hatte. Etwa zweihundert Kinder rannten vom Platz, um sich im kleinen Miniaturtempel zwischen den windgepeitschten Kokospalmen unterzustellen. Von dort aus beobachteten sie, wie zwei durchgeknallte Deutsche und ein Salesianer-Brother nicht einsahen, das Spiel zu unterbrechen. Warum auch aufhören, wenn man bereits komplett nass ist und die Temperatur gerade einmal angenehm war?
Das „Duschen“ danach war dann weniger spaßig. Aufgrund des Unwetters war der Strom ausgefallen und jedes elektrische Licht war verloschen. Ich war gezwungen, mir im mickrigen Licht einer kleinen blauen LED-Taschenlampe, den Schlamm von Körper und Kleidung zu waschen…
Danach gingen Martin und ich ins Makkalla Mane („Haus der Kinder“), wo nur eine einzige Ölfunzel brannte. Die Kinder saßen auf dem Boden und lauschten dem Regen, der auf das Wellblechdach trommelte. Einige Mädchen hielten sich ängstlich die Ohren zu. Die beiden Volontäre aus Deutschland sollten Lieder aus der Heimat singen, um die TV-Time zu überbrücken und um den Monsun zu übertönen… ähh bitte …WAS? Dass man mit „Zwei kleine Wölfe gehen des nachts im Dunkeln“, „Bunt sind schon die Wälder“ und „Über den Wolken“ derart beruhigend auf Kinder einwirken kann, war mir neu, aber es klappte! Nur selbst waren wir nicht sicher, ob das Dach diesem derart starken Regen weiter standhalten würde. Draußen donnerte es heftig und wir sangen uns im „Haus der Kinder“ gemeinsam Mut an und auch die Kids stellten uns Lieder in ihrer Sprache vor.
Dann fiel Martin plötzlich ein, dass wir vergessen hatten, die Fenster in unserem Zimmer zu schließen. Wir rannten wie von der Anopheles-Mücke gestochen aus dem Makkalla Mane, durch die Regengüsse und durch knöcheltiefe Pfützen, die wir nicht sahen. Alles finster. Wir hatten Glück, unser Apartment stand nicht unter Wasser. Die Fenster hatten wir glücklicherweise auf der monsunabgewandten Seite geöffnet.
Es regnete die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag. Die Wege zwischen den Häusern waren überflutet und wir hätten ein Schlauchboot gebrauchen können, um zum Klassenraum zu gelangen.

Wir sind übrigens auch im Schulgebäude untergebracht! … Da ist man gerade aus der Schule raus, da kommt schon wieder die nächste und man soll sogar drin schlafen… Ich schlafe hier allerdings sehr gut, was sicher daran liegt, dass man als Lehrer weniger Sorgen hat als ein Schüler! Direkt zwischen zwei Klassenzimmern befindet sich also unser etwa 30 m2 großes Apartment. Zwei Betten mit je einem Moskitonetz, zwei Deckenventilatoren, natursteinverkleideter Wand, sieben Fenster und ein Bad mit Waschbecken und europäischer Toilette. Statt einer Dusche haben wir hier einen Eimer, aus dem man sich waschen kann. Wir wollen aber aus einem Schlauch, einer Gießkanne und einer Kordel eine Dusche basteln. Auch einen Teppich und Zimmerpflanzen wollen wir besorgen, um uns hier wohnlich einzurichten. Das fing schon an, dass ich noch vor der ersten Nacht ein Loch im Fenster mit Pappkarton und Klebestreifen flicken musste, weil sich besagtes Loch direkt neben meinem Kopfkissen befand. Die Affen sollen sich woanders eine Einstiegsluke suchen! Faustgroße Motten und anderes fliegende Getier heiße ich genauso wenig willkommen. Auch Schlangen soll es hier geben, vorrangig nachts, bei den Reisfeldern. Ich habe aber noch keine gesehen.

Das Essen ist hier leider weniger abwechslungsreich als die Artenvielfalt. Jeden Tag gibt es Reis. Reis. Reis. Reis. Dazu mäßig scharfe Soßen mit allerlei darin schwimmendem Gemüse, dann noch Brei, gewürzte Pasteten und Chabati-Brot. Nur die kleinen Babybananen habe ich richtig lieb gewonnen und ich esse sie staudenweise. Mein Magen sehnt sich nach tierischen Proteinen, und ich werde hier unfreiwillig noch zum Vegetarier. Es gab bisher nur einmal Huhn und einmal Fisch… Wir überlegen ernsthaft, eines der vielen Streifenhörnchen zu grillen, aber die sind immer ruckzuck auf der Palme.

14 von 17 Schülern haben ihre Englischhausaufgaben nicht gemacht. Sie wollen uns testen und wir brauchen im Unterricht mehr Respekt, um den Lehrstoff durchzuziehen und die Schüler auf die bevorstehenden Tests vorzubereiten. Wir haben die Namen aller hausaufgabenlosen Kinder notiert und an Brother Vynod weitergeleitet. Am Abend stand auf der Tafel im Makkalla Mane „Sorry uncle!“. Jetzt gehorcht uns jedes Kind und nach dem Unterricht sind wir wieder die beiden lustigen Onkel, mit denen man herumtollen und eine Menge Spaß haben kann.

Dann habe ich noch eine interessante Beobachtung gemacht: Mehrere Mädchen standen vor dem Spiegel und haben ihr dunkelbraunes Gesicht mit weißer Tafelkreide eingerieben, um blasser zu wirken. Ein älterer Junge fragte mich spaßeshalber, ob wir nicht unsere Hautfarbe tauschen wollen. „Wenn, dann mischen.“, habe ich grinsend geantwortet… Es ist schon sehr interessant, wie gegensätzlich die Schönheitsideale zweier Kulturen ausgeprägt sein können…

Bilanz unserer ersten zehn Tage in Hospet: Wir haben die übelste Armut gesehen, eine völlig fremde Kultur erlebt und die hier üblichen Naturkatastrophen kennengelernt.

Bis demnächst!
Euer Benedikt

P.S. (*Schreibpause*) Jetzt scheint wieder die Sonne und vorhin gab es CHICKEN! Wir wissen jetzt: Jeden Freitag gibt es Tier, wechselweise Fisch oder Huhn. Freitag ist mein Lieblingstag.

P.P.S. Unser erstes Video auf Youtube: „My Bonnie is over the ocean“
http://www.youtube.com/watch?v=ibzYbKT9cPE

Montag, 17. September 2007

Makkalla Mane

Hospet, der 17.09.2007

Hospet / Hampi


„Ninia jäsarut ijena?“ – „Nina jäsarut Benedikt.“

Hallo an euch alle,

wie ihr sehen könnt, mache ich winzige Fortschritte, die hiesige Sprache zu lernen. Zwar können die Kinder auch ein wenig Englisch, aber sie alle wollen, dass wir auch Kannada sprechen können. Und jedes Kind meint, der beste Fremdsprachenlehrer für uns zu sein, sodass eine Traube von etwa fünfzehn Kindern wild durcheinander quakt.

Die Kinder sind hier das Beste. Diese Lebensfreude, diese Begeisterung. Alle sind sie in diesem stinkenden Ort aufgewachsen und die meisten wurden von ihren Eltern sogar in die Eisenerzminen zur Schwerstarbeit geschickt. Umso glücklicher sind sie, die Schule besuchen zu dürfen, umso kräftiger und inbrünstiger singen sie jeden Morgen in Reih und Glied ihre Lieder und Hymnen, dass der Saal des Makkalla Mane („Haus der Kinder“) unter ihrer Stimmengewalt erzittert.

Die beiden Fathers sind auch sehr freundlich zu uns. Father Varghese, der Direktor der Einrichtung, lacht immer mehr als eigentlich notwendig und Father Joy (Vater „Freude“) hat uns einen exotischen Drink im Saftladen seines Vertrauens spendiert, nachdem er uns auf einer vierstündigen Shoppingtour durch Hospet geduldig begleitet hatte. Die Verständigung klappt ganz gut, nur ist das indische Englisch recht schwer zu verstehen.. (z.B. klingt hier parents wie pants), da kommt es schon öfters zu eigenartigen Missverständnissen. Dann gibt es noch vier Brothers so um die 24-25 Jahre. Sie studieren demnächst Theologie und wollen Father werden. Auch sie sind total locker und wir verbringen viel Zeit damit, unsere Kulturen zu vergleichen. Man kann bei den katholischen Salesianern auch nur sehr schwer ins Fettnäpfchen treten bzw. deren religiöse Gefühle verletzen. Fragen wie beispielsweise „So you eat cows?“ werden grinsend mit „Yes, of course.“ beantwortet.

Ach ja und dann haben Martin und ich das erste Mal unterrichtet. 45 Minuten Englischunterricht für zwei Klassen mit jeweils 17 Schülern. Die Kinder waren sehr artig und lachten viel, waren aber dennoch sehr konzentriert bei der Sache und wollten so viel wie möglich von uns lernen. Wir machten einen Geografie-Englisch-Mathe-Mix, behandelten Deutschland und Indien, die Wochentage und die Zahlen. Nach dem Unterricht bedankte sich jedes Kind persönlich mit Handschlag bei uns. Wohl undenkbar in Deutschland!

Gestern war das Fest der hinduistischen Gottheit Ganesha. Die ganze Stadt war in Aufruhr wegen einer rosa Frau mit Rüssel, überall gab es diese kitschige Plastikfigur zu kaufen. Die Polizeibeamten von Hospet hatten von diesem Feiertag leidenschaftlich geschwärmt, als wir vor einigen Tagen auf der Wache waren, um unsere Visa registrieren zu lassen. Das war auch ein Erlebnis der besonderen Art, denn wir bekamen dort Tee mit Milch und Kekse serviert. Die kleinen Beamten fragten mich, warum ich mit achtzehn Jahren schon so groß sei. „In Germany we grow faster.“ Und dann wollten sie alles wissen, wie uns das Essen schmeckt, wie es ist, mit den Händen zu essen, welchen Schulabschluss wir haben, wo wir genau wohnen, und, und, und. Dann machten sie sich über das Aussehen unserer Passfotos und über die Aussprache unserer Heimatstädte lustig. „Nun hören Sie mal!“ Also so neugierige und lustige Polizisten habe ich auch noch nicht erlebt.

Und dann habe ich mit etwa 60 Kindern barfuß Fußball gespielt. Es war so heiß und anstrengend, dass ich nach zwei Minuten so aussah, als hätte sich die Jahresniederschlagsmenge des Sommermonsuns über mir ergossen. Gestern bin ich mit siebenundzwanzig (!) Indern in einem Kleinbus, der eigentlich für 13 Fahrgäste ausgelegt war, Überland-Sammeltaxi gefahren. Gurte gab es nicht und die Luft wurde immer dünner, je mehr Leute zustiegen. Wenn ich ein kleines Kind gewesen wäre, ich hätte auch gebrochen! Denn dazu kam es während der Fahrt auch noch. Zum Glück hatte Martin eine Packung Aldi-Papiertaschentücher bei der Hand und schenkte sie den dankbaren Eltern. Dann haben wir noch den Hampi-Tempel besichtigt, eines der größten Wahrzeichen des Hinduismus und nur 10 Kilometer von Hospet entfernt. Wir mussten die Schuhe ausziehen, ein seltsames Wässerchen aus der hohlen Hand trinken und an Kräutern schnüffeln, dann malte uns ein Tempelpriester diesen roten Kurkuma-Punkt auf die Stirn – mehr ein Touristengag als ein religiöser Ritus. Heute gab es schon wieder etwas zu feiern: Onam. Ich habe bis jetzt noch nicht herausbekommen, was/wer das ist, aber ich arbeite daran. Ich vermute, dass es irgendwas mit der Kokosnuss zu tun hat. Das Festessen war der Höhepunkt. 150 Kids saßen im Schneidersitz auf dem Boden. Kind Martin und Kind Benedikt setzten sich unauffällig (*g) hinzu. Vor uns lag ein halbiertes Bananenblatt, das als Teller diente. Wir aßen darauf Reis mit diversen Soßen und Salat. Das alles mit der Hand und umschallt von lauter Techno-Musik. Über Geschmack lässt sich hier nicht mal streiten.

Es ist eine wahrhaft merkwürdige, schöne und hässliche Welt, in der ich hier gelandet bin und jeden Tag gibt es etwas Neues. Man meint, die Kultur mittlerweile zu kennen und alles Merkwürdige erlebt zu haben. Nein, es geht immer noch krasser, noch merkwürdiger. An die vorherrschende Armut habe ich mich recht schnell gewöhnt. Entweder man saugt sie auf und geht daran zugrunde oder man findet sich einfach mit der Situation ab und entdeckt vielleicht sogar so manch gute Seite. Für die letztere Option habe ich mich entschieden.

Auch wenn ich hier in einer anderen Zeitzone und in einer völlig anderen Welt hocke, denke ich oft an euch und an Zuhause. Also liebe Grüße, besonders an DICH!!!
Euer Benedikt aus dem Indernetz.

P.S. War vorhin in einem englischsprachigen Gottesdienst. Die Ähnlichkeiten der Messabläufe und der Texte hat mal richtig gut getan, endlich mal wieder Gewohntes aus der eigenen Kultur!

P.S.S. Habe gerade zwanzig Moskitos umgebracht und betrachte diesen Akt der gezielten Massentötung niederer Lebewesen als eine definitive Ablehnung der Reinkarnationslehre. Autan ist ausgelaufen! Dieses Mückenschutzmittel, was eigentlich auf die Haut gehört, befindet sich jetzt auf meiner nun mückenresistenten Hose.

P.S.S.S. Danke fürs Durchhalten beim Lesen.

Donnerstag, 13. September 2007

Die Reise zur Oase

Hospet, der 13.09.2007

Ankunft in Hospet, erster Tag

Namaskara,

ja ich bin´s schon wieder. Ich erlebe hier so viel, dass es mich schon echt total überfordert, ich schreibe fleißig Tagebuch, um auch jede Winzigkeit festzuhalten und um jeden Eindruck zu konservieren. Ich könnte jetzt sofort zehn Seiten schreiben und hätte trotzdem die Hälfte vergessen.. Ich fass mich aber kurz, versprochen! (Das ausführliche Tagebuch gibt’s für Interessenten in 11 Monaten.)

Ich bin jetzt mittlerweile in Hospet, im Projekt. Die Fahrt hierher war so ziemlich das schrägste, was ich je erlebt habe. Die Fahrt in einem indischen Nachtzug, im Schlafabteil kann man eigentlich nicht beschreiben, ich versuche es trotzdem.
Wir warteten am Bahnsteig ungefähr eine dreiviertel Stunde, ein anderer Lieferwagenfahrer hatte uns gebracht und er sollte aufpassen, dass wir den richtigen Zug nehmen. Allein würden wir hier auch nicht zurechtkommen, überall sind diese komischen kryptisch verschlungenen Buchstaben und Englisch können die wenigsten. Der Bahnsteig war richtig voll. Frauen in weiten bunten Saris, Inder in Anzügen, Obdachlose in Lumpen, Kinder, jede Kaste tummelte sich am gleichen Bahnsteig.
Als wir beide in diesen blauen Zug einstiegen und ich den schweren 30kg-Koffer ins Abteil hievte, war alles total finster. Nur das schwache Licht vom Bahnsteig schien durch die vergitterten Fensterlöcher. Überall quetschten sich Inder durch die Gänge, man sah von denen maximal das weiße Hemd (wenn sie denn eins anhatten) und die weißen Zähne. Sagen wir mal, man roch mehr, als man sah. Dazu ein Zitat von Martin: „Die Inder transpirieren schon anders als wir Europäer.“ =)..
Dann ging plötzlich das Licht an und wir setzen uns, das Gepäck und die ganzen kostbaren Geräte quetschten wir unter den Sitz. Vor mir saß ein junges indisches Ehepaar. Völlig unverhofft bot mir die Frau ein Stück Chabati an, indisches Brot aus dem Lehmofen, und öffnete mir eine Tupperbox mit einem speziellen Soßenbrei. Ich sollte dippen.. Ohne viel nachzudenken und ohne unhöflich wirken zu wollen, …äh dippte ich und aß. Dann gab es noch ein Stück Spiegelei… Ich danke meinem Magen bis heute, dass er mir diese Leichtsinnigkeit vergab. Jeder hatte uns davon abgeraten, von Fremden Essen anzunehmen. Da Inder sich immer gegenseitig erkenntlich zeigen, bot ich dem Paar Maoam aus Deutschland an, Geschmacksrichtung Kirsche wurde bevorzugt.
Dann ging irgendwann das Licht aus, die Fahrgäste wollten schlafen, es war nach Mitternacht. Die Liegen waren hart, der Ventilator direkt neben meinem Kopf brummte lautstark und das Poltern und Wackeln des Zuges machte ein Einschlafen unmöglich. Draußen zog die nächtliche Landschaft vorbei, man sah aber eh nichts. Alles schwarz … paradiesische Bedingungen für jeden nachtaktiven Kleinkriminellen. Wir konnten nur hoffen, dass es nicht dazu kam. Wir hatten Glück! Als es hell wurde, war noch alles da. Die Liegen wurden nach oben geklappt und wir setzten uns wieder hin. Die Landschaft draußen ähnelte bereits den Fotos, die ich von Hospet gesehen hatte. Große runde Granitfindlinge, die sich zu Bergen auftürmten, umgeben von Reisfeldern und Kokospalmen. Dann plötzlich stand ein Inder vor mir, schaute mich eindringlich an und sprach irgendwas auf Kannada. Mein Blick schweifte und ich sah, dass er keine Hände mehr hatte, auch die Füße waren verkrüppelt. Seine Sandale lag neben seinem halben Fuß. Ich bückte mich und wollte den Latsch irgendwie mit dem Fußstumpf verbinden, doch Martin meinte nur: „Der will nur unsere Kohle haben!“. Vier Münzen bekam er vom Inder neben mir auf den halben Unterarm gelegt, der Bettler ließ die Münzen geschickt in seine Hemdtasche gleiten…
In Hospet am Bahnhof empfingen uns weitere geldhungrige Menschen. Rikschafahrer, Kofferträger (ein kleiner dürrer Opa wollte mir den 30 Kilo-Koffer für 30 Rupien (= 60 cent) die Gleisüberführung hoch- und wieder runtertragen. Ich lehnte dankend ab und verwies auf meine eigene Muskelkraft, die sicher das Fünffache betrug), Hampi-Temple-Fremdenführer, bettelnde Kinder. Wir gaben den Kindern unsere letzten fünf Äpfel, die wir für die Fahrt gekauft hatten. Diese Freude, dieses strahlende Lachen, man kann sich das nicht vorstellen. Die Kinder freuen sich über die kleinsten Dinge und leben in der größten Armut, die ich je gesehen habe. Wir dachten die Armut in Bangalore wäre krass, doch wir lagen ja sooo, ja so was von falsch! Jetzt komm ich an einen Punkt, wo es am schwersten fällt, die richtigen Worte zu finden. Worte versagen hier völlig. In meinem Tagebuch steht folgendes dazu, ich schreib das einfach mal ab: „Überall Pfützen auf rotbrauner Erde, müllübersäte Gassen, erbärmlich stinkender Dreck, schwarze Schweine, die darin wühlen, Krähen, die im Abfall picken, in all dem Chaos Menschen in einfacher Kleidung, vergilbte Hemden, verschmutzte Hosen, Häuser, die einzufallen drohen, Lehmhütten, Baracken aus Holz, Stein, Plastik und Blech. Kinder, die davor saßen, Rikschas und Autos, die auf der Straße umherfuhren, dass der Schlamm nur so spritzte. Wir sahen die Armut nicht mehr aus der Vogelperspektive, wir steckten mittendrin.“ Da uns niemand abzuholen schien, nahmen wir zwei Rikschas. Eins für uns und eins für das Gepäck. Während der holprigen Fahrt durch das Elendsviertel hatte ich Tränen in den Augen, die Eindrücke waren so heftig und überwältigend. Martin und ich saßen sprachlos in dem wackeligen Ding, während wir durch die unbefestigten Gassen heizten. Jambunatha Temple Road war das Ziel unserer Fahrt und die beiden Rikschafahrer versprachen sich womöglich das Geschäft ihres Lebens.

Wenn ich diesem Text ein positives Ende geben soll, muss ich weiterschreiben. Ich hoffe, ihr könnt noch..? Alles klar? Die Don-Bosco-Anlage ist nämlich die Oase von Hospet, der einzige Lichtfleck in diesem düsteren Haufen Elend. Es liegt etwas außerhalb und es gibt grüne Gärten, angelegte Wege, Grünflächen, Kokospalmenwälder und Schulgebäude (ich höre so manchen von euch jetzt sagen „Schule als Oase, der spinnt jetzt völlig, der Bene“… Aber es ist so und glaubt es mir einfach).

Die Rikschas fuhren uns bis vor das Büro, ein Mann kam heraus und übernahm großzügig die Bezahlung, was den Fahrern aber gar nicht gefiel. Jeder bekam 40 Rupien (knapper Euro). Sicher hätten sie von uns das Fünffache verlangt. Wir hätten es denen auch gegeben, nur konnten wir uns da schlecht einmischen, allein schon aus sprachlichen Gründen. Geknickt tuckerten die beiden davon. Da standen wir nun, verschwitzt und fertig und es dauerte keine Sekunde, da rannten Kindermassen auf uns ein. Sie sprachen uns alle an!!! auf Englisch! Die Frage, die sie stellten, war zwar einstudiert, aber nicht ihr Inhalt, die Frage kam von ganzem Herzen, das Interesse war nicht bloß gespielt. So überzeugend ist kein Straßenkind dieser Welt. Haltet mal eure Nase zu und sprecht „What’s your name?“ – so (!) klang es. Ich antwortete brav wie in der dritten Klasse „My name is Benedikt.“ (ähh den Spaß mit der Nase könnt ihr bei mir weglassen). Jeder wollte meinen Namen von mir selbst erfahren, jeder sagte mir seinen. Ich konnte mir keinen merken. Die klangen zu eigenartig. Dann erkundigten sich die hüfthohen, braunen Menschen, wo ich denn herkomme. „GERMANY, far away, direction Pakistan…“. Ich skizzierte schnell Europa und Asien in den rotbraunen Boden und zeigte Indien und Deutschland. Den Kids fielen fast die Augen raus, das war zu schräg. Es war zu lustig, sie verglichen die Hautfarbe. Martin und ich, wir waren ohne viel zu tun, die Superstars in Weiß. Die Sensation, der Überraschungsknüller … morgens um sieben Uhr und wir sahen auch so aus, aber das störte keines der fünfzig lachenden Kinder.

So ich mache jetzt erstmal Schluss, versteht ihr vielleicht was ich mit Eindrücken meine? Erst dieser Hospetschlamm, dann diese kindliche Begeisterung. Es ist eine gewaltige Flut an Erlebnissen. Es sind Extreme an Emotionen, super schlechte und super gute. Mit Sicherheit wird sich auch hier Gewohnheit einstellen und bald werde ich durch Hospet laufen, und alles normal finden…

Es grüßt aus der Oase,
Der Benedikt

P.S. Vielen Dank für eure zahlreichen Rückantworten!!! Schreibt mir das Jahr über bitte weiter. Diese Erfahrung war auch sehr großartig, im Internetcafé knapp 20 Mails vorzufinden.. Danke. Ich denke oft an euch und je mehr sich die Stärke an neuen Eindrücken legt, desto mehr empfinde ich auch schon erstes Heimweh.

P.P.S. Während der Rikschafahrt zum Internetcafe ergab sich folgendes lustiges Gespräch:Ich: Man muss eigentlich keine Science-Fiction-Romane lesen, um in einer anderen Welt zu sein. Man muss nur einfach nach Indien fliegen. (Am Straßenrand steht ein besonders dickes schwarzes Schwein und wühlt im Dreck, ich zeige drauf.)
… Und das ist Darth Vader.
Martin: Die hässliche Sau.

P.P.P.S. Gesundheitlich gehts mir erstaunlicherweise (noch) hervorragend, überhaupt keine Probleme.

Dienstag, 11. September 2007

Landeanflug auf Bangalore

Bangalore, der 11.09.2007

Bangalore Tag 1


Hallo zusammen,
momentan überschlagen sich die Eindrücke und es fällt mir schwer in kurzer Zeit, alles wiederzugeben, was ich den letzten Stunden alles erlebt habe.
Also nach 10 Stunden Flugzeit bin ich hier nun endlich angekommen, da wo der Pfeffer wächst. Es ist wahnsinnig aufregend hier, Bangalore, wo ich grad bin, ist eine irre große Metropole, 7 Millionen Einwohner. Der Landeanflug gegen halb eins morgens mit der Air France Maschine war besonders beeindruckend. Ich sah tausende, ach Millionen Lichter bis zum Horizont. Als Martin und ich das Flughafengebäude verließen, empfing uns nicht nur die tropisch schwülwarme und versmokte Nachtluft von Bangalore, sondern auch ein netter Inder mit Lieferwagen und Pappschild „Don Bosco Breads“. Nein, wir wurden nicht als „Don Boscos Brote“ willkommen geheißen, die Organisation, die hier in zwei indischen Nationalstaaten alle 20 Don Bosco Einrichtungen verwaltet, heißt „Bangalore Rural Educational And Development Society“. Deren Haupthaus wurde auch unser Nachtquartier. Wir bekamen Schlüssel 313 in die Hand gedrückt und dann ging das Licht aus. In unserem Zimmer waren zwei Betten mit Moskitonetzen und einem Deckenventilator und… eine „european-styled toilet“ – die sind in Indien wirklich selten. Heute Morgen um 9 Uhr indischer Zeit riss mich ein beharrliches Klopfen aus dem Schlaf. Ich stand auf, zog mir schnell was an und öffnete die Tür. Der Lieferwagen-Inder vom letzten Abend stand da und erklärte mir in seinem gebrochenen Englisch, dass wir zum Frühstück kommen können und dort den Big Boss treffen können, Father George Mathew. Nach einem schnellen Waschen aus dem Wassereimer gingen wir ins Erdgeschoss des vierstöckigen Hauses. Wir bekamen Toast, Bananen und abgepackten Scheibenkäse und als wir so aßen, kam plötzlich Father Mathew dazu. „Guten Morgen. You´re Martin and Benedikt, right?“ Wir unterhielten uns ganz locker und auch unser Schulenglisch reichte aus, um alles mitzubekommen. Nach dem Frühstück widmeten wir uns Bangalore bei Tag. Auch wenn wir nur einen minimalen Ausschnitt dieser Metropole innerhalb einer Stunde erkunden konnten, bekamen wir trotzdem einen ersten Blick auf die Armut. Slumquartiere, bestehend aus Holzbrettern, Plaste und Wellblech. Kinder spielten in Müllbergen und hämmerten auf einer alten Blechtonne herum, hatten dabei aber sichtlich Spaß. Frauen fegen mit Palmenblättern den Staub von der Straße, hupende Rikschas fahren herum und ignorieren sämtliche Verkehrsregeln. Auch der Linksverkehr hier ist im Grunde nur eine Richtlinie. Überall riecht man den Geruch der typischen indischen Gewürze. Essensdämpfe dringen aus den Häusern. Das Mittagessen war auch eine besondere Erfahrung. Wir lernten etwa 20 Salesianer (Ordensleute von Don Bosco) kennen, die total offen zu uns waren und einen hervorragenden Humor besaßen. Wir scherzten über den Schärfegrad der indischen Küche, unterhielten uns über den Papst und den Weltjugendtag und ein weißbärtiger, zahnloser Salesianer aus dem Himalaya erzählte mir, während er mit den Fingern aß (nichts ungewöhnliches), warum er so alt geworden war.
Und die wichtigste Nachricht war für uns, dass es heute Abend schon nach Hospet geht. Also kein zweiwöchiger Aufenthalt in Bangalore. Martin und ich werden nachher gegen 10 Uhr mit dem Nachtzug im Schlafabteil nach Hospet, ins Projekt fahren. Erste Einweisungen gab es im perfekten Englisch von der Sekretärin Raji und von George Mathew bekamen wir einen Beamer und einen Laptop mit, den wir ins Projekt mitbringen sollen. (Unsere technische Ausrüstung beträgt nun mittlerweile drei Laptops, ein Beamer, ein Camcorder, zwei Digicams und noch (!) ein Handy).. Hoffentlich kriegt das kein fieser Mitreisender im Zug mit =).
Einer wird immer Nachtwache halten müssen. Achso und eine heilige Kuh haben wir auch schon gesehen, zumindest war die so heilig, dass sie im Müll am Straßenrand nach Essbarem gesucht hat. Also zusammengefasst, uns geht es hier besser als wir gedacht haben, wir haben Freunde gefunden, die Atmosphäre ist sehr locker und das Essen ist genießbar und bekömmlich.
Viele Grüße an die Heimat,
Euer Benedikt